Filme ohne Farbe

Filme ohne Farbe: “Menschen im Hotel” (1932) mit Greta Garbo

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Menschen huschen durch ein gigantisches Hotel. Manchmal treffen sie sich und ihre Schicksale werden vereint. Manchmal laufen sie aber auch aneinander vorbei, vertieft in ihre eigenen Gedanken. Menschen im Hotel von Regisseur Edmund Goulding kommt 1932 nach einem Drehbuch von William A. Drake, basierend auf seinem eigenen Theaterstück, das er wiederum nach dem 1929er Roman Menschen im Hotel von Vicki Baum adaptiert hat. Noch heute ist Menschen im Hotel der einzige Film, der bei den Academy Awards lediglich in der Kategorie Bester Film nominiert wurde, hier aber den Oscar dann auch gewinnen konnte.

In dem Film bemerkt der im Gesicht entstellte Weltkriegs-Veteran Dr. Otternschlag (Lewis Stone), dass Menschen im Berliner Grand Hotel ein- und ausgehen, aber nie wirklich etwas aufregendes geschieht. Otternschlag kann das sagen, da er ein dauerhafter Gast in dem Luxus-Etablissement ist.

Allerdings scheint der gute Mann aber nicht genau hinzusehen. Denn hier im Grand Hotel freundet sich Baron Felix von Geigern (John Barrymore), der sein ganzes Vermögen verschwendet hat und sich jetzt als Kartenspieler und Juwelendieb versucht, mit Otto Kringelein (Lionel Barrymore) an, einem bescheidenen Buchhalter, der von seinem baldigen Tod erfahren hat und deshalb seine verbleibenden Tage an diesem Ort des puren Luxus verbringen möchte.

Kringeleins ehemaliger Chef, der Unternehmer Preysing (Wallace Beery), will im Hotel ein wichtiges Geschäft abschließen, für das er die Stenografin Flämmchen (Joan Crawford) engagiert. Sie möchte eigentlich eine Schauspielerin werden, weswegen sie Preysing einige ihrer in diversen Magazinen veröffentlichte Fotos zeigt. Sie ist bereit ihm mehr zu bieten als ihre Arbeit als Stenografin, wenn er ihr bei ihrer Karriere behilflich ist.

Dann wäre da noch die russische Ballerina Grusinskaya (Greta Garbo), deren Karriere am Ende scheint. Hierdurch hat sie eine ausgewachsene Neurose entwickelt, die sie langsam an den Rand des Zusammenbruchs führt.

Menschen im Hotel

Greta Garbo als Ballerina Grusinskaya in MENSCHEN IM HOTEL.

Regisseur Goulding ist es mit seinem Film gelungen ein ganzes Genre zu begründen. Von diesem 1932er Film ausgehend entwickelte sich der “Grand Hotel Film”, in dem die Handlung vielen unterschiedlichen Menschen mit verschiedensten Problemen folgt, wie sie alle an einem Ort versuchen, diese zu überstehen oder zu lösen. Dabei läuft man sich über den Weg oder auch nicht, ganz gleich ob man sich in einem gigantischen Hotel, an einem Flughafen, auf einem Kreuzfahrtschiff oder in einer Shopping Mall befindet (Gosford Park in 2001, Best Exotic Marigold Hotel in 2011 oder jede Version von Agatha Christies Mord im Orient Express, um nur einige Beispiele zu nennen).

Natürlich wird dabei in Menschen im Hotel alles abgehandelt, was unser filmisches Interesse auf sich ziehen könnte. Da ist die romantische Geschichte zwischen der angehenden Schauspielerin und dem Edelmann. Da ist der Underdog, der sich in der Figur von Kringelein zum Helden hoch spielt. Und da ist die Stenografin, die in ihrer eigenen Cinderella-Story einen ungeahnten Prinzen findet, der ihr ihre sehnlichsten Wünsche erfüllen wird.

Hier muss zuallererst die Leistung von Lionel Barrymore gewürdigt werden, der uns als Kringelein am ehesten als Mensch fasziniert. Er spielt zwar einen Clown-Charakter, weiß aber die Geschichte um seine sterbende Figur richtig zum Einsatz zu bringen. Kringelein wird nicht auf seinen baldigen Tod reduziert, sondern wird zu einem Menschen gemacht, der mit vielen kleinen, liebenswürdigen Facetten ausgestattet wurde, die über sein überspitztes Spiel hinwegtäuschen. Wir gönnen ihm diese letzten Tage, ganz gleich was geschieht, um einmal in seinem scheinbar traurigen Leben unter den Reichen und Schönen wandeln zu können – nur um natürlich zu entdecken, dass dieser Reichtum über Trauer und Schmerz nicht hinweghelfen kann.

Menschen im Hotel

Lionel Barrymore (links) als Otto Kringelein und Lewis Stone (rechts) als
Dr. Otternschlag.

Die anderen Player spielen ihm zu. Natürlich gibt es Greta Garbo als die “Ich möchte allein sein”-Dame. Dieser Satz hat sich in die Filmgeschichte eingebrannt, da er ihr Image als zurückgezogener Star unterstützte, die von der Öffentlichkeit und der Presse in Ruhe gelassen werden wollte. John Barrymore (Dr. Jekyll und Mr. Hyde, 1920) darf den faulen Aristokraten geben, Wallace Beery (Die verlorenen Welt, 1925) den rücksichtslosen Großunternehmer und natürlich Joan Crawford (Solange ein Herz schlägt, 1945) als muntere Sekretärin.

Das Ensemble überspielt die Filmemacher, die dem Film weniger Persönlichkeit verleihen können, als es die Darsteller und Darstellerinnen in der Lage sind zu tun. Die Regie von Goulding, das Drehbuch von William A. Drake und auch die Kameraarbeit von William Daniels wirken blass, einfallslos und uninspiriert. Sie verlassen sich auf ihre Stars, die dem Film durch ihre bloße Anwesenheit zu Größe verhelfen sollen.

Die Tragik ist, dass der Plan aufgeht. Menschen im Hotel kommt mit einer faszinierenden Atmosphäre daher, wenn diese unterschiedlichen Personen ins Bild treten und uns zum Teil ihrer Lebensgeschichten machen. Das Grand Hotel wird durch Trubel und Tumult bestimmt, in dem sowohl Vergnügen als auch Sorgen zum Vorschein kommen.

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