© Universal Pictures International Germany GmbH / Blake Lively als Ophelia in der Mitte von Taylor Kitsch (Chon, links) und Aaron Taylor-Johnson (Ben, rechts)

Regisseur Oliver Stone, berühmt geworden durch „Platoon“, etabliert durch „Wall Street“, gefeiert für „Geboren am 4. Juli“ und zur Ikone herangewachsen mit „JFK – Tatort Dallas“, „Natural Born Killers“ oder „An jedem verdammten Sonntag“ bringt mit seinem neuesten Film „Savages“, eine Adaption des gleichnamigen Romans des amerikanischen Schriftstellers Don Winslow, ein Werk auf die Kinoleinwände, welches zwei Motive miteinander verbindet, die in Stones persönlichen Leben und Wirken immer wieder eine Rolle gespielt haben: Der Krieg, mit dem der 1946 in New York geborenen Filmemacher in Vietnam selbst Bekanntschaft gemacht hat, sowie den Drogen, für deren illegalen Besitz er mehr als einmal verhaftet und angeklagt wurde. Viele Bilder des Kinos von Oliver Stone entstammen diesen Begebenheiten, über „Scarface“ sagte er einst, dass die Handlung lose auf seiner eigenen Abhängigkeit von Drogen basieren würde. So traurig das klingen mag, so erfolgreich ist er doch mit seinem Schaffen. Für „Geboren am 4. Juli“, nach der Autobiographie des Vietnam-Veteranen Ron Kovic, erntete Hauptdarsteller Tom Cruise seine erste Oscar-Nominierung, während Oliver Stone als bester Regisseur ausgezeichnet wurde. „Platoon“, drei Jahre zuvor entstanden, entwickelte sich mit den Jahren zu einem Kult-Kriegsfilm, viele Auszeichnungen, noch mehr Erwähnungen auf All-Time-Bestenlisten (u.a. Platz 83 in dem „100 Years…100 Movies“-Ranking des American Film Institutes). In „Savages“ arbeitete Oliver Stone nun mit zwei Schauspiel-Jünglingen zusammen, transferierte den Krieg und die Drogen auf ihre beiden Charaktere. Taylor Kitsch, jüngst höchst erfolglos mit „John Carter“ und „Battleship“, ist der Ex-Navy-SEAL Chon, zurückgekehrt aus Afghanistan, innerlich mit den dort gemachten Erfahrungen gebrandmarkt. Aaron Taylor-Johnson, durch „Kick-Ass“ zu größeren Filmrollen gekommen, ist Ben, ein Gutmensch und Botaniker, der eine sensationelle Cannabis-Züchtung mit einem THC-Wert von über 30% entwickelt hat.

Benicio Del Toro als Lado

Die beiden haben sich in dem verträumt, idyllischen Laguna Beach niedergelassen, im kalifornischen Süden, wo sie bei Strand und Sonne ihre Mitmenschen mit dem besten Marihuana aller Zeiten versorgen. Da Ben und Chon schon immer die besten Freunde waren, wird der erzielte Gewinn natürlich gerecht geteilt, ebenso wie Ophelia (Blake Lively), ihre angebetete Dame, die sich in die Obhut der beiden Männer begeben hat. Das Geschäft läuft, die Dreiecksbeziehung auch, aber als Elena (Salma Hayek), die Chefin des gefürchteten mexikanischen Baja-Drogenkartells das erfolgreiche Rezept und die Kontakte von Ben und Chon gewinnen möchte, beginnt das Leben schwer zu werden. Elena macht den beiden ein Angebot, welches sie automatisch als angenommen betrachtet, aber die zwei erfolgreichen Männer sträuben sich auf die Zwänge des Drogenkartells einzugehen. Daraus resultiert, dass ihnen der unbarmherzige Killer Lado (Benicio Del Toro) auf den Hals gehetzt wird. Die Jungs suchen die Unterstützung des korrupten Drogenbeamten Dennis (John Travolta), der aber auch nichts mehr an dem drohenden Krieg zwischen Drogenkartell auf der einen Seite und Ben und Chon auf der anderen Seite auszurichten vermag. Und ausgerechnet Ophelia gerät als Opfer mitten in diesen heftigen Schlagabtausch hinein.

Nach seinem eher schwachen Fortsetzungsversuch „Wall Street: Geld schläft nicht“ hält Oliver Stone die Erwartungen an seine filmische Rückkehr ein, indem er die Erwartungen in seiner Handlung immer wieder bricht. In dem Drehbuch, geschrieben von Stone in Kooperation mit Buchautor Winslow sowie Shane Salerno, gibt es einige Stellen an denen der Zuschauer das obligatorische Hollywoodkino erwarten würde. Eine Dreiecksbeziehung zwischen Ben, Chon und Ophelia muss Eifersüchteleien hervor bringen, das Oberhaupt eines Drogenkartells ist unberechenbar und hat ein Herz aus Stein, wenn zwei so gegensätzliche Charaktere wie Ben („Wir können die Welt verändern“) und Chon („Die Welt wird uns verändern“) aufeinander treffen, muss es irgendwann zu Streitigkeiten kommen und am Ende eines Drogenfilms, sterben zumeist alle Beteiligten den tragischen Tod. Nun nimmt Oliver Stone aber eben diese Erwartungen an „Savages“ – natürlich adaptiert er nur die Romanvorlage, in der diese Geschichte geschrieben steht – und serviert sie den Zuschauern nuanciert spannungsgeladen, gibt Andeutungen in die beschriebenen Richtungen, nur um sie alle irgendwie zu brechen. So wird Blake Livelys Ophelia, dass darf verraten werden, als Druckmittel gegen ihre beiden Liebhaber entführt, nur um in der Gefangenschaft mit ihren Peiniger zu kooperieren, besseres Essen zu fordern und sogar eine intime Unterhaltung mit der sonst so reservierten Elena zu führen. Diese ist ebenso knallhart, wie sie sich fürsorglich um die Liebe ihrer Tochter bemüht, die sich für die illegalen, höchst kriminellen Geschäfte ihrer Mutter schämt. Daher die kleine Prise Mitleid, die sie für ihre eigene Geisel empfindet, ebenfalls eine Tochter, deren Mutter sich in diesem Moment aber so gar nicht um ihr Kind sorgt, lieber irgendwo in der Weltgeschichte umherreist.

Einzig am Ende vergaloppiert sich Stone mit seiner Verwischung der Erwartungen, nutzt ein altbackendes Mittel um sein Finale noch einmal herum zu drehen, verwendet die immer wieder von Blake Lively gesprochene Off-Stimme, die uns suggeriert, dass sie uns zwar diese Geschichte erzählen, deswegen aber nicht automatisch überleben wird. Es könnte ja alles eine Aufzeichnung sein. Auf diese Äußerung wird am Ende auf der Bildebene eingegangen, uns wird gezeigt, was wir durch diesen Satz auch erwarten, nur um dann noch einmal die Kurve zu nehmen, ein starkes Abschlussbild zu negieren und den schlechteren, gar weniger mutigen Ausweg für die drei Hauptprotagonisten zu wählen.

Salma Hayek als Drogenbaronin Elena

Immerhin droht die Dreiecksgeschichte zwischen diesen niemals zu explodieren, die Liebe zueinander ist da, bleibt bestehen, wird nicht einmal angekratzt. Das gebührt den Mexikanern, die sich in ihrem Kartell gegenseitig die Schuld für Misserfolge zustecken und immer ein Auge nach oben auf Elena haben, wie lange diese noch den Thron an der Spitze inne haben wird. Wo bei der ungewöhnlichen Konstellation Ben, Chon, Ophelia also das Vertrauen vorhanden ist, obgleich man sich eine solche Beziehung eher schwer vorstellen mag, ist es das weit umfassende Kartellnetz, welches weitaus schwächer daherkommt, ohne Vertrauen, ohne Liebe, ohne eine Grundfeste Überzeugung zum Scheitern verurteilt scheint. Das alles, mit den vielen Figuren die hier auftreten, erzählt Oliver Stone angenehm geradlinig, verwickelt sich nicht in unzähligen Nebengeschichten, eigentlich in gar keiner, nur wenige Details über Nebenfiguren werden geäußert oder können beobachtet werden. Dazu gehört ein kleiner Ausflug in die heimischen vier Wände von John Travoltas Drogenbeamten, der sich von Korruption zu Korruption schlägt, seine Frau leidet an Krebs, liegt im Sterben, er muss sich allein um seine Kinder kümmern. Das genügt an Informationen für Travolta, um aus der Figur ein stets unsicheres, um das eigene Überleben besorgtes Wiesel zu machen, welches sich immer demjenigen anbiedert, der ihn gerade am meisten bedroht. Gegenwehr gibt es so gut wie keine. Auch Lado, mit Fönfrisur und Schnurrbart, von Benicio Del Toro gespielt, erzählt von seiner Frau, die ihn verlassen möchte, er pflückt Tomaten von einem Sandwich, Kleinigkeiten, die wenig relevant erscheinen, aber von denen Oliver Stone weiß, dass sie die Figuren glaubhafter und realer erscheinen lassen.

„Savages“ zeigt die inszenatorische Stärke Oliver Stones, wenn auch nicht auf seinem höchsten Niveau, es wirkt vielmehr wie eine aus dem Handgelenk geschüttelte Leistung, durchaus positiv behaftet. Die Darsteller, selbst Taylor Kitsch und Blake Lively, die sich bisher nicht mit vielen Lorbeeren schmücken konnten, weiß Herr Stone gekonnt durch seinen Film zu manövrieren, entlockt ihnen die gerade benötigte Emotionalität – Aaron Taylor-Johnsons Ben muss vom lockeren Buddhisten, zum verängstigten Kleinganoven bis hin zum abgeklärten Kidnapper mehrere schauspielerische Stadien durchleben, Taylor Kitsch bleibt seinen bisherigen Rollen als Kriegsveteran und Soldat („John Carter“, „Battleship“) treu, spielt verbissen, zäh, ohne der Welt noch etwas abgewinnen zu können. Ophelia ist ihre Mitte, der Ausgleich, sie komplettiert das Dreiergespann, sowohl innerhalb des Films als auch auf schauspielerischer Ebene wirkt es fast so, als gehörten sie zusammen. Das möchte der Film erzählen, dass schafft es Oliver Stone zu inszenieren.

Denis Sasse

“Savages“

Originaltitel: Savages
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 130 Minuten
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Taylor Kitsch, Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Emile Hirsch

Deutschlandstart: 11. Oktober 2012
Offizielle Homepage: movies.universal-pictures-international-germany.de/savages