Filmkritik

“Anna Karenina” von Joe Wright

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© Universal Pictures International Germany GmbH / Wronsky (Aaron Taylor-Johnson) beim Tanz mit Anna Karenina (Keira Knightley)

Es vergingen 36 Jahre bis Leo Tolstois 1878er Roman „Anna Karenina“ zum ersten Mal verfilmt wurde. Der russische Regisseur Vladimir Gardin, auch für „Krieg und Frieden“, den er 1915 gemeinsam mit Yakov Protazanov filmte, inszenierte die allererste filmische Umsetzung dieser Geschichte um eine höhere russische Gesellschaftsschicht und der Moral die in ihr herrscht. In den Folgejahren waren Schauspielerinnen wie die Schwedin Greta Garbo (sowohl 1927 als auch 1935) als Titelheldin Karenina zu sehen, als auch die britische Academy Award Gewinnerin Vivien Leigh, wohl am ehesten durch ihre Rolle der Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“ bekannt. Zuletzt war es Französin Sophie Marceau, die 1997 in der ersten amerikanischen Verfilmung die in Russland gedreht wurde, die Rolle der Anna Karenina übernahm. Nun folgt Keira Knightley, Kostümerfahren durch „Die Herzogin“, ebenso wie durch „Abbitte“ und „Stolz und Vorurteil“, beide in Zusammenarbeit mit Regisseur Joe Wright entstanden, der nun auch diese neueste Version von „Anna Karenina“ inszeniert hat.

Die Geschichte spielt im Jahre 1874, hier führt die schöne und lebenslustige Anna Karenina (Keira Knightley) ein Leben, in dem sie nichts vermisst, alles hat, was sie zum glücklich sein benötigt: Sie ist die Ehefrau des hoch angesehenen Karenin (Jude Law), hat einen Sohn und ihr Status in der St. Petersburger Gesellschaft könnte kaum höher sein. Ein Brief ihres Bruders Oblonskij (Matthew Macfadyen), ein Schürzenjäger, der seine Ehe aufs Spiel gesetzt hat, führt Karenina nach Moskau, wo sie mit Dolly (Kelly Macdonald), der Ehefrau ihres Bruders unter vier Augen sprechen möchte. Auf dem Weg dorthin macht sie im Zug die Bekanntschaft von Gräfin Wronskij (Olivia Williams) und ihrem Sohn (Aaron Taylor-Johnson), einem attraktiven Kavallerie-Offizier. Die beiden fühlen sich vom ersten Moment an zueinander hingezogen, können sich diesem Gefühl nicht widersetzen. Oblonskij hat aber nicht nur Besuch von seiner Schwester, sondern auch von seinem besten Freund Levin (Domhnall Gleeson), einem Großgrundbesitzer, der Dollys jüngere Schwester Kitty (Alicia Vikander) anhimmelt, die wiederum nur Augen für Wronskij hat. Sie ist am Boden zerstört als dieser mit Karenina eine Liebesaffäre beginnt, die sich zu einem Skandal in der St. Petersburger Gesellschaft entwickelt.

Anna Karenina (Keira Knightley) und ihr Bruder Oblonsky (Matthew Macfadyen)

Opulente Bilder findet man zu Genüge in Joe Wrights „Anna Karenina“, ein erneuter filmischer Versuch dieser russischen Geschichte Herr zu werden. Mit seinen Set-Designs beweist der Film dann auch Einfallsreichtum, hebt sich von vorherigen Inszenierungen bewusst ab, ist nicht einfach nur das historische Kostümdrama über diese Frau, zwischen zwei Männern und wie sie langsam an dieser Situation zu Grunde geht. Wright stellt seine Akteure bildlich auf eine Bühne, hier wird Theater gespielt, zumindest solange man sich in einer der großen Städte befindet: St. Petersburg und Moskau, hier können die Figuren von Bühne zu Bühne gehen. In einem Moment noch in einem Ballsaal, eine Treppe hinauf in einem heruntergekommenen Kämmerchen am anderen Ende der Stadt. Von einem edlen Zimmer kann eine Tür durchschritten werden um dann auf dem Bahnhof zu stehen, landschaftliche Hintergründe sind meist nur Tapeten, im Hintergrund aufgehangen. So bewegen sich auch die Figuren nicht immer natürlich durch diese Geschichte, hier und da sind durchaus schon einmal künstlerische Verrenkungen zu begutachten. Tänze sind galant durch choreographiert, ebenso wie manch andere Alltagssituation.

Lediglich für Levin greift man auf eine reale Welt zurück, auf eine Umwelt weit draußen auf dem Lande. Fast möge man meinen, die Großstadt sei alles nur Theater, hier in der Einöde, habe man Ruhe von dem ganzen Rummel, von dem Werben um eine Frau, von den politischen Arrangements der Familien, um den eigenen gesellschaftlichen Stand zu sichern oder gar nach oben aufzusteigen. Hier finden die wenigen Szenen statt, in denen weite Landschaften gezeigt werden, die ansonsten in eine kleine Bühne eingesperrt werden – sind gar die Figuren auf dieser Bühne, ihrem Leben eingesperrt, in ihren jeweiligen Rollen? Der treue Ehemann, der diesen heiligen Bund vor Gott ehrt und seiner Frau jede Schandtat verzeihen würde um seine Ehre zu erhalten. Die Ehefrau, Anna Karenina selbst, durch die Liebe, ein so wunderbares Gefühl, dazu veranlasst in Ungnade zu fallen. Und der Liebhaber, der eine heiratswillige Prinzessin ziehen lässt um mit der Ehefrau eines anderen anzubandeln. Sie alle wissen was vor sich geht und doch spielen sie ihre Rollen weiter, schaffen es nicht von der Bühne herab zu treten.

Kitty (Alicia Vikander) und Levin (Domhnall Gleeson)

Sind sie gar alle emotional verkümmert? Trotz der Liebe, die hier so eine starke Kraft ausübt? Der Ehemann, der nicht hassen mag, die Ehefrau die sich nicht der Scham ergeben möchte und der Liebhaber, der seine Liebe von Frau zu Frau gibt – auch Karenina wird nicht die letzte von ihnen sein. Emotional arm wirkt jedenfalls „Anna Karenina“ als Film, die Inszenierung, die Darsteller, sie bleiben farblos. Da können noch so viele Tränen über Keira Knightleys Wangen rollen, die Wut in Aaron Taylor-Johnson empor kochen oder Verzweiflung in Jude Laws Gesicht geschrieben stehen – um die drei Hauptprotagonisten hier in den Fokus zu nehmen – sie übertragen all diese Gefühle nicht auf die Leinwand, nicht auf die Zuschauer. Man bleibt unberührt, mag sich allenfalls an den Bühnenaufbauten ergötzen, an so manchen Szenewechsel, der hier mit dem Durchschreiten einer Tür, dem Erklimmen einer Treppe oder sonstigen Mitteln des Übergangs von statten geht.

Das ist das Manko, das alles zu Grunde richtet. Als Zuschauer wird man nicht zum Lachen animiert, nicht zum Weinen, nicht zum Mitfühlen, man sucht sich selbst die Bilder aus, die in Erinnerung bleiben werden. Jude Law auf einem Blumenfeld sitzend, um ihn herum spielende Kinder. Dann zoomt die Kamera hinaus, eine Theaterbühne wird sichtbar, auf ihr und vor ihr die Blumenwiese, sie überragt das eigentliche Bild. Das sieht schön aus, verleiht dennoch kein herzerwärmendes Gefühl. Woher sie auch kommen mag, diese Emotionslosigkeit, sie zieht sich durch den Film, wird niemals gebrochen. Damit nimmt der Regisseur seiner Geschichte das stärkste Mittel. Anna Karenina, diese schändlich in Ungnade gefallene Frau, man kann ihr unsägliches Ende nicht betrauern, weil sie nur wenig Charisma hervorbringt, wie auch die anderen Figuren. Keine Freude über eine bewilligte Hochzeit, keine Freude über das Wiedersehen von Mutter und Sohn. Es ist alles irgendwie emotional egal. Bei aller Originalität und Innovation in der Inszenierung: Wenn die Technik über der Seele steht, kommt selten etwas Gutes dabei heraus.

Denis Sasse

“Anna Karenina“

Originaltitel: Anna Karenina
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: GB / F, 2012
Länge: ca. 130 Minuten
Regie: Joe Wright
Darsteller: Keira Knightley, Jude Law, Aaron Taylor-Johnson, Matthew Macfadyen, Kelly Macdonald, Olivia Williams, Domhnall Gleeson, Alicia Vikander

Deutschlandstart: 6. Dezember 2012
Offizielle Homepage: focusfeatures.com/anna_karenina

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