Filmkritik

“Die Vermessung der Welt” von Detlev Buck

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© Warner Bros. Pictures Germany / Der gealterte Carl Friedrich Gauß (Florian David Fitz, links) neben dem alten Alexander von Humboldt (Albrecht Schuch, rechts).

Wie zwei Größen der Weltgeschichte aufeinander treffen, dass hat vor nicht allzu langer Zeit Regisseur David Cronenberg gezeigt – ganz ohne 3D – nur mit der schauspielerischen Kraft von Michael Fassbender und Viggo Mortensen. In „Eine dunkle Begierde“ hat er Sigmund Freud (Mortensen), den österreichischen Arzt, Begründer der Psychoanalyse und seine Hass-Freundschaft zu dem Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung (Fassbender) geschildert, nicht unbedingt ein Cronenberg-typischer Film, dennoch ein filmisches Erinnerungsstück mit fabelhaften Darstellern. Nun also das deutsche Pendant: Florian David Fitz als Carl Friedrich Gauß, Mathematiker – und Albrecht Schuch als Alexander von Humboldt, Naturforscher. Inszeniert von Detlev Buck, bekannt durch „Männerpension“, zuletzt mit „RubbeldieKatz“ im Kino, aufgebauscht mit 3D-Effekten und in Überlänge, bleibt hier jedoch nicht viel mehr zurück als ein Flickenteppich, der ohne Fokus zusammen geschnürt wurde.

Florian David Fitz ist der begabte Mathematiker Carl Friedrich Gauß

Ähnlich wie bei Freud und Jung, soll dasselbe Ziel mit unterschiedlichen Methoden erreicht werden. Beide, sowohl Humboldt als auch Gauß, wollen am Anfang des 19. Jahrhunderts die Welt entdecken: Humboldt reist in ferne Länder, will die Welt vermessen, Gauß setzt sich daheim an seinen Schreibtisch, will die Welt berechnen. Detlev Buck setzt mit seiner Erzählung, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann, in der Kindheit der beiden Männer an und zeigt Humboldt, aus einer Adelsfamilie stammend, während Gauß in ärmlichen Verhältnissen aufwächst. Dennoch bleibt das mathematische Genie nicht unerkannt, der Herzog von Braunschweig fördert ihn mit einem Stipendium. Und auch der kleine Alexander, weniger schlau, dafür mit einer ordentlichen Portion Weltenneugier ausgestattet, erhält herzogliche Zuwendung. Damit wird in beiden Leben ein Grundstein gelegt, der sie für immer prägen wird.

Kurze Sätze, ein ironischer Unterton, das sind nur zwei Erkennungsmerkmale der fiktiven Doppelbiografie, die diesem Film zugrunde liegt – visualisiert und durch Schauspieler der imaginativen Kraft beraubt, wirkt Detlev Bucks Versuch die Worte der Literaturvorlage, die bereits auf Englisch, Spanisch, Französisch, Chinesisch und vielen weiteren Sprachen erschienen ist, auf die Leinwand zu bannen, wie eine schwerfällige Medienübertragung, die in vielen Momenten an eine laienhafte Theaterinszenierung erinnert. Die Sätze wirken wie aus dem Inneren der Darsteller heraus geprügelt, auswendig gelernt und aufgesagt, ohne emotionale Tiefe einzubringen. Starr wird in die Luft geblickt, die Pupillen regen sich keinen Millimeter, allenfalls Florian David Fitz und Jérémy Kapone, in der Rolle des französischen Humboldt-Begleiters Bonpland, wirken wie Filmdarsteller, der Rest gibt sich vergeblich Mühe. Symbolisch werden Fingerzeige getätigt, ausgebreitete Arme sollen wichtige Gesten darstellen – es ist ein unnötig überspitzes Spiel, wie es nicht auf die Leinwand gehört.

Albrecht Schuch (links) ist der Naturforscher Alexander von Humboldt, hier mit Jérémy Kapone (rechts) als Bonpland

Die Ironie der Geschichte fällt allen Beteiligten schwer, auch hier bilden die bereits genannten Darsteller die Ausnahmen. Der, der hier den Faden verliert, heißt Buck, ist der Regisseur und dieser weiß offenbar nicht, ob er nun eine Komödie dreht, eine epochale, weltumfassende Reise zeigt, wo sein Spannungsbogen verortet werden könnte, es wirkt wie ein Flickenteppich, mal bemüht komisch, dann wieder blutig, auch Horror ist zu finden, ernste Untertöne, derer Falschheit man sich als Zuschauer bewusst ist, sind dem Filmemacher offenbar verborgen geblieben. Man könnte es eine unkonzentrierte Inszenierung ohne Fokus nennen. Buck verliert sich mehr in den Landschaftsbildern der Humboldt-Reise, scheint sich im Geiste durch den Erfolg des Romans und der 3D-Technik in Sicherheit zu wägen, hier einen deutschen Blockbuster geschrieben, produziert und gedreht zu haben – aber nach zwei Stunden Film, fragt man sich trotzdem, warum das alles dort so aufgebauscht wurde?

Am Ende sitzen sie dann dort, Humboldt und Gauß, nebeneinander im Gefängnis, mit offenen Türen, die Zukunft breitet sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters vor ihnen aus, dennoch bleiben sie in ihrer Welt gefangen. Ein immerhin guter Abschluss – wäre es gewesen, würden die letzten Minuten nicht David Kross gehören, er spielt den Gaußschen Sohnemann Eugen, der – aus dem Land verwiesen – auswandert, eine Familie gründet und gar nichts forscht. Ähnlich fühlt man sich dann als Zuschauer, etwas verdummt, man hat hier gar nichts erforscht, gar nicht erst die Möglichkeit hierzu bekommen. „Die Vermessung der Welt“, Gauß hätte sich bei seinen Berechnungen gar keine Gedanken über die Krümmung der Erde machen müssen, hätte er sich mit Bucks Interpretation beschäftigt, wo die filmische Welt doch recht flach geraten ist.

Denis Sasse

“Die Vermessung der Welt“

Originaltitel: Die Vermessung der Welt
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: D / A, 2012
Länge: ca. 122 Minuten
Regie: Detlev Buck
Darsteller: Florian David Fitz, Albrecht Schuch, David Kross, Anastasiia Kyryliuk, Karl Markovics, Jérémy Kapone, Leander Haußmann, Anna Unterberger, Daniel Kehlmann, Sven Regener

Deutschlandstart: 25. Oktober 2012
Offizielle Homepage: warnerbros.de/dievermessungderwelt

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