Der kleine indische Junge Saroo wirkt verloren auf dem gigantischen Bahnhof von Kalkutta. Hier tummeln sich so viele Menschen, laufen kreuz und quer, dass man binnen weniger Sekunden den Überblick verlieren kann. Saroo ruft verzweifelt nach seinem Bruder Guddu und nach seiner Mutter. Er versucht einen Weg nach Hause zu finden, wird aber immer wieder von den Menschenmassen zur Seite gedrängt. Dann muss er sogar auf der Straße schlafen. Sein Leben nimmt einen unschönen Verlauf. Es ist das wahre Leben von Saroo Brierly, der darüber in seinen Memoiren A Long Way Home geschrieben hat. Nun hat sich der australische Werbefilmer Garth Davis in seinem Spielfilm-Regiedebüt Lion der Story angenommen.

Saroo geht im Alter von 5 Jahren verloren (gespielt von Sunny Pawar) und muss sich tausende von Kilometern von seiner Heimat entfernt auf einmal ganz alleine durchschlagen. Er übersteht viele Hürden, bevor er dann von einem australischen Pärchen (Nicole Kidman & David Wenham) adoptiert wird. 25 Jahre später nimmt sich Saroo (jetzt Dev Patel) vor, seine wirkliche Familie wiederzufinden.

Lion
Sunny Pawar ist der kleine Saroo in Lion

Der kleine Saroo lernt die englische Sprache, bekommt irgendwann ein Tasmanien-Shirt übergezogen und sitzt im Flieger zu seiner Adoptiv-Familie. Lion tut gut daran, sich bis hierher wirklich Zeit zu nehmen. Ganz ohne Star-Power, die der Film später vorzuweisen hat, legt er sein Grundgerüst in die Hände des kleinen Sunny Pawar, der seine Sache hier großartig macht.

Er zieht uns in seine einsame Welt hinein, die zwar von Menschen bevölkert ist, aber eben nicht von den Menschen, die er eigentlich um sich wissen möchte. Wenn wir in Pawars Augen sehen, dann sehen wir die Angst und zunehmende Resignation, die er für seinen kleinen, verlorenen Saroo ausspielen kann.

Und irgendwie wirkt es dann auch schlicht liebreizend, wenn er von David Wenham und Nicole Kidman als seine australischen Adoptiveltern John und Sue einen kleinen Plüsch-Koala in die Arme bekommt und ein zartes, schwaches Lächeln auf seinem Gesicht zu entdecken ist.

Selbst wenn dann Dev Patel die Rolle des Saroo übernimmt, bleibt uns Sunny Pawar in dessen Erinnerungen erhalten. Wenn sich der erwachsende Saroo an seine Mutter zurück erinnert und als kleiner Junge vor ihr steht. Das lässt Pawar zum stärksten Gesicht von Lion werden.

Lion
Dev Patel als Saroo mit seinen Eltern Sue (Nicole Kidman) und John (David Wenham).

Dev Patel übernimmt die überaus schwere Aufgabe, uns sein Leiden und die fehlende Kindheit spürbar zu machen. Ihm gelingt der Mix aus diesen lebenslang gegenwärtigen Emotionen und zugleich einer Neuausrichtung seines Lebens, das eine ordentliche Ausbildung und eine Freundin (Rooney Mara) beinhaltet.

Patel gelingt es aber auch, uns in seine Suche einzuspannen. Der Film muss dramatisch umsetzen, wie Saroo eigentlich nichts weiter macht als vor dem Rechner zu sitzen und via Google Earth nach seiner Heimat zu suchen, an die er nur vage Erinnerungen hat.

Hier werden die Bindungen mehr in den Vordergrund gerückt, um die menschliche Seite dieses Unterfangens zu zeigen. Wie werden seine Adoptiv-Eltern auf diese Suche reagieren? Wie geht seine Freundin damit um, dass er kaum noch Zeit für sie findet? Wie sehr belasten Saroo die Erinnerungen an seine wirkliche Familie? Dank dieser Fokussierung, kann dann auch das recht ereignislose Gesuche spannend erlebt werden.

So fantastisch Dev Patel in Lion also ist, der junge Sunny Pawar legt überhaupt erst den Grundstein dafür, mit was Patel später im Film arbeiten kann. Aber durch beide Darsteller und die wundervoll spielenden Nebenrollen – allen voran Nicole Kidman – ist Lion ein wirklich unterhaltsam-traurig-freudiger Film geworden.