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Im Netflix-Film OKJA muss ein junges Mädchen ihr Superschwein retten

Mit dem gesellschaftskritischen Science Fiction Film Snowpiercer hat Regisseur Bong Joon-ho in 2013 sein US-amerikanisches Spielfilm-Debüt gegeben, obwohl er sich schon mit in seiner Heimat Südkorea entstandenen Filmen wie Hunde, die bellen, beißen nicht (2000), Memories of Murder (2003), The Host (2006) oder Mother (2009) einen internationalen Namen gemacht hat. Mit seinem neuen Film Okja hat er derweil den allerersten Film inszeniert, der als Netflix Original Movie bei den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere feiern durfte.

In dem Film geht es um die Freundschaft zwischen der kleinen Mija (Ahn Seo-hyun) und dem Superschwein Okja, die gemeinsam in den Bergen von Südkorea leben. Okja ist ein künstlich von der Mirando Corporation erschaffenes Riesenschwein, dass von der Geschäftsführerin Lucy Mirando (Tilda Swinton) als Entdeckung in freier Natur und Rettung für alle Nahrungsprobleme auf der Erde angepriesen wird. Hiervon wurden 26 Stück auf der ganzen Welt verteilt. Eines von diesen Superschweinen soll 10 Jahre später – jetzt – als beste Züchtung in New York präsentiert werden.

Als der Zoologe Dr. Johnny Wilcox (Jake Gyllenhaal) Okja in Südkorea besucht, ist er beeindruckt und entscheidet, dass dieses Exemplar das beste Superschwein von allen ist. Okja soll über Seoul nach New York gebracht werden, was Mija nicht hinnehmen kann. Sie folgt ihrem besten Freund nach Seoul, wo sie auf die Animal Liberation Front trifft, deren Mitglieder Jay (Paul Dano), K (Steven Yeun) und Red (Lily Collins) sich für die Rettung von ungerecht behandelten Tieren einsetzen. Sie wollen Mija helfen, Okja aus den Händen der Mirando Corporation zu befreien, die weitaus grausamere Dinge mit dem Superschwein vorhaben, als sie es in der Öffentlichkeit zugeben wollen.

Okja
Lucy Mirando (Tilda Swinton, links) mit der kleinen Mija (Ahn Seo-hyun) in OKJA.

Gerade in den ersten Minuten von Okja, werden Erinnerungen an Studio Ghiblis Mein Nachbar Totoro geweckt, wie die kleine Mija mit ihrem pummeligen großen Monsterfreund durch die südkoreanische Landschaft streicht. Das kleine Mädchen muss Okja von einem Igel im Fuß befreien, während er ihr einen Gefallen tut, wenn er mit seinen gigantischen Körpermassen in einen See springt und ihr die Fische zum Abendbrot an Land spült.

Regisseur Bong Joon-ho schafft hier nicht nur eine wunderbare Atmosphäre, sondern etabliert auch diese fühlbare Freundschaft zwischen Mija und Okja. Es bedarf keiner großen Anstrengung, uns das emotionale Band zwischen diesen beiden Figuren spürbar zu machen. Mija, die wunderbar liebevoll, verzweifelt und entschlossen von Ahn Seo-hyun gespielt wird, ist gemeinsam mit Okja aufgewachsen. Der Riese ist nicht nur ihr bester Freund, sondern ihre Familie.

Okja selbst ist eine CGI-Figur, die von den Filmemachern perfekt in das reale Umfeld eingefügt worden ist. Gute CGI ist, wenn man sie nicht wahrnimmt. Man nehme die Planet der Affen-Filme, in denen sprechende, aufrecht gehende und Waffen führende, Pferde reitende Affen die Hauptprotagonisten in einer postapokalyptischen Welt darstellen, ohne uns jemals an ihrer filmischen Existenz zweifeln zu lassen. Ähnlich ist es mit Okja. Wir nehmen das Wesen gar nicht so sehr als Fantasie-Schwein wahr, sondern können uns sehr schnell dessen wirkliche Existenz in dieser Welt – oder in naher Zukunft in unserer eigenen Welt – vorstellen.

Zusätzlich hat Bong Joon-ho seinen Film mit großartigen Figuren gefüllt. Die kleine Mija als kindliches Auge auf die große, böse Geschäftswelt, wo Freundschaften jederzeit gegen Profite eingetauscht werden. Tilda Swinton darf in einer Doppelrolle spielen. Beide ebenso verrückt und durchgedreht wie ihr Auftritt in Snowpiercer. Vor allem als Lucy Mirando, eine Zahnspange-tragende, verunsicherte Frau, die sich durch ihre Position als Geschäftsführerin und Ideen-Geberin für das Okja-Projekt für sich selbst und vor ihrer noch skrupelloseren Schwester beweisen möchte.

Jake Gyllenhaal muss derweil den Spaß seines Lebens gehabt haben, hier nicht in seiner sonst typischen Rolle des in sich gekehrten Grüblers spielen zu müssen. Ein wenig lässt er seine finstere Nightcrawler-Seite heraus, fügt dieser aber eine comichafte Seite hinzu, die ihn streckenweise over-the-top erscheinen lässt, niemals aber unrealistisch wirkt, wenn wir uns das Gesamtbild des Films anschauen. Gyllenhaal darf hier den selbstverliebten Schleimbolzen geben, der sich nur allzu gerne zur Schau stellt, im stillen Kämmerlein aber zum unberechenbaren Alkoholiker mutiert, der wie ein betrunkener Clown auf die Superschweine losgelassen wird.

Okja
Die Animal Liberation Front (ALF) hilft Mija bei ihrem Rettungsversuch von Okja.

Sobald wir mit Mija die südkoreanische Idylle in Richtung Großstadt verlassen, sind es vor allem die Momente mit der Animal Liberation Front (kurz: ALF), die besonders unterhaltsam sind. Diese Gruppierung hat einen eigenen Film verdient, wie sie jegliche Gewalt verabscheuen und ihre Aktionen offensiv-defensiv gestalten. Sie wehren Geschosse mit Regenschirmen ab, entschuldigen sich für jede zu aggressive Aktion und sind natürlich alle Veganer. Wenn man Figuren sowohl aggressiv als auch tolerant, wenn man sie offensiv als auch defensiv oder brutal und sanft zu gleich beschreiben kann, dann weiß man, dass ein Drehbuchautor und Regisseur wie Bong Joon-ho ziemlich facettenreiche Figuren geschrieben und erschaffen hat.

So viel Spaß diese Aktionen machen, so wenig Aufmerksamkeit bekommen sie. Es gibt eine Auseinandersetzung zwischen Paul Danos (Swiss Army Man) Jay und Steven Yeuns (The Walking Dead) K, die viel mehr hätte diskutiert werden können. Deswegen benötigt die Animal Liberation Army einen ganz eigenen Film, um mehr über all ihre Überzeugungen, ihre Einsatz- und Opferbereitschaft, aber auch über ihre Streitigkeiten untereinander zu erfahren.

Natürlich konzentriert sich Okja mehr auf die Verbindung zwischen Mija und ihrem Superschwein. Und der Film funktioniert gerade deswegen über seine Laufzeit von etwa zwei Stunden, weil wir von Beginn an in diese Beziehung hineingezogen werden. Deswegen ist die Story so wunderschön, so lustig, aber auch angsteinflößend und traurig. Wenn wir Mija zu einer gigantischen Fabrik folgen, wo Superschweine geschlachtet und hinter Konzentrationslager ähnlichen Zäunen gehalten werden, ähnelt das einem Mix aus Spielbergs Schindlers Liste und George Millers Schweinchen Babe in der großen Stadt.

Ähnlich wie mit seinem Snowpiercer und wie es sich für gute Science Fiction Filme gehört, diskutiert Bong Joon-ho mit Okja unsere Gedanken herausfordernde Thematiken. Bei ihm geht es um das Verantwortungsbewusstsein von Mega-Konzernen, um den Konsum von Fleisch, als auch um die brutalen Bedingungen, unter denen Tiere gehalten und zu unserem Essen verarbeitet werden. Nicht dass die zu sehenden Bilder schrecklicher wären als manche Dokumentation, aber Okja verknüpft gekonnt diese ernsten Realwelt-Thematiken mit Momenten von bester Filmunterhaltung.

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