Eine Dokumentation über den positiven Einfluss von Disneyfilmen hätte ganz schnell auch in eine arg sentimentale Product Placement-Maschinerie verwandelt werden können, die mehr mit der Lobpreisung dieser Filme, als mit allem anderen beschäftigt ist. Sentimental ist Life, Animated in jeder einzelnen Sekunde. Product Placement niemals. Die Disneyfilme werden im Hintergrund gehalten, auch wenn ihr Einfluss immer spürbar ist. Regisseur Roger Ross Williams hat eine Doku geschaffen, die uns eher zum überhöhten Konsum von Taschentüchern, als von Disneyfilmen verleiten wird.

Life, Animated basiert auf dem 2004er Buch Life, Animated: A Story of Sidekicks, and Autism des Journalisten Ron Suskind, der sowohl in seinem Buch als auch in dieser Dokumentation von seinem Sohn Owen erzählt, der seit seiner Kindheit an Autismus leidet, aber durch die Liebe zu Disneyfilmen lernt, mit seiner Umwelt wieder in Kontakt zu treten.

Mit drei Jahren wurde bei Owen Suskind Autismus diagnostiziert. Er hörte auf zu sprechen, die Ärzte erklärten den Eltern, dass er vielleicht nie wieder reden würde. Die Hoffnung auf ein normales Leben wurde begraben. Wenn Ron Suskind in die Kamera blickt und uns diese Geschichte erzählt, unterlegt mit alten Aufnahmen, wie er mit einem noch quietsch-vergnügten Owen im Garten spielt, dann stellen sich nach den ersten, wenigen Minuten die ersten Tränen in den Augen bereit, um bald schon wasserfallartig über unser Gesicht zu strömen.

Life, Animated
Vater Ron (links) schaut mit seinem Sohn Owen Suskind (rechts) Disneyfilme.

Nicht alles Tränen der Trauer, sondern auch aus freudigen Hoffnungsschimmern. Wir lernen den erwachsenen Owen kennen, wie er mit seiner Umwelt kommuniziert, wie er kurz vor seinem Schulabschluss steht, der ihm den Weg in die beängstigende Unabhängigkeit der ersten eigenen Wohnung entlassen wird. Immer wieder die Rückblicke in die Kindheit und die Reise bis zu diesem Punkt, die von Disneyfilmen geprägt ist, durch die Owen wieder Anschluss an die Welt gefunden hat.

Es war eine winzige Idee von Papa Ron, die den Anstoß gab. Und allein hierüber nachzudenken, lässt Gänsehaut und erneut Tränen aufkommen. Er sieht die kleine Jago-Handpuppe vor dem Bett seines stummen Sohnen sitzen. Jago, dieser krächzende Sidekick des Bösewichts Jafar aus Disneys Aladdin. Ron Suskind greift zur Puppe, versteckt sich neben dem Bett, greift zu Jago. Dann die Überraschung. Sobald er in der Stimme des Papageien zu sprechen beginnt, antwortet Owen. Mal in seinen eigenen Worten, mal zitiert er aus Aladdin, weiß genau wann welcher Dialog stattfindet. Die Hoffnung diesen Jungen doch noch wieder zum Sprechen zu bekommen, ist auf einmal wieder da.

Später wird er einen Disney Club für seine ebenfalls autistischen Freunde gründen, wo sie Der König der Löwen schauen und über den Film diskutieren. Schauspieler Gilbert Gottfried schaut vorbei – die Originalstimme des Papageis Jago – und wieder kullern die Tränen. Dieses Mal aus Freude, weil hier auf einmal Owens Idol vor ihm steht, als auch die Figur, die ihn wieder zum reden gebracht hat.

Mehr Wow? Das Lesen hat sich Owen selbst beigebracht, indem er sich an die End Credits der einzelnen Filme erinnert hat. Die Disney-Zeichentrickklassiker bleiben ihm immer erhalten. Das ist wichtig für ihn. Denn in der Welt verändert sich alles. Um ihn herum verändert sich alles.

Life, Animated
Kreative Animationen unterstützen LIFE, ANIMATED in der Erzählung von Owen Suskinds Geschichte.

Er wäre gerne wie Peter Pan, der niemals erwachsen wird, keine Verantwortung übernehmen muss. Denn Owen weiß, dass es für einen Autisten schwer ist, seinen Alltag allein zu regeln. Aber ebenso spielt Pinocchio eine Rolle, der ebenso wie er ein richtiger Junge sein möchte. Er schaut Bambi und Dumbo, als er in seine eigene Wohnung zieht, weil diese Filme seinen Trennungsschmerz aus dem Elternhaus wiederspiegeln. Für jeden Moment weiß er die richtige Szene, das richtige Gefühl, den richtigen Moment, um seine VHS-Kassetten einzulegen und in die Disney-Welt abzutauchen.

Aber Owen hat auch eine Freundin, was wiederum seinen Bruder beschäftigt. Er übernimmt die schwere Aufklärungsarbeit, die kein Disneyfilm jemals liefern wird. Owens Weltwissen besteht aus Dingen, die in seinen Filmen zu sehen sind. Wenn sich Bruder Walter zur Kamera dreht uns nur andeutet “Y’know, Disney movies don’t really provide that” wissen wir, was er meint. “What should I do? Show him Disney porn?”

Ebenso herzzerbrechend ist es, wenn diese Freundin dann mit Owen Schluß macht, er mit der harten Realität der Veränderungen nur umso mehr konfrontiert wird. Dann ruft er seine Mutter hat und stellt die Frage aller Fragen: “Mom, why is life so full of unfair pain and tragedy?” – darauf finde man erst einmal eine Antwort.

Life, Animated zeigt wie schön es sein kann ein Filmfan zu sein, wie heilsam die Welt der Filme wirken kann und dass es eben nicht nur Hirn aus-Unterhaltung ist, sondern für manche Menschen so viel mehr darstellt. Dabei ist es kein Disney Magic Carped Ride, keine Vermarktung der Animationsfilme, sondern konzentriert sich auf Owen Suskind und sein Leben – in dem nunmal Disneyfilme eine große Rolle spielen.