Filmkritik

“Maladies” von John Carter

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James Franco in "Maladies".

James Franco in “Maladies”.

„Ein anderes Wort für Krankheit?“ steht in einem Kreuzworträtsel geschrieben. Nachdenklich sitzt Schauspieler David Strathairn, mit schönster Frauenhalskette behangen, über dem gesuchten Wort. Ihm gegenüber sitzt der etwas genervt dreinblickende James Franco, der nicht nur die Antwort parat hat, sondern sogleich auch den Titel des Films: „Maladies“. Der Film entstammt der künstlerischen Raffinesse des New Yorker Regisseurs John Carter, bekannt für seine über viele Medien übergreifenden Kunstwerke: Gemälde, Fotografien, auch Installationen und eben Film. Sein Regiedebüt entstand bereits 2008, ebenfalls mit James Franco, der jede Film- und Fernsehrolle seiner Karriere noch einmal im Schnelldurchlauf durchleben musste. „Maladies“ erzählt die Geschichte dreier Menschen: James (James Franco), Catherine (Catherine Keener) und Patricia (Fallon Goodson), die sich ein schönes Haus am Strand nicht weit entfernt des New Yorks im Jahre 1963 teilen. Ihr Nachbar (David Strathairn), mit einem Faible für Frauenkleider, ist der einzige Besucher, der ab und zu vorbeischaut und James anhimmelt. Denn James war einst ein erfolgreicher Soap Schauspieler, nun gestrandet im eigenen Wahnsinn. Seine Schwester Patricia versteckt sich in ihrer ganz eigenen Welt, spricht kaum mit anderen Menschen. Catherine genießt es sich beim aus dem Haus gehen als Mann zu verkleiden. Es reihen sich zahlreiche geistige Krankheiten aneinander, die das alltägliche Leben zu einem fantasiereichen Miteinander werden lassen.

Catherine Keener, James Franco und David Strathairn.

Catherine Keener, James Franco und David Strathairn.

Regisseur John Carter nutzt hier die Schauspielkraft James Francos schamlos aus, steigert dessen offenbar von Natur aus gegebene Exzentrik ins fast unermessliche. Franco kann kaum von sich selbst getrennt werden. Wer spielt denn da nun gerade? Sein Rollenname muss auch unbedingt James heißen, ein ehemaliger Soap Star, wie es auch auf James Franco („General Hospital“) selbst zutrifft. Wenn er dort am Strand entlang geht, ganz allein, wirkt der Moment doch nicht, als sei er gänzlich ohne eine andere Seele. Aber nur, weil Regisseur und Darsteller so sehr miteinander harmonieren, dass sie James Franco im Zwiegespräch mit sich selbst so gut aussehen lassen. Er spricht mit sich selbst, zeitgleich hört man seine Gedanken aus dem Off und eine unbekannte Zweitstimme gesellt sich auch noch hinzu. Das Bild mag nur auf James Franco fixiert sein, auf der Tonebene geschieht aber weitaus mehr als nur ein harmloser Dialog mit sich selbst. Für James ist hier klar: „Jeder hört doch Stimmen, nicht wahr?“. In diesem Moment auf jeden Fall, denn der Zuschauer erlebt all dies mit. Die willkürliche Fragerei der fremden Stimme, James wie er mit dem Wahnsinn umgeht. Man ist mittendrin in dieser Wunderwelt des Durchgeknallten.

Dieser Wahnsinn ist das Herz des Films. Ein kurzer Auftritt Alan Cummings, der sich sonst selbst gerne in Verrücktheiten verliert, lässt einen ‚normalen‘ Menschen in seiner bösesten Form zu Wort kommen. Als ein verachtend angiftender Gast eines Diners beschwert er sich genervt, zeigt noch einmal deutlich den Kontrast von ‚Normal‘ und ‚Verrückt‘. Das ist einer der ernsten Momente, der einem schmerzhaft bewusst macht, dass ein Lacher oftmals unangebracht erscheint. So amüsiert man zuerst noch die mentalen Störungen aufnehmen mag, so ernst werden sie im Unterton genommen.

Fallon Goodson

Fallon Goodson

Im Kern der Erzählung dreht sich dann aber doch alles um James, diesen Ex-Schauspieler der seiner Exzentrik erlegen ist. James Franco spielt ihn großartig, mit all seinen Neurosen und Ticks. Schon der Weg aus der heimischen Küche ins Wohnzimmer ist für James verwirrend, weil da ja noch ein Flur dazwischen liegt. Das versteht er ganz und gar nicht. Solcherlei Dinge verwirren ihn und es macht Spaß James Francos Mimik in solchen Momenten zu beobachten. Beruhigung findet er nur in dem Freizeichen des Telefons, an dem er fast täglich hängt, als sei es seine persönliche Droge, sein Zwang. So wie Catherine sich Männerkleider anziehen muss, wenn sie das Haus verlässt. So wie Patricia nach Zigaretten süchtig ist. Die kleinen Krankheiten, die ‚Maladies‘ nicht nur in der Exzentrik versteckt, sondern auch in den ganz merkwürdigen Verhaltensmustern der Figuren.

Das Schönste an „Maladies“ sind dann aber die kleinen Momente, in denen James seinem Hobby, der Fotografie, nachgeht. Dann verlangsamt sich das Bild, ein Sturm zieht auf, ein Feuer wird entfacht. Hier merkt man dann, dass mit John Carter ein multimedialer Künstler am Werke war, der mit einfachsten Mitteln das Blitzlicht eines Fotoapparats zum schönsten Effekt des Mediums Film machen kann.

 


Maladies_Hauptplakat

“Maladies“

Originaltitel: Maladies
Altersfreigabe: noch nicht bekannt
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 96 Minuten
Regie: John Carter
Darsteller: James Franco, Catherine Keener, Fallon Goodson, David Strathairn, Alan Cumming

Deutschlandstart: nicht bekannt
Im Netz: berlinale.de/maladies


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