Filmkritik

“Oblivion” von Joseph Kosinski

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© Universal Pictures International Germany GmbH / Tom Cruise in "Oblivion"

© Universal Pictures International Germany GmbH / Tom Cruise in “Oblivion”

Die Welt ist dem Untergang geweiht. Das werden uns in nächster Zeit gleich mehrere Vertreter des Science Fiction Genres vorführen wollen. Obgleich man diese Aussage noch spezifizieren kann: Nicht die Welt, sondern die Menschheit hat es schwer, die nächsten Jahre zu überstehen. In „After Earth“ stranden Will Smith und Sohn Jaden auf unserer Erde, die sich im Verlauf der Jahre zu einem ungemütlichen, menschenfeindlichen Ort entwickelt hat, an dem sich der Mensch ganz unten auf der Nahrungskette wiederfindet. In „This is the End“ erleben James Franco und Seth Rogen, wie der Weltuntergang ihnen eine großartige Party vermasselt, in „World War Z“ überrennen Zombies die Zivilisation und in „Seelen“ werden die menschlichen Körper von Außerirdischen übernommen. Der Science Fiction Film meinte es noch nie gut mit der Menschheit. Und auch „Oblivion“ von Regisseur Joseph Kosinski, der 2010 Tron wieder auferstehen ließ, spielt auf einer fast verlassenen Erde, auf der nur noch zwei Menschen ihren Dienst verrichten. Andrea Riseborough und Tom Cruise, eine Art zum Mensch gewordener Wall-E, der sich über die Erde bewegt und in nostalgischen Gedanken an vergangene Zeiten schwelgt, wenn er Baseball Spiele in zerstörten Stadionruinen imitiert und sich immer wieder in eine beschauliche Hütte im Wald zurückzieht, die von der Zukunft verschont geblieben ist.

Zwischen diesen Ruhepausen, in denen Jack Harper (Cruise) seiner früheren Sportbegeisterung frönt oder sich das einfach Leben unserer Zeit zurücksehnt, ist er einer der letzten Flugdrohnen-Mechaniker, der noch auf der inzwischen verwüsteten Erde stationiert ist. Gemeinsam mit seiner Partnerin Victoria (Riseborough) ist er dafür verantwortlich, dass die überall über die Erde patrouillierenden Roboterdrohnen ihren Dienst verrichten. Diese sorgen dafür, dass die durch die Landschaft vagabundierenden Scavs sich nicht an den lebenswichtigen Ressourcen zu schaffen machen. Kurz vor der Abreise vom Planeten Erde, kurz vor der Erfüllung seiner Mission, entdeckt Jack dann aber ein abgestürztes Raumschiff mitsamt einer Frau (Olga Kurylenko), die er zuvor schon mehrmals in seinen Träumen gesehen hat. Dieser Vorfall löst eine Kettenreaktion aus. Auf einmal muss Jack nicht nur seine eigene Existenz in Frage stellen, sondern auch das Schicksal der Erde scheint anders verlaufen zu sein, als er es bisher annahm.

Andrea Riseborough

Andrea Riseborough

Damit ähnelt Tom Cruise dann noch mehr Pixars Wall-E, diesem kleinen Blechhaufen, der die Erde unnachgiebig vor der Verdreckung bewahrte, nur um bei seiner Reise ins All herauszufinden, dass die Menschheit selbst für diese verantwortlich war und den Planeten aufgeben musste. Ein ähnliches Muster findet sich auch in „Oblivion“ wieder. Aber auch noch viel mehr. Denn Joseph Kosinski bedient sich im gesamten Sci-Fi Genre. Es scheint fast so, als habe er sich nicht für ein Motiv entscheiden können, am Ende staunt man, dass nicht auch noch eine Zeitreise irgendwie untergebracht werden konnte. In der zweiten Hälfte des Films fühlt man sich oftmals an „Moon“ erinnert, dieses Meisterstück mit Sam Rockwell, der mit ganz leisen Tönen eine immense Bereicherung für den modernen Science Fiction war. Noch viel öfter fühlt man sich wie in Kosinskis eigenem „Tron: Legacy“, mit all den großen, weiten Bildern, mit den sterilen Apparaturen, die einer iPod-Welt gleichkommen – und sogar schon Herr über das von J. J. Abrams neu geschaffene Raumschiff Enterprise geworden sind. Aber das größte Tron-Indiz ist dann die Musik, dröhnend hämmernd in jeder Szene, gleich ob mit Action beladen oder in romantischer Zweisamkeit, immer präsentiert er den Hintergrund mit lauten elektronischen Klängen. Dieses Mal jedoch nicht von Daft Punk geliefert, sondern von M83, einem seit 2001 bestehenden französischen Elektroduo, das zumindest für „Oblivion“ eine fantastische Kopie Daft Punks liefert.

Interessant an dieser Zukunftswelt ist, dass Tom Cruise sie nicht überflügelt. Joseph Kosinski ist ein Weltenbauer, kein Mann der seine Darsteller in den Mittelpunkt setzt. Eine willkommene Gabe für jedwede Utopie oder Dystopie, für jeden Film der uns eine fremdartige Umgebung präsentieren möchte. Zwar bekommt Cruise hier immer wieder seine Nahaufnahmen, doch dabei spielt immer der Hintergrund vor dem diese geschehen eine Rolle. Steht er nun also in diesem halb zerfallenen Baseball-Stadion, so fährt die Kamera zwar ganz dicht an ihn heran, wie er zum imaginären Schlag ausholt, die jubelnde Menschenmasse imitiert, aber für den Zuschauer bleiben doch immer die Ruinen der zentrale Fixpunkt dieser Szene. So zieht es sich durch den Film. Leider widmet man dafür Morgan Freeman und seinen Scavs weniger Zeit. Anfangs noch für eine außerirdische Rasse gehalten, wird bald deutlich, dass auch sie zu den Menschen gehören, aber um die Wahrheit des Planeten Bescheid wissen. Das wird in wenigen Momenten vermittelt. Der Film nimmt sich weder die Zeit eine ernstzunehmende Bedrohung und Angst aus dem Auftauchen der Scavs zu ziehen, noch ihre Lebensweise und Zivilisation zu ergründen. Hier bleibt „Oblivion“ dann eben doch wieder ein Tom Cruise Film.

Olga Kurylenko

Olga Kurylenko

Als ein weiterer Hauptdarsteller des Films kann dann wohl auch das von Daniel Simon designte Bubble Ship genannt werden: Ein Raumschiff in bester Tradition von Science Fiction Vehikeln wie der Nostromo, der Prometheus, dem Millennium Falken oder dem DeLorean. Auch hier eine Konzeption, die Handlung und Hauptdarsteller überschattet. Dieser Helikopter ähnliche Flugapparat erinnert ein wenig an eine Libelle, wurde in Wahrheit zum Teil dem Bell 47 Helicopter nachempfunden, der im New Yorker Museum of Modern Arts hängt und schon Vorlage für den Batcopter in dem 1966er „Batman hält die Welt in Atem“ war. Immer wenn Cruise in dieses Konstrukt steigt, nimmt der Film an Fahrt auf. Entweder der Pilot stürzt sich mit seinem Flugobjekt von einer schwindelerregend hohen Plattform oder er liefert sich Verfolgungsjagten, die den Hauptteil der Action in „Oblivion“ ausmachen. Hier sei positiv vermerkt, dass der Film sich nicht sonderlich auf seine Action stützt, wenn auch nicht gänzlich ausblendet. Aber offenbar hat sich Tom Cruise zuletzt in „Mission: Impossible 4“ und „Jack Reacher“ schon genug ausgetobt, als dass er hier dasselbe noch einmal wiederholen müsste. Stattdessen begibt er sich ganz in die Hände der Handlung, lässt die dystopische Zukunft genug Treibkraft für sein Walten sein.

Und das ist, weswegen man sich als Zuschauer und Sci Fi Freund auf “Oblivion” einlassen darf. Hier wird keine Tom Cruise Show geliefert, sondern wirklich ein Einblick in die Welt gewährt, wie sie der Regisseur konstruiert hat. Kein Sci Fi Geballer, sondern auf seine ganz eigene Art und Weise ebenso ruhig wie “Moon”, nur mit ein wenig mehr Blockbuster und Popcorn inszeniert.

 


Oblivion_Hauptplakat

“Oblivion“

Originaltitel: Oblivion
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 124 Minuten
Regie: Joseph Kosinski
Darsteller: Tom Cruise, Andrea Riseborough, Morgan Freeman, Olga Kurylenko, Nikolaj Coster-Waldau, Zoe Bell, Melissa Leo

Deutschlandstart: 11. April 2013
Im Netz: universal-pictures-international-germany.de/oblivion


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