Noch immer erzählt Joe (Charlotte Gainsbourg) Seligman (Stellan Skarsgård) ihre Geschichte - in Lars von Triers "Nymphomaniac - Teil 2"
Noch immer erzählt Joe (Charlotte Gainsbourg) Seligman (Stellan Skarsgård) ihre Geschichte – in Lars von Triers “Nymphomaniac – Teil 2”

Den zweiten Teil von Lars von Triers Nymphomaniac einzuordnen fällt doch etwas schwer. Ist es eine Fortsetzung im klassischen Sinne? Bestimmt nicht. Die Handlung setzt exakt dort ein, wo sie im ersten Teil beendet wurde. Wer den ersten, in fünf Episoden aufgeteilten Film noch nicht sehen konnte, bekommt keine Schnellzusammenfassung geliefert. Es fehlt das „previously on…“, das Fernsehserien so gerne nutzen um die Zuschauer Up-to-Date zu bringen. Keine Erinnerungen zurück, kein Schwelgen in der Vergangenheit – es wäre möglich gewesen, spielt im zweiten Teil doch die erwachsene Joe, die zuvor nur in Seligmans Bett saß und aus ihrer Jugend erzählte, auch in den eigenen fortgeführten Erzählungen (dieses Mal in vier Episoden aufgeteilt) die Hauptrolle. Aber nein. Nymphomaniac behält dieses Brandmal der Veröffentlichungspolitik, das vermutlich nicht einmal bei Erscheinen für den Heimmedienmarkt umgangen wird. Die komplette, insgesamt fünf Stunden andauernde Schnittfassung des Films gab es nur in Dänemark zu sehen, der Heimat Lars von Triers. Dann startete Nymphomaniac in Großbritannien – in zwei Teilen – und wurde so auch im Rest der Welt weiter verbreitet.

Ein Gutes hat diese Strategie. Sie fügt sich in die derzeitigen Sehgewohnheiten ein, bei denen Serien ganz hoch im Kurs stehen. Man möchte sich nicht von geliebten oder verhassten Figuren verabschieden. Sie sollen wiederkehren und mehr von sich preis geben. Das geschieht hier zwangsläufig. Wer denn nun doch den ersten Teil sehen durfte, wird wissen, dass die junge Joe, gespielt von der hier nur noch einmal kurz zu sehenden Stacy Martin, ihre Fähigkeit eingebüßt hat, einen Orgasmus zu bekommen. Derweil wird Seligman, ihr treuer Zuhörer, als Asexuell geoutet, womit Nymphomaniac – Teil 2 das ausschweifend, eben nymphomanische Sexleben des ersten Teils herum dreht und die Suche oder Neuentdeckung des Liebesspiels in den Vordergrund stellt.

Jamie Bell als K (rechts) greift gerne zu härteren Mitteln in Sachen Sex
Jamie Bell als K (rechts) greift gerne zu härteren Mitteln in Sachen Sex

Lars von Trier hat dem Gesamtwerk seiner letzten Filme, bestehend aus Antichrist, Melancholia und nun Nymphomaniac, den Titel „Depression-Trilogy“ gegeben, immer mit Charlotte Gainsbourg an seiner Seite, die das entsprechende Bild der Depression immer überzeugend zu spielen vermag. In Antichrist erfuhr dies bislang wohl die brutalst-anmutende Manifestation – zumindest für die Männerwelt – in Melancholia wechselt sich Gaisbourg mit Kirsten Dunst ab, im Angesicht des Weltuntergangs in Depressionen zu verfallen.

Bei Nymphomaniac ist es diese zweite Hälfte des Films – oder eben der zweite Teil – bei der die Depression in den Vordergrund gestellt wird. Joe, die Sex in allen Lebenslagen und mit unzählbar vielen Männern genossen hat, ist der Orgasmus abhanden gekommen und nun versucht sie diesen für sich wieder zu entdecken. Hierfür nimmt sie den sexuellen Kontakt mit zwei Afroamerikanern auf, die sie im Doppel besteigen sollen, mit dem äußerst gewaltfreudigen K (Jamie Bell), der einer Arztpraxis gleich, Frauen quasi bei sich in Behandlung nimmt, um ihnen mit Sadomaso-Spielchen die verlangten Lüste zu gewähren, oder sie schließt im Auftrag von L (Willem Dafoe) Freundschaft mit der jungen Waise P (Mia Goth), woraus sich eine homosexuelle Liebeserfahrung entwickelt.

Mia Goth (links) spielt P, mit der Joe eine homosexuelle Beziehung versucht
Mia Goth (links) spielt P, mit der Joe eine homosexuelle Beziehung versucht

Wenn hier also die Depressionen in den Vordergrund treten, müssen die im ersten Teil noch anwesenden Momente des Schmunzelns verabschiedet werden. Es mag zwar lustig anmuten, wie die beiden Afroamerikaner sich nicht darüber einig werden, wer seinen Penis nun in welche Körperöffnung Joes einführen darf, aber das ist hier nun auch wirklich das höchste Amüsement. Das macht Nymphomaniac – Teil 1 sicherlich unterhaltsamer, mindert aber nicht den Schauwert des Nachfolgers. Und überhaupt muss man die Wirkungen, die der Film entfaltet, eigentlich ja eh im Gesamtzusammenhang betrachten, als gäbe es keine Trennung von Teil 1 und Teil 2. So ist es ja nun einmal auch von Lars von Trier intendiert.

Und ein Aufreger, ein Pöbel und gegen den Strich-Mensch wie von Trier nun einmal ist, schafft er es am Ende auch noch, uns in der Schwärze des Bildes, nur mit Ton, einen Filmabschluss vor die Füße zu werfen, der uns aufregt, von dem wir uns verspottet fühlen, angepöbelt, der und ganz und gar gegen den Strich geht. Aber bei Lars von Trier endet die Depression nun einmal weder in Antichrist noch in Melancholia mit einem erlösenden, den Zuschauer mit einem Happy-Ending nach Hause schickenden, Abschluss. Warum also hier? Es werden Welten durcheinander gebracht oder beendet. Damit fügt sich Nymphomaniac nun als Komplettfilm hervorragend in von Triers „Depression-Trilogy“ ein.


Nymphomaniac - Teil 2_Plakat”Nymphomaniac – Teil 2„

Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: DK/ D/ F/ S, 2013
Länge: ca. 124 Minuten
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Jamie Bell, Willem Dafoe, Mia Goth, Michael Pas

Kinostart: 3. April 2014
Im Netz: nymphomaniac-derfilm.de

Bilder © Concorde Filmverleih GmbH