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Found Footage Horror #4 | “Nackt und Zerfleischt” (1980)

Wir schweben mit der Kamera über den gigantischen Amazonas-Regenwald, der sich über sechs Millionen Quadratkilometer erstreckt. Diese Bilder sind mit 80er Jahre Synthie-Musik unterlegt, die uns harmlos auf eine niedliche Tier-Dokumentation vorbereiten wollen könnte. Der natürliche Lebensraum von zahlreichen Lebewesen – aber auch Raubtieren der Gattung Mensch. Die Kannibalen von Cannibal Holocaust oder Nackt und Zerfleischt, dem 1980er Jahre Film des italienischen Regisseurs Ruggero Deodato, werden uns in diesem Green Inferno vorgeführt.

Eine ähnlich harmlose Musik wird später noch einmal den Kontrast zu den Bildern liefern. Wenn ein Doku-Filmteam vor dem flammenden Inferno eines brennenden Eingeborenen-Dorfes steht. Die Filmemacher freuen sich über die großartigen Aufnahmen. Sie halten die Kamera weiter auf diesen brutalen Moment, in dem sie Menschen filmen können, die im Feuer um ihr Leben bangen und sterben. Mit diesen sensationellen Bildern dürften sie doch wohl berühmt werden.

Nackt und Zerfleischt wurde von Deodato nach einem Drehbuch von Gianfranco Clerici gedreht und wurde inspiriert durch die italienische Berichterstattung über den Terrorismus der Roten Brigade, einer 1970 in Mailand gegründeten kommunistischen Untergrundorganisation. Deodato glaubte, dass einige Teile der Medienberichte gefaked wurden, was zu einem wichtigen Aspekt seines Films wurde.

Nackt und Zerfleischt
Das Doku-Team steht selbst recht gerne vor der Kamera

In diesem ersten Found Footage Film, von dem sich später Filme wie das Blair Witch Project inspirieren ließen, geht es um eine Gruppe von Dokumentarfilmern, die in den Amazonas-Regenwald aufbrechen um dort das Leben von Kannibalen-Stämmen zu zeigen. Nachdem das Filmteam nicht zurückkehrt, bricht der Anthropologe Harold Monroe von der New York University mit einem kleinen Team zu einer Rettungsmission auf. Mit viel Aufwand freundet er sich mit den Stammesmitgliedern an und kann das Filmmaterial bergen, das sofort das Interesse von amerikanischen Fernsehsendern auf sich zieht. Aber nachdem Monroe das Material gesichtet hat – der Found Footage Aspekt – möchte er dringend davon abraten die Aufnahmen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Entgegen Filmen wie eben dem Blair Witch Project oder anderen modernen Vertretern des Found Footage Genres, ist Nackt und Zerfleischt nicht durchgehend in diesem Stile gedreht worden. Der Footage-Aspekt wird aber so gut in die Handlung eingebaut, dass mehr Logik dahinter steckt als in den meisten Filmen der Neuzeit.

Das heißt nicht, dass Nackt und Zerfleischt ein besserer Film wäre. Aber es ist interessant zu sehen, wie in 1980 bereits mit einer Handkamera dieser “Es ist alles echt”-Fake gedreht worden ist. Das Schauspiel erinnert dabei an Laiendarstellern aus einem Softporno – und Hauptdarsteller Robert Kerman, der den Menschenkundler von der NYU spielt, ist tatsächlich besser bekannt als R. Bolla, seinem Pornonamen aus mehr als 100 solcher Filmen.

Neben den mehr als deutlichen Darstellungen von sexuellen Übergriffen führten dann aber auch die extremen Gewaltdarstellungen in Nackt und Zerfleischt zu erheblichen Kontroversen. Nach seiner Premiere in Italien, wurde der Regisseur festgenommen, weil ihm vorgeworfen wurde, Menschen vor laufender Kamera getötet zu haben. Er musste mit seinem Filmmaterial beweisen, dass es sich lediglich um eine Inszenierung handelte.

Auch wenn er das beweisen konnte, so ist doch bekannt, dass die Brutalität mit der im Film einige Tiere abgeschlachtet werden, durchaus real ist. Niemand mag etwas dagegen sagen, wenn eine riesige Spinne zerquetscht wird, aber es ist furchtbar – furchtbar! – mit ansehen zu müssen, wie eine Riesenschildkröte erst geköpft und dann geknackt wird.

Das sind die Momente, in denen sich der Horror zeigen soll, aber eigentlich nur ein Bad Taste-Movie mit all seiner grotesken, over-the-top Brutalität zu sehen ist. Hier hält die Kamera von Sergio D’Offizi immer drauf ohne den Bildern je ausweichen zu wollen.

Nackt und Zerflesicht
Harold Monroe (Robert Kerman, rechts im Bild) sichtet das gefundene Filmmaterial

Aber – und da kann uns Nackt und Zerfleischt vielleicht wieder zurück gewinnen – der Film ist ein ziemlich gewitzt inszenierter Kommentar auf die Inszenierung selbst und den Sensationalismus der Mediengesellschaft. Denn wo wir von vornherein darauf vorbereitet werden, auf grausame Kannibalen zu treffen, sind diese letztendlich in ihrer Umwelt doch zivilisierter als die Mitglieder des Filmteams.

Unter dem Motto “Aus dem Dschungel in den Dschungel” leben die Großstädter nur eine moderne Form des unzivilisierten Miteinanders. Wenn sie auf “freilaufende” Eingeborenenfrauen treffen, fühlen sie sich ebenso dazu verpflichtet diese zu vergewaltigen, wie die Eingeborenen selbst sehr unansehnliche Rituale an ihren weiblichen Stammesmitgliedern vollführen. Immerhin halten sie aber keine Kamera drauf und geben sich nicht im Wahn nach Berühmtheit als schaulustige Bystanders.

Damit ist Nackt und Zerfleischt weniger ein Kannibalenfilm, und mehr ein Horror über Medieninszenierungen und skrupellose Filmemacher. Das entschuldigt allerdings nicht die vielen Szenen, in denen echte Tiere so sehr abgeschlachtet werden, dass sich der Regisseur selbst so zeigt, wie sein Dokuteam im Film. Alles äußerst Meta.

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