Was heute zur alltäglichen Tagesordnung gehört, führte 1939 zu einer Kontroverse um Regisseur Frank Capras Mr. Smith geht nach Washington. Nachdem der Film mit dem wunderbaren Jimmy Stewart in der Hauptrolle seine Premiere in der Constitution Hall in Washington feierte, wurde er sogleich von der Presse und den Politikern des U.S. Kongresses angegriffen: es sei ein Anti-Amerikanischer und Pro-Kommunistischer Film, der die amerikanische Regierung als korrupt darstellen würde.

Wie so oft, gehen die politische Meinung und das Verständnis Hollywoods über das Handeln und Treiben der Regierung weit auseinander. So erntete Mr. Smith geht nach Washington nicht nur elf Academy Award-Nominierungen (von denen er nur einen Oscar für die “Beste Originalstory” gewinnen konnte), sondern wurde 1989 auch in die National Film Registry aufgenommen, wo Filme von kultureller, historischer oder ästhetischer Relevanz zur Bewahrung eines Filmerbes gesichert werden.  

In dem Film wird Pfadfinderleiter Jefferson Smith (James Stewart) als Ersatz für einen verstorbenen U.S. Senator bestimmt. Man erhofft sich, dass das Gutmensch-Image des Mannes die amerikanische Bevölkerung glücklich machen wird, während man seine Naivität und politische Unkenntnis ausnutzen will, um ihn wie eine Marionette zu manipulieren.

Smith wird unter die Fittiche von Senator Joseph Paine (Claude Rains) genommen, der zwar ein gutes Image gegenüber der Bevölkerung pflegt, in Wirklichkeit aber ein korrupter und betrügerischer Mann ist. Während Smith ein Auge auf dessen Tochter Susan (Astrid Allwyn) wirft, stürzt sich die Presse auf den harmlosen Junior Senator. Schnell findet er sich auf den Titelseiten der Zeitungen wieder, wo er als Bauerntölpel abgestempelt wird.

Smith will entmutigt sein Amt niederlegen, wird von Paine aber mit Hilfe seiner Sekretärin (Jean Arthur) überredet, weiterhin als Senator tätig zu sein. Er überträgt ihm die Aufgabe, ein nationales Jugendcamp einzurichten, was dem Pfadfinder natürlich überaus gut gefällt. Leider wählt er als Ort ausgerechnet Willets Creek aus, wo Paine einen Staudamm errichten will. Und schon findet sich der Newcomer im politischen Kampf mit seinem betrügerischen Mentor wieder und muss all die Macht Washingtons über sich ergehen lassen.

Frank Capra und James Stewart funktionieren wie moderne Teams bestehend aus Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio. Vielleicht geben gar  Steven Spielberg und Tom Hanks einen noch viel besseren Vergleich ab. Capra und Stewart haben neben Mr. Smith geht nach Washington den All-Time Weihnachtsklassiker Ist das Leben nicht schön? (1946) sowie Lebenskünstler (1938) gemacht und allein mit ihren drei Kooperationen 23 Oscar-Nominierungen eingefahren.

Stewart, zu dessen großartigsten Performances auch der 1950er Mein Freund Harvey zählt, spielt erneut unglaublich liebenswert und charmant. Er ist schüchtern und verunsichert, entwickelt sich in seiner Rolle aber zum leidenschaftlichen Redner, wenn er für seine Sache einstehen muss. Seine Augen strahlen diese Unsicherheit aus, sein Mund ist immer ein bisschen geöffnet, als wollte er noch etwas sagen, traut sich aber nicht die Worte auszusprechen.

Später muss er sich vor dem Senat verantworten. Er spricht 24 Stunden ohne Unterbrechung, appelliert an die amerikanischen Ideale. Da lassen sich natürlich auch einige sehr sentimental-patriotische Momente finden, die bei Stewarts Jefferson Smith aus purem Nationalstolz heraus entstehen. Seine Figur zeigt sich aber auch von Anfang an überaus fasziniert von Washington, wo all die Magie des Landes passieren soll. Für ihn ist es fast wie ein Ausflug in einen Freizeitpark, nur um dann einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen. Wenn im Disney World Mickey Maus den Kopf abnimmt und darunter ein herkömmlicher Mitarbeiter steckt – und wenn der sich dann auch noch eine Zigarette ansteckt – dürfte sich fast jedes Kind ebenso erschrocken zeigen.

Mr. Smith geht nach WashingtonDabei nimmt ihn dieser Freizeitpark niemals wirklich ernst, zeigt sich mehr über den Gast amüsiert. Dem Pfadfinder, dem Boy Scout wird vermittelt, dass er aus einer “Boy’s World” kommt. Er ist ein kleiner Junge in der Erwachsenenwelt. Hier steht diese kindliche Naivität, die sich Jefferson bewahrt hat, gegen die Ellbogen, mit denen sich die Politiker gegenseitig in die Seite rammen.

In jedem Moment von Mr. Smith geht nach Washington schafft es Stewart, diesen schmalen Grat zwischen heiteren Kerl und gebrochenen Mann zu spielen, was manches Mal an seinen Schauspielkollegen Gregory Peck erinnert – gerade die Ansprache vor dem Senat gleicht dem verzweifelten Kampf Pecks vor Gericht in Wer die Nachtigall stört. Es ist der sprühende Charme dieser Männer, der uns die Ungerechtigkeit spüren lässt und aufgrund dessen wir einfach jubeln müssen, wenn nach einem langen Kampf die Gerechtigkeit siegt.