Filmkritik

“Noah” von Darren Aronofsky

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Die Tiere schwärmen zur Arche in Darren Aronofskys "Noah"

Die Tiere schwärmen zur Arche in Darren Aronofskys “Noah”

Seit dem Erscheinen seines neuesten Films, hat Regisseur Darren Aronofsky einige Fans unter den Kreationisten verloren. Noah, eine Adaption um diesen schwimmenden Holzkasten, der im Buch Genesis der Bibel für den Fortbestand eines jeden Lebewesens sorgen sollte, sei nicht getreu der Vorlage abgebildet worden. Nun könnte man in Streitigkeiten ausbrechen, aber hier gibt es eigentlich gar nicht allzu sehr zu zanken. Denn Aronofsky hatte auch gar nicht vor, dieses kleine Kapitel aus der Bibel so zu belassen, wie es dort geschrieben steht. Dann hätte er sicherlich keinen über zwei Stunden langen Film daraus werden lassen können. Die, aus deren Mündern die Unkenrufe kommen, verstehen nicht, dass hier künstlerische Freiheit am Werke war. Noah ist zur Hauptfigur zweier Geschichten geworden: einmal als Erbauer der Arche Noah, einmal als für Gottes Stimme empfänglicher Gefolgsmann, der mehr mit dem menschlichen Drama als mit den tierischen Insassen der “Arche Aronofsky” beschäftigt ist.

Bei Aronofsky geht es viel mehr um den Mann Noah, weswegen dann wohl auch der Filmtitel auf dessen Namen reduziert wurde, womit man sich gleichzeitig von der Originalgeschichte distanzieren konnte. Es bleibt dabei: hier wird nicht von der biblischen „Arche Noah“ erzählt, wir sehen die Interpretation unter dem Titel Noah, oder eben „Arche Aronofsky“. Um seine Geschichte auszuschmücken hat Aronofsky einige Elemente eingefügt, um Noah zum Blockbuster zu erheben. Da laufen sogenannte Wächter durch die Welt, Steinkreaturen, gefallene Engelswesen, die Noah beim Bau der massiv gigantischen, die Leinwand einnehmenden Arche behilflich sind. Der Regisseur siedelt die Bibelwelt bewusst in einer fiktiven Welt an, irgendwo in der Nähe von Mittelerde, wo die den Wächtern artverwandten Ents beheimatet sind.

Russell Crowe als Erbauer der Arche: Noah

Russell Crowe als Erbauer der Arche: Noah

So sehr der Filmemacher für frühere Werke (Black Swan, The Wrestler) immer und immer wieder gelobt werden sollte, so sehr arbeitet er hier ein gewisses Schema F der Hollywood Traumfabrik ab. Es liegt alles klar vorm Zuschauer, es wird gar nicht erst in Frage gestellt, ob ein Großteil der phantastischen Elemente dieses Films den Visionen Noahs entspringen. Leider wird eine solche Vielschichtigkeit nicht eröffnet, auch Noahs Familie und seine Gegenspieler sehen diese Stein-Kolosse, die darüber hinaus als wertvolle Verbündete für den Regisseur dienlich sind, um eine Herr der Ringe ähnliche Kriegsszenerie vor der noch trocken liegenden Arche zu entfachen. Noah allein mit seiner Familie hätte niemals gegen die in die Arche eindringen wollende Masse von Menschen ankommen können. Mit den Wächtern an der Seite, hat man jedoch einen geschickten Weg gefunden, doch noch eine imposant ausschauende Schlacht einzuflechten. Zugleich hat man hier aber auch eine kreative Lösung aufgegeben, der Aronofsky nur zu gut hätte folgen können. Wenn all diese phantastischen Elemente nur dem Geist Noahs entsprungen wären, wenn nur er sie hätte sehen können, hätte man viel eher das Handwerk des Regisseurs spüren können, statt in diese Einfachheit der existenten Phantastik abzudriften.

Auch Emma Watson, schon lange aus der Rolle der Hermine Granger aus den Harry Potter-Filmen emanzipiert, dürfte eigentlich gar nicht zugegen sein. Sie spielt Ila, die als junges Mädchen von Familie Noah aufgenommen wird, später mit Noahs Sohn Shem anbandelt. Ihre Figur wurde von Aronofsky hinzu gedichtet, wobei er gemeinsam mit Ari Handel einiges an Schreibkraft in das Drehbuch investiert hat. Ila nimmt einen nicht zu verachtenden Teil des Films ein. Es ist wohl der Spielkraft Emma Watsons zuzuschreiben, dass Noahs leibliche Söhne dagegen arge Probleme haben sich auf der Leinwand zu präsentieren. Japheth, der jüngste Sohn, gespielt von Leo McHugh Carroll sowie Douglas Booth als Shem bekommen recht wenig zu tun, lediglich Ex-Percy Jackson-Darsteller Logan Lerman darf sich als Ham noch etwas mehr betätigen, was größtenteils erneut dem Drehbuch zuzuschreiben ist, in dem für Ham eine eifersüchtige Verräterrolle entwickelt wurde.

Emma Watson als Ila, Noahs Adoptivtochter

Emma Watson als Ila, Noahs Adoptivtochter

Emma Watson und Logan Lerman, beide aus Teenie-Franchises erwachsen, sind die einzigen Jungdarsteller, die ansatzweise eine Chance gegen Russell Crowes Noah haben. Crowe, der schon Robin Hood eine ganz neue Note verpasst hat, spielt seine biblische Inkarnation mit großartiger Intensität, mit Leidenschaft, mit verschiedensten Facetten. Er ist der liebende Vater, der zweifelnde Mann, der Gottes Wort folgende Anhänger, der beeindruckend in den Türen der Arche stehende Erbauer dieses Kolosses, dem dennoch der Mund offen steht, als all die Tiere zu ihm strömen, wie es vorhergesagt wurde. Crowe ist auch der Darsteller, der mit Angst in den Augen in den Tiefen des Wasser treibt, umgeben von Leichen. Hier wird aus Noah ein Horrorfilm gemacht, wie ihn nur Aronofsky in Szene setzen konnte. Man erinnert sich an blutige Wahnvorstellungen der Ballerina in Black Swan zurück, wenn auch Noah mit blutigen Füßen auf noch blutigeren Land steht. Immer dann, wenn dieser Brocken von einem Mann sich hilflos den Visionen ergeben muss, hier eher Träume, die ihn heimsuchen und von seiner Aufgabe berichten, sind es grauenhafte Bilder die ihn leiten.

Dahinter versteckt sich jedoch eine sehr reale Nachricht, nicht nur bestimmt für die menschliche Rasse zu Zeiten der großen Flut, sondern auch für unsere Gegenwart. Nehmt die Umwelt ernst, geht mit der Erde sorgsam um, bevor wir uns einer weiteren Reinigung unterziehen lassen müssen. Schon zu Beginn lehrt Russell Crowes Noah seinem Sohn, dass man sich nur nehmen sollte, was man auch nutzt. Da werden keine Blumen aus dem Boden gerupft, nur weil sie hübsch aussehen. Noah erscheint zugleich als bestrebter Vegetarier, schützt zugleich aber auch die Tiere vor Jägern, legt einen äußerst wehleidigen Blick auf, wenn er dabei zusehen muss, wie Tiere vom Menschen schlecht behandelt werden. Es ist nur konsequent von dem Film auszublenden, wie und ob sich Noahs Familie auf hoher See ernährt. Weder die Tiere dürfen angefasst, noch Pflanzen ausgerupft werden. Ganz zu Schweigen von der Tatsache, dass nach der Flut gar kein Land mehr zugegen ist, auf dem irgendetwas sprießen oder gedeihen könnte. Aber, damit sind wir erneut beim Schema F, Noah endet natürlich nicht in der totalen Zerstörung unserer Welt, sondern mit einer Taube die einen Zweig im Schnabel hält und damit die frohe Kunde von Land zur Arche trägt. Das ist dann aber nicht das wahre Ende, denn es geht ja eigentlich gar nicht um diese Arche, sondern um Noah, um den Menschen, wie er zwischen Gräueltat und Barmherzigkeit sein eigener Herr sein muss um der Welt, in der er lebt, gerecht zu werden.

Noah ist Blockbusterkino, ohne sich von anderen großen Produktionen zu unterscheiden. Wenn Russell Crowe eine Ein-Mann-Show abliefert, unterstützt durch einige Nebenrollen, wenn Special Effects auf der Leinwand zusammen treffen um einen Weltuntergang, eine epische Schlacht und eine real nicht zu bändigende Anzahl von Tieren zum imposanten Arche-Einmarsch zusammen zu bringen, dann sollte man sich zwei Stunden lang recht gut unterhalten fühlen. Irgendwie ist das hier nicht der Fall, die Story verläuft sich in zu viel Geplänkel, zu viel für zu wenig. Deshalb ist Noah als aufgebauschtes Spektakel zu bezeichnen, in dem die „Arche Aronofsky“ leider untergeht.


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Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 158 Minuten
Regie: Darren Aronofosky
Darsteller: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Ray Winstone, Anthony Hopkins, Emma Watson, Logan Lerman, Douglas Booth, Leo McHugh Carroll

Kinostart: 3. April 2014
Im Netz: noah-derfilm.de

Bilder © Paramount Pictures Germany GmbH 


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