Mit Vollspeed durch Berlins Straßen in Tykwers Klassiker LOLA RENNT mit Franka Potente

In Tom Tykwers 90er-Jahre-Klassiker Lola Rennt werden wir auf eine frenetische Jagd gegen die Zeit genommen. 80 Minuten hektische Rennerei erwarten uns. Lolas Freund Manni hat Mist gebaut, er hat eine Tasche mit 100.000 DM in der Bahn liegen lassen, ein Obdachloser hat sich damit auf die Socken gemacht. Er braucht das Geld allerdings, um die Gangster, die ihn beauftragt haben, zu bezahlen. Wenn er das Geld nicht abliefert, steht ihm Schlimmstes bevor. 20 Minuten vor dem Treffen ruft er seine Freundin an und bittet sie um Hilfe. Sie hat somit noch 20 Minuten Zeit, ihrem Freund aus der Patsche zu helfen, 20 Minuten Zeit, um 100.000 DM aufzutreiben, 20 Minuten Zeit, um ihrem Geliebten das Leben zu retten. Der Lauf gegen die Zeit geht los! Und das in Lola Rennt sogar gleich dreimal.

Dreimal hintereinander beginnen die 20 Minuten auf ein Neues, jedes Mal mit einer abgewandelten Geschichte, jedes Mal mit einem vollkommen anderen Verlauf und Ausgang des Geschehens. Die Message: Jeden Tag, jede Sekunde trifft man eine Entscheidung, die das Leben verändern kann! Ein Schmetterling schlägt in Malaysien mit den Flügeln und in Trinidad wird ein Wirbelsturm ausgelöst – in Lola Rennt wartet somit der typische „What-If“- bzw. Schmetterlingseffekt vom Feinsten, den wir inzwischen aus diversen Filmen wie, Butterfly Effect, Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht und dem neuen Happy Death Day kennen. Auch in Lola Rennt bietet jeder Lauf neue Wendungen, neue Action, unerwartete Ereignisse und neue Ausgänge.

Regisseur Tom Tykwer dreht in seinem dritten Film, nach dem Erfolgsdrama Winterschläfer aus dem Jahr 1997, die Action auf. In Lola Rennt geht es mit schnellen Schnitten rasanter, dramatischer und aufregender zu, dabei wartet ein Mix aus Romantik, Action und Spannung, während die unermüdliche Protagonistin über die Gehsteige brettert, um ihrem Geliebten das Leben zu retten. Der deutsche Regisseur schafft es mit Lola Rennt der internationalen Filmindustrie zu zeigen, dass auch die deutsche Filmproduktion etwas auf dem Kasten hat. Der Film wurde auf diversen internationalen Filmfestivals gezeigt, zudem gehört er zu einer der erfolgreichsten deutschen Produktionen im Ausland.

Franka Potente tritt mit feuerroten Haaren in die Rolle der Lola. Ein Anruf ihres Freundes, gespielt von Moritz Bleibtreu, und der Lauf gegen die Zeit geht los! Lola verbringt fast die gesamte Laufzeit des Filmes damit, durch die Straßen Berlins zu sprinten, fliegende Haare, schwerer Atem und das immer wieder aufblitzende Tattoo am Bauch. Und das gleich dreimal. Und das ohne wirklich in Schweiß auszubrechen, aber das ist zweitrangig. Über Gehwege und durch die verkehrsreichen Straßen Berlins rennt sie, um ihren geliebten Freund vor den Folgen seiner eigenen Dummheit zu bewahren.

Die Szenarien variieren mit immer neuen Ereignissen, von Autounfällen zu Schießereien bis hin zu gigantischen Glaspanelen, die – wie es in Filmen dieser Zeit nicht fehlen durfte – aus irgendeinem Grund über die Straße getragen werden und besondere Special Effects bewirken. Jeder Lauf hält andere Auswirkungen und ein anderes Schicksal für die Geliebten und Passanten bereit. Rasante Schnitte, Splitscreens, 360-Grad-Drehungen der Kamera, dazu Schnappschüsse, Animationspassagen, Zeitlupe, und ein geladener Techno-Beat halten die Action hoch, und zeigen, wie sich Tykwer mit den verschiedensten Techniken der Filmproduktion austobte.

Moritz Bleibtreu schlüpft dabei in die Rolle des leicht verblödeten, aber dennoch liebenswürdigen Freundes der Lola, der sie eindeutig sehr zu lieben scheint. Er ruft voller Verzweiflung seine schlagfertige, clevere Freundin an. Sein Notfallplan: Den Supermarkt nebenan ausrauben. Ein Plan, der wohl einige Lücken aufweisen und die zwei in eine nur noch größere Misere verwickeln würde. Lola versucht es selbst.  

Der Fokus des Films liegt ganz eindeutig auf Lola, bzw. Franka Potente. Es ist weniger die Story selbst, als ihr endloses Gerenne, die die Action des Films ausmacht. Die drei verschiedenen Handlungsstränge werden durch eine Animationspassage im Zeichentrickstil getrennt: Lola rennt das Treppenhaus herunter, dabei ist es eine Begegnung mit einem Punk mit seinem Hund, die ihr Schicksal jedes Mal aufs Neue definieren soll. Einmal rennt sie an ihm vorbei, einmal fällt sie und verliert wertvolle Sekunden, beim dritten Lauf springt sie und ist somit wenige Sekunden früher unterwegs.

Jedes Mal probiert sie auf eine neue Art und Weise das Geld zu beschaffen. Sie fragt ihren reichen Vater, der in einer Bank arbeitet und gerade mit seiner Geliebten streitet, sie überfällt die Bank und entkommt, weil die Polizei glaubt, sie sei eine flüchtende Geisel und sie versucht ihr Glück im Casino. Am Roulettetisch hat sie eine Methode, die selbst im Vergleich zu anderen beliebten Strategien außerordentlich riskant ist, indem sie zweimal auf dieselbe Zahl setzt. Jedes Mal wartet ein anderer Ausgang ihrer Versuche. Jedes Mal werden die Leben aller Menschen um sie herum berührt. Jedes Mal endet das Ganze mehr oder weniger tödlich.

Dabei berühren die Paralleluniversen nicht nur sie selbst und ihren Geliebten, sondern auch die Menschen um sie herum. Beim ersten Lauf gehen sie noch leicht unter, doch bis zum dritten Lauf hat man auch die Nebencharaktere liebgewonnen, obwohl sie kaum etwas sagen und man nur wenig über sie erfährt – der Fokus liegt eben doch auf der Rothaarigen. Durch Schnappschüsse werden die Leben und der Menschen um sie herum gezeigt, mit jeder Geschichte verändert sich auch der Lauf ihres Lebens in vollkommen unterschiedliche Richtungen. Das geht vom Vater und seiner Geliebten zur Frau mit dem Kinderwagen auf der Straße bis hin zur Bankmitarbeiterin.

In Tykwers Lola Rennt dreht sich alles um die rothaarige Protagonistin, um die vielseitige Action, die schnellen Schnitte und die rasante Handlung. Doch ist es das wirklich? Tatsächlich wirkt es im Endeffekt, dass es viel weniger um die Macht der Gangster und die Macht des Geldes geht, als um die Macht des Schicksals höchstpersönlich und der unfassbaren Kraft der Liebe. Am Ende stellt man sich die Frage, war es wirklich Lola, die gelaufen ist, oder war es schlichtweg der Lauf des Schicksals?

Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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