© Warner Bros. Pictures Germany / Henry Cavill in "Man Of Steel"
© Warner Bros. Pictures Germany / Henry Cavill in „Man Of Steel“

In amerikanischen Comics werden Waisenkinder zu Helden erhoben. Peter Parker verliert nicht nur seine Eltern, sondern muss auch gleich noch den Tod seines Onkel Ben miterleben, dessen liebevoll gestalteten Erziehungsmethoden dem jungen Peter formidable Moral- und Wertevorstellungen mit auf den Weg geben, um als freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, Spider-Man, für die New Yorker Bevölkerung einzutreten. Auch Bruce Wayne, später allnächtlich als Batman unterwegs, musste den Tod seiner Eltern mit ansehen. Von einem Straßenräuber erschossen, plagen ihn die Bilder bis in die Gegenwart. Er nutzt sie als Antriebskraft um als Dark Knight gegen das Verbrechen in Gotham City anzugehen. Und auch weniger weltliche Geschöpfe kämpfen mit ihrem Dasein als Waisenkind. So auch Kal-El vom Planeten Krypton, auf der Erde als Superman oder – ganz menschlich – als Clark Kent bekannt.

Dieser wächst wohl behütet auf einer kleinen Farm in Smallville / Kansas auf, wo er bäuerliche Hilfsarbeiten für seine Zieheltern Jonathan und Martha Kent übernimmt. Aber schon in frühen Kindheitstagen machen sich übermenschliche Fähigkeiten bei dem kleinen Jungen bemerkbar, der zuerst eine Gottesmacht hinter seiner Besonderheit vermutet. Dann aber weiht sein Vater ihn in das Geheimnis seiner Anwesenheit auf der Erde ein. Ein Raumschiff lässt darauf schließen, dass Clark die Antwort auf die Frage ist, ob die Menschheit allein im Universum ist. Schon bald stellt sich Clark nicht als einziger Überlebender seines Heimatplaneten Krypton heraus. Der Anführer der Militäreinheit, nach einem Putschversuch mitsamt seiner Gefolgschaft in der Phantomzone eingesperrt, entkommt dieser und sucht auf dem Planeten Erde nach dem Kryptonier. Sollte Kal-El, so sein Name von Geburt, sich nicht General Zod ergeben, wird dieser für die Zerstörung der Erde sorgen.

Zack Snyder, für Graphic Novel Verfilmungen von „300“ bis „Watchmen“ bekannt, bringt mit „Man Of Steel“ den amerikanischen – oder kryptonischen – Urhelden zurück auf die Kinoleinwände. Im Schatten von Christopher Reeve, der gleich mehrmals das Cape überstreifte, und Brandon Routh, der einen wenig beachteten Auftritt in „Superman Returns“ hinlegte, versucht sich nun Henry Cavill in der Rolle des Stählernen. Überraschend gut mimt er das Alien zwischen zwei Familien, zugleich zwischen zwei Welten, auf der Suche nach seiner Identität. Er ist der ultimative Außenseiter, aber auch Projektionsfigur für zahlreiche Werte, Normen und Ideale, die ihm als familiäre Liebe vermittelt werden. Sei es Jor-El, von Russell Crowe dargestellt, oder Erdenvater Jonathan Kent (Kevin Costner), in jeder Tat und Handlung Supermans ist der Einfluss der Eltern, besonders der Vaterfiguren zu spüren. Sie begleiten ihren Sohn nicht nur metaphorisch bis über den Tod hinaus, sie treten als Erscheinung oder Erinnerung immer wieder ins Bild. Der nach seiner Identität suchende Clark lässt sich von seinen Vätern leiten, muss aber zugleich auch lernen loszulassen und seinen eigenen Weg zu beschreiten.

Henry Cavill (als Superman) mit Amy Adams (als Lois Lane)
Henry Cavill (als Superman) mit Amy Adams (als Lois Lane)

Das wirkt noch überhaupt nicht so super, wie man Superman gerne hätte. Und in der Tat, wird er bei Zack Snyder nur einmal explizit – die Medien sind Schuld – als Superman betitelt. Aber auch Clark Kent mit seinem aus den Comics bekannten Aussehen: wohl frisiert, Brille auf der Nase, dazu noch etwas schüchtern, wird erst nach dem effektbeladenen, aber niemals unübersichtlichen Showdown, eingeführt. „Welcome to the Planet“ begrüßt Amy Adams als Lois Lane ihren neuen Mitarbeiter bei der stadtbekannten Zeitschrift Daily Planet, zugleich aber eben auch nachträglich auf der Erde, da das in den 140 Minuten zuvor noch niemand so richtig getan hat.

„Man Of Steel“ ist ein gehaltvolles Amalgam aus Supermans modernem Fernsehauftritt „Smallville“ und den teils abenteuerlichen Filmwelten um Christopher Reeve geworden. Die erste Hälfte sichert dem Helden seine Kindheit. In Rückblenden widmet sich Zack Snyder immer wieder dem jungen Clark Kent, mal als Kind, mal als Jugendlicher. Hier steht Clarks eigene Irritation über seine enormen Kräfte im Mittelpunkt. Hier hievt er schon einen schweren Schulbus aus einem Fluss, ganz unbedacht der Folgen, die diese Aktion in der Öffentlichkeit nach sich ziehen kann. In der zweiten Hälfte entfacht Snyder dann seinen Superman, immer auf die tiefgreifenden Identitäten seiner Figuren bedacht, aber doch ein Bombastkino, dass der Linie eines Christopher Nolan treu bleibt, Schöpfer der erfolgreichen Dark Knight-Trilogie, hier in einer Produzentenrolle am Entstehungsprozess des zweiten großen Helden des DC-Comicuniversums beteiligt. Fernab der Marvel-Verfilmungen, jüngst „The Avengers“ und „Iron Man 3“ verzichtet Zack Snyder für seine Superman-Interpretation auf übermäßigen Witz, lässt seine Figuren keine One-Liner hinaus posaunen, sondern grundiert sie in einer möglichst realistischen, dem Comicuniversum treu bleibenden Filmwelt.

Es ist ein Portrait des Superhelden mit starken, markanten Gesichtszügen. Henry Cavill, wie er da steht und gen Himmel schaut, er ist die legitime Neubesetzung einer modernen Superman Inkarnation. Dieser Superman funktioniert. Hier sehen wir einen wahren Helden. Cavill hat Spaß an seiner Darstellung, das merkt man ihm förmlich an. Es erscheint wie eine wahre Freude, wenn er durch die Lüfte saust, als ob er gerade wirklich dieser Erfahrung ausgesetzt wird. Gleichzeitig lässt er es aber nicht an der nötigen Ernsthaftigkeit fehlen, findet diesen Punkt zwischen Freude und Not. Ihm steht zeitweise die ganze Sorge, um das Wohl der Menschheit bemüht, ins Gesicht geschrieben.

Michael Shannon (als General Zod)
Michael Shannon (als General Zod)

Nicht minder stark ist sein Gegenstück ausgefallen. Michael Shannon als General Zod, einst von Terence Stamp dargestellt, mit Vollbart im Gummianzug. Eine zumindest kleidungstechnische Reminiszenz gibt es, ansonsten wirkt Shannon aber ganz und gar bedrohlich, unberechenbar, jähzornig – bitte weitere schlechte Charaktereigenschaften einfügen. General Zod wird durch Shannon zum erinnerungswürdigen Comic-Bösewicht, zu einer charakterlich starken Figur für einen Erstlingsgegner. Diese müssen sich sonst oftmals dem Held schon sehr früh geschlagen geben, bekommen weniger Leinwandzeit, damit sich die Hauptfigur entfalten kann. Ein Sparringspartner zum Einstand. Das ist General Zod ganz und gar nicht geworden. In seiner manischen Zerstörwut, auf seinem Rachefeldzug, den er mit dem Niedergang des Heimatplaneten Krypton legitimiert, entwickelt er eine Form des fanatischen Patriotismus, durch den die Menschheit das Ende der Welt zu befürchten hat. Und schaut man sich das Gefecht an, dass Zack Snyder zwischen den beiden Widersachern inszeniert hat, mit all dem Kollateralschaden, dessen Neuaufbau Metropolis Unsummen kosten wird, dann grenzt das schon an einen apokalyptischen Untergang.

Superman ist zuletzt 1978 so schön geflogen. Die Rückkehr des „Man Of Steel“ muss als gelungen gewertet werden. Die deutlichen Einflüsse aus dem Nolan-Universum sind spürbar, bleiben zugleich aber auch so blass, dass man keine Angst haben muss, eine Kopie dessen zu erleben, was Christopher Nolan mit der Dark Knight-Trilogie erschaffen hat. Im Grunde, muss sich Clark Kent nun nicht weiterhin als Waise sehen, er hat seinen Platz im Kino gefunden, gleich neben Spider-Man und Batman, die sich eine gemeinsame Familie teilen können: das begeisterte Kinopublikum.

 


Man Of Steel_Hauptplakat

“Man Of Steel“

Originaltitel: Man Of Steel
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA / CDN, 2012
Länge: ca. 142 Minuten
Regie: Zack Snyder
Darsteller: Henry Cavill, Michael Shannon, Amy Adams, Russell Crowe, Kevin Costner, Diane Lane, Laurence Fishburne, Antje Traue, Harry Lennix, Richard Schiff, Christopher Meloni

Deutschlandstart: 20. Juni 2013
Im Netz: manofsteel.warnerbros.com