Filmkritik

“Babycall” von Pål Sletaune

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© NFP/Filmwelt / Noomi Rapace als Mutter Anna in “Babycall”

Seit Sieg Larssons Millennium-Trilogie Verfilmungen ist die Filmwelt vorurteilsbehaftet: Thriller, die aus skandinavischen Ländern stammen, müssen einfach gut sein. Das bewies zuletzt auch Regisseur Morten Tyldum mit seiner Inszenierung „Headhunters“, basierend auf einem Roman des Schriftstellers Jo Nesbø. Nun gesellt sich der Norweger Pål Sletaune („Wenn der Postmann gar nicht klingelt“) zu dieser illustren Runde hinzu – ein Mann, der die Regie zu „American Beauty“ seinerzeit ablehnte, da er das Drehbuch für zu schwach empfand. Jetzt ist er bei „Babycall“ selbst für das Drehbuch, wie auch für die Regie, verantwortlich und zeigt Schauspielerin Noomi Rapace in einer verstörenden Mutterrolle.

Sie spielt Anna, die mit ihrem achtjährigen Sohn Anders ein neues Leben beginnen möchte. Gerade hat sie die schwierige Beziehung zu Anders‘ Vater beendet, nun zieht sie gemeinsam mit ihrem Sohn in einen anonymen Wohnblock. Doch die Angst zieht mit. Weil Anna Anders auch nachts nicht unbeschützt lassen möchte, kauft sie ein Babyphon. Damit hört sie jedoch nicht nur ihren Sohn, sondern auch Stimmen und Geräusche aus benachbarten Wohnungen, die die Frequenz überlagern. Unter diesen Stimmen mischt sich auf einmal etwas, das auf einen Mord an einem Kind hindeutet.

Vetle Qvenild Werring als Sohn Anders

„Babycall“ unternimmt niemals den Versuch harmlos zu wirken, schon zu Beginn sehen wir Noomi Rapace blutig am Boden liegen, eine Stimme fragt sie, wo ihr Sohn Anders sei. Dann springt der Film in der Zeit zurück, entfernt sich von der blutigen Szenerie, zeigt Anna und Anders, wie sie frisch in ihre neue Wohnung einziehen. Aber schon hier herrscht bedrückende Stimmung, das innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zeigt sich eher distanziert, dennoch fürsorglich und liebevoll. Regisseur Sletaune gelingt eine merkwürdige Gratwanderung. Vielleicht ist es die Liebe zueinander und die gemeinsame Angst vor dem Vater, der dieses Mischgefühl aufkommen lässt. Immerhin hat Annas Ex-Ehemann den Sohn versucht zu ertränken und aus dem Fenster zu werfen. Die Angst wird durch Rapaces Blicke zur vollen Tragweite entfaltet, sie wird den Zuschauern unmissverständlich bewusst gemacht – und das allein durch die Mimik der Hauptdarstellerin, die sich hier – fast wie in einem Kammerspiel – gänzlich allein inszeniert. Sie spielt, als habe sie nicht nur Angst vor ihrem Ex-Ehemann, sondern vor der ganzen Welt. Ein ungesundes Maß an Misstrauen begleitet Anna bei jedem Schritt, den sie geht, bei jeder Entscheidung, die sie trifft und bei jedem Menschen, dem sie begegnet. Und trotz ihrer eigenen, immensen Angst, versucht sie immer ihren Sohn zu schützen.

Aber der Sohn traut der eigenen Mutter nicht über den Weg, auch wenn er sich in ihre Arme kuschelt, wirft er ihr nach gebrochenen Versprechen vor, dass sie doch gesagt habe, nie wieder lügen zu wollen. Aber diese Lügen enttarnt die Mutter selbst ebenso wenig wie die Zuschauer. Diese erleben die Geschichte, wie sie sich in Annas Kopf, in ihre Erinnerungen eingeprägt haben, was nicht unbedingt dem wirklich passierten Geschehen gleichen muss. Schnell hinterfragt man ihre Paranoia, weiß aber doch nicht, was dahinter stecken mag. Irgendwo bewegt man sich zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Realität und Fantasie. Dabei arbeiten auch die Bilder gegen die Zuschauer. Erzählt Anna von einem wunderschönen See, hinter einem kleinen Waldstück am Haus, findet sie dort beim gemeinsamen Besuch mit Anders nur einen großen Parkplatz vor, wenig später aber doch wieder den besagten See. Hier bietet „Babycall“ ein Verwirrspiel, auf schauspielerischer und bildlicher Ebene, par excellence.

Noomi Rapace mit Bekanntschaft Helge (Kristoffer Joner)

Das Babyphon sorgt dabei für die stärksten Psychomomente, diese sind dann aber eher leise und zurückhaltend, was einen andauernden Anspannungseffekt erzielt. Die Stimmen und Schreie, die verzerrten Störgeräusche, die aus dem Babyphon, nicht aber aus der eigenen Wohnung kommen, erzeugen sehr effektiv eine Gänsehaut. Denn auch hier sieht der Zuschauer nur das verwirrte Umherirren der Hauptprotagonistin. Es ist Noomi Rapace zu verdanken, dass diese Wirkung erzielt wird. Denn trotz dieser surrealen Situation, schafft sie es die Handlung real zu halten, glaubhaft ihren verstörten Geisteszustand zu spielen.

Dann schafft es „Babycall“ auch noch, die Aufklärung zufriedenstellend zu inszenieren. Das Bild ist irgendwann wieder bei der blutig am Boden liegenden Anna. Dann aber wissen die Zuschauer auch, wie dies passiert ist. Und auch alle weiteren Mysterien und Ungereimtheiten ergeben sich in Folge des Filmendes. So verschleiert die Handlung bis hierher auch wahr, am Ende muss man sich nichts mehr selbst zusammen reimen. Damit hat Pål Sletaune einen Hitchcock-würdigen Thriller erschaffen, der durch andauernde Spannung zu fesseln versteht.

Denis Sasse

“Babycall“

Originaltitel: Babycall
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: N / S / D, 2011
Länge: ca. 96 Minuten
Regie: Pål Sletaune
Darsteller: Noomi Rapace, Vetle Qvenild Werring, Kristoffer Joner, Stig R. Amdam, Maria Bock

Deutschlandstart: 12. Juli 2012
Offizielle Homepage: babycall-derfilm.de

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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