Filmkritik

“Shut Up And Play The Hits” von Will Lovelace & Dylan Southern

0

© NEUE VISIONEN Filmverleih GmbH / James Murphy von LCD Soundsystem feiert ausgelassen auf der Bühne im New Yorker Madison Square Garden

Erst die Reunion, nun ein Ende. Nach diesem Schema scheinen sich die beiden Dokumentarfilm-Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace ihr neuestes Projekt ausgesucht zu haben. Nachdem sie in 2010 die Reunion-Tour der britischen Poprockband Blur begleiteten – was in der Musik-Dokumentation „No Distance Left To Run“ geschildert wird – haben sie sich nun dem Karriereende der Band LCD Soundsystem gewidmet. Mit „Shut Up And Play The Hits“ zeigen sie über eine Zeitspanne von 48 Stunden den letzten Auftritt der Band im New Yorker Madison Square Garden, begleiten Gründer James Murphy vom Morgen davor bis zum Morgen danach. Das wirkt dann wie ein werbewirksames Abschiedsvideo, hier wird noch einmal gewunken, ohne dabei Unkenrufe laut werden zu lassen. Eine glorreiche Band, der man zum Abschied noch einmal so richtig huldigen möchte.

Wo andere Bands bis zum Umfallen auf der Bühne stehen, alten Zeiten nachtrauern und die x-te Reunion-Tour feiern, sich nicht aus dem Musikbusiness verabschieden möchten, hat Murphy auf dem Gipfel des Erfolgs seiner Band eine Entscheidung getroffen, die kaum nachvollziehbar erscheint. Er möchte aufhören, die Band LCD Soundsystem setzt sich zur Ruhe, lange bevor sie sich totgespielt hat. Den Ausstieg hat der Bandgründer haargenau geplant, mitsamt der Bekanntmachung des letzten, großen Konzerts bis hin zu dieser Dokumentation. Kein Wunder also, dass der Madison Square Garden, wohl das prestigeträchtigste Eventzentrum New Yorks mit 20.000 Besuchern restlos ausverkauft ist, wenn LCD Soundsystem zum letzten Mal auf die Bühne tritt. „If it’s a funeral, let’s have the best funeral ever“, mit diesen Worten eröffnet „Shut Up And Play The Hits“ das letzte Konzert, ein Begräbnis unter Freudenjubel, ein Abgesang mit Tausenden Luftballons die von der Decke auf die Besucher nieder schweben. Hier wird mehr Party gemacht als getrauert.

James Murphy mit seinem kleinen Hündchen

Obgleich die Party etwas auf sich warten lässt, etwas merkwürdig, skurril aber liebenswürdig mutet es an, wenn die Zuschauer Murphy erst einmal beim morgendlichen Aufsteh-Prozess begleiten dürfen. Da liegt der Mann zuerst noch tief schlummernd in seinem Bett, steht langsam auf, geht erst einmal mit seinem kleinen Hündchen Gassi. Das sieht dann wie ein total ruhiger Tag aus, wird aber schon bald durch seinen Auftritt in der US-Fernsehshow „The Colbert Report“ kontrastiert, wo er zwar immer noch ebenso ruhig auf einem Höckerchen sitzt, aber Gastgeber Stephen Colbert umso aufgedrehter um ihn herum tänzelt, ein „ganz großes Ding“ dieser Abgesang auf LCD Soundsystem – nur den Gründer scheint es ziemlich kalt zu lassen. Zumindest bis kurz vor Schluss von „Shut Up And Play The Hits“, wenn James Murphy alleine im Backstage-Bereich steht und zum ersten und einzigen Mal die Tränen kullern. Dann kehrt die Doku wieder zurück in die anfängliche Stille, beobachtet, lässt die Bilder sprechen.

Eine durchgehende Unterhaltung findet immer nur im Hintergrund statt. Der US-amerikanische Journalist Chuck Klosterman entlockt Murphy die Geheimnisse um die Stationen seiner LCD Soundsystem-Karriere, er muss sich Fragen stellen wie dem Gedanken, ob man bei der Gründung einer Band auch sogleich die Auflösung im Sinne hat. So erscheint es fast bei Murphy, so minutiös durchgeplant ist dieser Abgang: Der Titel dieser Musik-Doku ist dann aber vermutlich doch nur durch Zufall entstanden, als James Murphy beim Abschlusskonzert so da steht, auf der Bühne, umgeben von seinen Bandkollegen und ein paar nette Anekdoten erzählen möchte, ruft Win Butler von Arcade Fire, einer befreundeten Band, „Shut Up And Play The Hits“. Nicht nur in sich selbst eine weitere Anekdote, sondern auch ein amüsanter Moment – wieso also nicht einen etwa 109 Minuten langen Ausflug in die Welt von LCD Soundsystem nach diesem Ausruf benennen?

Die Fans von LCD Soundsystem feiern im New Yorker Madison Square Garden

Es ist doch sowieso eben dieses Konzert, welches im Mittelpunkt steht, nicht die von 2001 bis 2011 anhaltende Karriere. Die Doku zeigt James Murphy wie er diese „Beerdigung“ zelebriert, die Zuschauer sehen nur wenig bis nichts von den vorherigen Stationen. Immer wirft die Kamera einen Blick auf die Bühne des Madison Square Gardens, zeigt die Band, selten die Zuschauer, in Großaufnahme, geht nahe dran, als stände man direkt neben James Murphy. Es sind Bilder, wie sie sicherlich keiner der Besucher zu sehen bekommen hat, nur die Band selbst ist Teil dieser Optik. Hier erscheint es auch so, als würde Murphy ausgelassen feiern, sich weitaus wohler fühlen als noch zuvor in seinem Alltag, bei Talkshow-Auftritten oder ähnlichem Gesülze. Hier ist er Zuhause. Aber diese Heimat hat er aufgegeben – zumindest vorerst, man weiß wie oft andere Bands schon ihre Rückkehr gefeiert haben.

„Shut Up And Play The Hits“ ist kein Zeitzeugnis, erzählt nicht die ganze Geschichte der Band, sondern wirkt viel mehr wie das letzte Aufbäumen, ein gezieltes Aufbäumen, kalkuliert und wohl durchdacht. Hier soll am Ende noch einmal alles raus gelassen werden – genau darum geht es, um nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Fans der Band dürfen noch einmal ausschweifend die Hits hören, kommen erst gar nicht in die Situation nach ihnen schreien zu müssen.

Denis Sasse

“Shut Up And Play The Hits“

Originaltitel: Shut Up And Play The Hits
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: GB, 2012
Länge: ca. 109 Minuten
Regie: Will Lovelace & Dylan Southern
Darsteller: James Murphy, Nancy Whang, Tyler Pope, Pat Mahoney, Gavin Russom, Al Doyle, Gunnar Bjerk, Chuck Klosterman, Josh Stern, Matt Thornley, Keith Wood

Deutschlandstart: 6. Dezember 2012
Offizielle Homepage: shutupandplaythehits.com

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

“Beasts of the Southern Wild” von Benh Zeitlin

Previous article

“Lola gegen den Rest der Welt” von Daryln Wein

Next article

You may also like

Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

More in Filmkritik