Filmkritik

“2 Tage New York” von Julie Delpy

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Für verschrobene Beziehungsgeschichten in Metropolen wie Paris oder New York war lange Zeit nur Woody Allen verantwortlich. Dann kam die Französin Julie Delpy daher und etablierte sich als weiblich-europäisches Pendant. 2007 schleppte sie Film-Freund Adam Goldberg in „2 Tage Paris“ in die französische Hauptstadt, wo dieser ihre Ex-Lover und Familie kennen lernen musste. In der Fortsetzung „2 Tage New York“ ist Goldberg nur noch eine blasse Erinnerung und Chris Rock übernimmt die leidvolle Aufgabe, die Eigenheiten der französischen Kultur über sich ergehen zu lassen. Das ist selbst schwierig, wenn man ein Heimspiel bestreitet.

Denn die Fotografin Marion (Julie Delpy) wohnt jetzt mit ihrem Sohn in New York und verliebt sich dort in Mingus (Chris Rock), den alleinerziehenden Vater einer siebenjährigen Tochter. Was folgt, ist der Härtetest für ihre Beziehung: Marions kauziger Vater (Albert Delpy), ihre neurotische Schwester (Alexia Landeau) und ihr unerträglich aufdringlicher Ex-Freund Manu (Alex Nahon) tauchen in New York auf. Der Kulturschock zwischen arroganten Franzosen und pragmatischen Amis vollzieht sich nicht nur in sprachlichen Tücken, sondern eskaliert in skurrilen Marotten und Provokationen, die selbst das scheinbar feste Fundament in Mingus‘ und Marions Beziehung bröckeln lassen. Denn auch zwei hektisch kurze Tage bieten leider reichlich Gelegenheit, sich Wahrheiten an den Kopf zu werfen, die Mann und Frau später bereuen.

Chris Rock und Albert Delpy

Im Grunde reicht das aus um „2 Tage New York“ einen handlungslosen Film sein zu lassen, der in erster Linie eine einzige Situation nimmt und diese ausschlachtet. Während sich Mingus seinen Frust immer wieder bei einem Obama Papp-Präsidenten von der Seele redet, werden Marion und er durch den französischen Besuch in zahlreiche Missverständnisse, Streitigkeiten und kulturelle Unterschiedlichkeiten verstrickt. Hieraus ergibt sich dann die Handlung, die sich als „Culture Clash“ mit zwei Worten zusammen fassen lässt. So simpel das klingt, so fantastisch ist das Drehbuch, so unterhaltsam sind die Figuren. Ohne jemals eine Pause zu machen, diskutieren, streiten und versöhnen sich die Protagonisten durch den Film, mal auf Englisch, mal auf Französisch – die deutsche Synchronfassung sollte ein großes Tabu sein. Die Dialoge hören niemals auf, zwei Personen sprechen immer, dieses Minimum wird oftmals drastisch überschritten. Gerade am Esstisch, wo die Familie zusammen kommt, herrscht das größte Kommunikationschaos. Wenn dann ausgerechnet Chris Rock verstummt und durch seine Mimik der Szene die nötige Ungläubigkeit verpasst, lässt dass die Situation umso realer erscheinen. Allein die Franzosen, allen voran natürlich Delpys eigener Vater Albert, würden eine surreale, fast schon zu abgedrehte Komödie aus dem Film machen. Allein Chris Rocks Schauspiel hält alles in der wahrhaftigen Welt fest, er spiegelt das unfassbare Unverständnis wieder, welches die Zuschauer im Angesicht dieses neurotischen Familienbesuchs entwickeln werden.

Julie Delpy

Es ist „Lost in Translation“ im Familienkreise. Ein Papa, der kein Wort Englisch spricht, eine Schwester, die der europäischen Freizügigkeit frönt und ein Ex-Freund, der jetzt wiederum als Liebhaber der eigenen Schwester fungiert, der New York nur aus alten Hollywood-Filmen zu kennen scheint und die wahnsinnige Vorstellung hat, hier mit all seinen nicht vorhandenen Talenten vom Tellerwäscher zum Millionär zu avancieren. Im wahren Leben sind Julie Delpys Familienverhältnisse weitaus harmonischer, wenn auch nicht ganz so lustig, wie in „2 Tage New York“ dargestellt. Ihr Vater Albert Delpy spielt, wie bereits im Vorgänger von 2007, auch hier wieder ihren Filmvater. Ihre Mutter Marie Pillet, die damals ebenfalls noch als ihre Filmmutter auftrat, ist 2009 verstorben. Ihr ist „2 Tage New York“ nicht nur gewidmet, sondern hier wird auch eine Art Befreiungsakt von der Trauer praktiziert, bei dem man nicht weiß, ob dieses nur allein der Filmhandlung dienlich ist oder eben auch in die reale Welt übergreift.

Neben dem bereits genannten Woody Allen oder aber auch Seriendarsteller Jerry Seinfeld reiht sich Julie Delpy mit „2 Tage New York“ in die illustre Runde der New Yorker Großstadtneurotiker ein. Ihr Film besticht durch eine irre Geschwindigkeit, die von vorne bis hinten durchgehalten wird. Schauspieler Vincent Gallo hat einen kurzen, merkwürdigen Auftritt, der ein wenig aus der Rolle tanzt, ansonsten bekommt man aber einen hoch amüsanten familiären Austausch der Kulturen serviert. Aber noch einmal, unterstrichen und mit Ausrufezeichen: In diesem Fall ist die Originalversion Pflicht!

Denis Sasse

“2 Tage New York“

Originaltitel: 2 Days in New York
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: F / D, 2012
Länge: ca. 96 Minuten
Regie: Julie Delpy
Darsteller: Julie Delpy, Chris Rock, Albert Delpy, Alexia Landeau, Alexandre Nahon, Kate Burton, Dylan Baker, Daniel Brühl, Talen Ruth Riley, Owen Shipman, Malinda Williams

Deutschlandstart: 5. Juli 2012
Offizielle Homepage: 2tagenewyork.senator.de

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