© Animus Films / Amanda Seyfried als Porno-Ikone Linda Lovelace
© Animus Films / Amanda Seyfried als Porno-Ikone Linda Lovelace

Immerzu hat sie dieses süße Lächeln parat. In „Mamma Mia“ und „Les Misérables“. In „Das Leuchten der Stille“ und in „Briefe an Julia“. Ein Vorzeigelächeln, ein Symbol für das unschuldige kleine Rehkitz, das man der Seele dieser Frau ohne zu zögern zuordnen würde. Und dann gelingt es ihr sogar noch, in einem Film über einen berühmten Pornostreifen zu spielen. Als erste Frau im Business, die das männliche Glied vor laufender Kamera in den Mund nimmt. „Deep Throat“ hieß das dann, ein Film der die Porno-Industrie revolutionierte. Dabei behält Seyfried immer dieses Rehkitz-Lächeln, fügt noch ein paar Sommersprossen hinzu, ein seltsames Bild von einer Frau, die sie als Linda Lovelace abgibt, diese Porno-Queen der frühen 70er Jahre. Das funktioniert weil „Lovelace“ kein schweres Biopic ist, sondern sich trotz aller Lebenstragödien im Rahmen eines locker inszenierten Unterhaltungsfilms bewegt.

Deswegen passt dann auch Amanda Seyfried so gut in die Rolle dieser Linda Lovelace, die als unverdorbenes Mädchen, eine ganz normale Teenagerin ihrer Zeit, aufwächst. Ihrer hoch religiösen Mutter, eine glänzend spielende und kaum zu erkennende Sharon Stone, missfällt es allenfalls dass ihre beste Freundin einen schlechten Einfluss auf sie haben könnte. Eine Paraderolle für Juno Temple, die von „Die Girls von St. Trinian“ über „Cracks“ bis hin zu „Little Birds“ in dieser Rolle aufgeht. Sie möchte Linda zum Drogenkonsum überreden oder öffnet ihr im Garten den Büstenhalter zum freizügigen Sonnenbad. Nicht gern gesehen von der Mutter, vielleicht aber bereits ausschlaggebend für ihre spätere Karriere. Die Überfürsorge ihrer Eltern, Robert Patrick mimt den ruhigen aber besorgten Gegenpart zu Sharon Stone, entfacht ein rebellisches Aufbegehren in Linda, das sie in die Arme des von Peter Sarsgaard gespielten Chuck Traynor treibt, ihr späterer Ehemann, um keinen Schlag verlegen, wenn es darum geht seine Frau zu kontrollieren. Erst in einem später stattfindenden Fernsehinterview öffnet sie ihr Herz, spricht im Rahmen ihrer Buchveröffentlichung „Ich packe aus“ (Originaltitel: „Ordeal“) über ihren großen Peiniger, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hat.

Amanda Seyfried als Linda Lovelace beim Fotoshooting
Amanda Seyfried als Linda Lovelace beim Fotoshooting

Dabei resultieren Chucks Gewaltausbrüche zumeist aus seiner eigenen Unsicherheit, hat er sich doch an eine Frau gebunden, die ihn mit ihrem Erfolg in den Schatten stellt. Auf der anderen Seite kommt es ihm gelegen, dass Linda mit ihrem Job das nötige Geld verdient, um den finanzschwachen Chuck aus der Bredouille zu helfen. Er lässt seine Probleme dementsprechend nicht nur an seiner Ehefrau aus, sondern versucht sie auch durch diese zu lösen. Er verkauft sie an Männer, hat ab dem Moment, da „Deep Throat“ ein solch immenser Erfolg ist, eine Edelhure in seinem Besitz. Sarsgaard ist hier vermutlich der Show-Stealer, so erschreckend realistisch verkörpert er diesen Tyrannen. In der Öffentlichkeit mag er sich wie ein ruhiger Fels in der Brandung geben, der Mann der Linda Lovelace den Rücken stärkt. Wenn sich aber die Augen der Menschen abwenden wird er zur Bestie, schlägt und prügelt auf sie ein, ist Eifersüchtig auf ihren Erfolg. Ginge es nach Chuck Graynor, würde sein Name ebenso groß auf den Leuchtreklame-Tafeln erstrahlen. Sein Einfallsreichtum reicht jedoch nur dazu aus, um abgedroschen kitschige Merchandise-Produkte zu realisieren: Dildos und Gummipuppen, auf dem sein Name gleich neben Linda Lovelace steht. Eine Milchkuh, die gemelkt werden soll.

Bis zu ihrem Ausstieg, mehr als „Deep Throat“ hat es nie von Linda Lovelace gegeben, hat sie den Ruhm und den Glamour aber auch genossen. Nie, gerade im Film nicht, könnte man behaupten, Amanda Seyfried würde als Linda spaßlos durch die Porno-Industrie ziehen. Sie kann ihren Eltern am Telefon davon erzählen, dass sie Männer wie Sammy Davis Jr. trifft, auf Partys herumhängt und selbständig ihr Geld verdient. Die Welt himmelt diesen Star an. Selbst Hugh Hefner gibt sich die Ehre, ein gelungen amüsanter Gastauftritt von James Franco in der Rolle des in den 70er Jahren noch nicht so greisem Bunny-Opas. Darüber hinaus freundet sie sich mit ihrem „Deep Throat“-Co-Darsteller Harry Reems an, ein von Adam Brody als von Linda verwunderter und überraschter, vielleicht ein wenig eingeschüchterter Mann gespielt. Er bildet in „Lovelace“ das Gegenbeispiel eines Mannes. Der schüchtern freundliche Pornodarsteller, eigentlich ganz nett, aber in einem beschmutzten Business zu Ruhm gelangt und das Arschloch Chuck, das vor den Eltern aber einen vorbildlichen Schwiegersohn abgibt.

Irgendwann treibt Chuck sie aber aus diesem Geschäft heraus, wie er sie auch hinein gebracht hat. Die Enttäuschung ihrer Eltern, nach dem diese mal nicht das Fernsehgerät ausmachen, wenn Linda im Fernsehen gezeigt wird, sogar „Deep Throat“ ansehen, ist der Grundstein für ihren Ausstieg. Sie schreibt ein Buch, erneut folgt eine Revolution. Dieses Mal nicht pornografischer, sondern feministischer Natur. Mit diesem Fernsehinterview, in dem sie ihr Buch anpreist, hätte der Film ein hervorragendes Ende finden können, begibt sich dann aber doch noch einmal auf sentimentale Pfade, zeigt die Aussöhnung Lindas mit ihren Eltern. Das mindert dann den Eindruck von Stärke, den diese Frau am Ende doch noch beweist, zeigt sie mit Tränen in den Augen als emotionales Wrack. Vielleicht die falsche Form um aus „Lovelace“ heraus zu gehen.

 


Lovelace_Hauptplakat

“Lovelace“

Originaltitel: Lovelace
Altersfreigabe: noch ohne Alterseinschränkung
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 92 Minuten
Regie: Rob Epstein & Jeffrey Friedman
Darsteller: Amanda Seyfried, Peter Sarsgaard, Sharon Stone, Robert Patrick, Juno Temple, Chris Noth, Adam Brody, Hank Azaria, Wes Bentley, James Franco, Eric Roberts

Deutschlandstart: nicht bekannt
Facebook-Auftritt zum Film: facebook.com/LovelaceMovie