Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Sarsgard (v.l.n.r.) in Kelly Reichardts "Night Moves"
Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Sarsgard (v.l.n.r.) in Kelly Reichardts „Night Moves“

Kelly Reichardts Filme sind keine komplexen Gebilde. Viel mehr beschäftigt sie sich mit zwar komplexen Problemen, schaut aber auf die Einfachheit der Menschen, die diese zu bewältigen versuchen. In Wendy & Lucy stranden eine Frau und ihr Hund nach einer Autopanne in der Einöde Alaskas. In Meek’s Cutoff verirren sich eine Gruppe von Siedlern in den Weiten Oregons. In ihrem neuen Film Night Moves verlieren sich drei Öko-Aktivisten in ihren Schuldgefühlen.

Der Film handelt von Josh Stamos (Jesse Eisenberg), Dena Brauer (Dakota Fanning) und ihrem gemeinsamen Kumpel Harmon (Peter Sarsgaard), die den Green Peter Dam in Linn County, Oregon in die Luft sprengen wollen. Es ist Ausdruck ihrer Revoluzzer-Mentalität, deren Abgründe Kelly Reichardt gar nicht so sehr erforschen möchte. Ihre Bilder bleiben ruhig, die Dialoge rar gesät. Immer wieder vergehen viele Minuten, bevor einer der drei Akteure wieder ein Wort über die Lippen bringt. Mit anspannender Genauigkeit beobachtet die Kamera diese drei Menschen bei ihren Vorbereitungen auf den Öko-Anschlag, nimmt aber die meiste Intensität erst im Nachhinein auf, wenn Schuldgefühle und gegenseitiges Misstrauen aufkommen.

Josh (Eisenberg) und Dena (Fanning) sind in sich gekehrte Charaktere
Josh (Eisenberg) und Dena (Fanning) sind in sich gekehrte Charaktere

Die Verarbeitung des Ganzen bildet den emotionalen Grund auf dem Reichardt ihre Figuren aufbaut. Ansonsten würden Josh, Dena und Harmon nur als wenig sympathische Figuren in Erscheinung treten, deren Handeln es nur zu verurteilen gäbe. Für Jesse Eisenberg und Dakota Fanning sind es die bisher wohl dunkelsten, auch erwachsensten Rollen. Sie spielen in sich gekehrte Einzelgänger. Eisenberg spricht mehr durch seine Augen als durch den Mund. Seine Blicke sind hart, unbarmherzig und entschlossen – zumindest in der ersten Hälfte des Films, bevor er unter der begangenen Tat und ihren Folgen einzubrechen droht.

Kelly Reichardt zeigt ihre Figuren auf dem schmalen Grat zwischen Aktivismus und Terrorismus. Damit findet sie sich neben Zal Batmanjlijs The East (2013) wieder, der ein ähnliches Konstrukt um eine Gruppe von Öko-Aktivisten im Krieg gegen industrielle Boshaftigkeit von Abwasserverschmutzung bis zu unlauterer Pharmazie-Forschung einsetzte um die Ethik dieser radikalen Gegenkultur zu beleuchten.

Josh und Dena planen gemeinsam mit Kumpel Harmon (Sarsgaard) den Anschlag auf einen Staudamm
Josh und Dena planen gemeinsam mit Kumpel Harmon (Sarsgaard) den Anschlag auf einen Staudamm

Night Moves bleibt dagegen kleiner und verschwiegener. Der Film bleibt still, verharrt auf der menschlichen Ebene. Selbst wenn der große Knall folgen soll, hält die Kamera die Gesichter der Täter im Bild. Es werden die Naturklänge eingefangen, nicht das gesprochene Wort. Es würde ohnehin wie ein konstruiertes Drehbuch erscheinen, wenn die drei Protagonisten zu viel miteinander reden würden.

Und gerade diese Ruhe bringt die Einengung mit sich. Gerade diese Ruhe macht auf die Natur Aufmerksam, deren Rettung und Verteidigung so wichtig erscheint. Aber eben auch die Frage danach, wie weit man für dieses Ziel gehen darf und ob die eigene Seele mit den Konsequenzen in Einklang gebracht werden kann. Manche werden darunter einbrechen. Das zeigt Kelly Reichardts Night Moves mit schonungsloser Präzision.

Night Moves
112 Minuten, freigegeben ab 12 Jahren, Kinostart: 14. August 2014
im Netz: Offiziellle Homepage zum Film
alle Bilder © MFA/Filmagentinnen