Nur selten, so scheint es, stellt sich diejenige Person, die einen Stummfilm begleitet in den Vordergrund. Der Film soll das Highlight bleiben, auch wenn die Musik, vor allem natürlich beim Stummfilm, eine große Rolle spielt. Im Falle von Joachim Bärenz, der „Tempo Tempo“ von Max Obal, deutscher Schauspieler und Regisseur, begleiten durfte, stellte sich das etwas anders dar. Links unten am Seitenrand der Leinwand entstanden Klänge, die einen nur umso mehr in die Filmhandlung hineinzogen, die Melodie, das Erklingen der Tasten wirkte leicht und locker, stimmig zu den Bildern, als würde sie der Film selbst hervorbringen. Nach über vierzig Jahren als Stummfilmpianist beweist Bärenz, dass mehr zur musikalischen Filmvertonung gehört, als nur Klavier spielen zu können. Er hat das Gespür, er fühlt sich in den Film ein, er begleitet, spielt nicht nur. Der Preis der Filmkritik von 2003 für seine Verdienste um die Stummfilmvertonung erübrigt alle weiteren Lobhudeleien. Der Mann versteht sein Handwerk, er lebt sein Handwerk, er verzaubert durch sein Handwerk.

Luciano Albertini (rechts) mit Wrack und Zylinder in “Tempo Tempo”

Ein Zauber ist dann aber auch der Film selbst, „Tempo Tempo“, der Titel ist Programm: Hauptdarsteller Luciano Albertini, gebürtiger Italiener, ist geschwind unterwegs, zu Fuß, im Auto oder auf dem Boot, der Filmschnitt erübrigt den Rest, hastig aneinander gereihte Szenen verleihen dem Film zusätzlich an Geschwindigkeit, Verfolgungsjagten zwischen Räubern und der Polizei, „Tempo Tempo“ nicht nur als Stilmittel und Handlungselement, auch als Genrebegriff: Ein früher Actionstreifen, man ersetze Protagonist Lilso Lagard (Albertini) durch James Bond – eine nicht allzu abwegige Möglichkeit, findet man doch auch hier die Frauen, die Autos, den feinen Anzug und die Action. Max Obal fand offenbar Gefallen an Albertini, „Tempo Tempo“ war ihre bereits vierte Zusammenarbeit: 1927 „Der größte Gauner des Jahrhunderts“ und „Rinaldo Rinaldini“, ein Jahr später „Der Unüberwindliche“.

In „Tempo Tempo“ spielt Albertini eben jenen Lislo Lagard, einen Filmemacher, einen Schauspieler, beides zugleich, der ein Faible für spannende Detektivgeschichten hat. Nun weiß ein Vertreter dieser Zunft, dass es im Film natürlich weitaus leichter zum Happy End kommt als im wahren Leben. Das mag Lagard nicht auf sich sitzen lassen, ein Juwelendiebstahl animiert ihn selbst auf die Jagd nach den Tätern zu gehen. Im Wrack und mit Zylinder auf dem Kopf, schmuggelt er sich in die Räuberbande ein, gewinnt deren Vertrauen und kommt so den gestohlenen Juwelen immer näher.

Albertini klettert an Häuserfassaden entlang, nutzt Kräne wie Lianen im Dschungel, rauft sich, lässt sich verfolgen, verfolgt selbst, springt über jedwedes Hindernis oder fährt auf dem Dach eines Fahrstuhls in die Höhe. Der Actionfilm könnte besser nicht inszeniert werden: Mit „Tempo Tempo“ präsentiert Max Obal schon 1929 die Vorlage für spätere Filme dieser Art, ganz gleich ob mit Sean Connery oder Bruce Willis, es ist ein Actionfilm seiner Zeit, der sich temporeich präsentiert. Am Ende noch ein Wehrmutstropfen: Lagard entscheidet sich für die falsche Frau, zumindest was die Leistung im Film betrifft: Die blonde Hilda Rosch, hier zu sehen als Hollywood-Diva Imogen Robinson, wird der Brünetten vorgezogen, obgleich Trude Berliner (hier als Gangsterbraut Mila) eine herrliche Femme Fatal abgibt, die ihren Ehemann betrügt, um mit dem Betrüger anzubandeln. Da fühlt man sich als Zuschauer um das Happy End betrogen. Aber wie sagt Lislo Lagard dann noch so schön: „Ein Happy End? Vielleicht im nächsten Film.“

Denis Sasse