Filmkritik

“96 Hours – Taken 2” von Olivier Megaton

0

Er wird für immer Steven Spielbergs Oskar Schindler bleiben, allenfalls noch als Qui-Gon Jinn die „Star Wars“-Nerds faszinieren, der Jedi-Ritter, den er für George Lucas in dessen „Episode I“ darstellte – eine der wenigen guten Neuerungen in dem Krieg der Sterne Mythos. 2008 erlangte Schauspieler Liam Neeson unverhofft ein Image als Action-Haudegen, zu danken hatte er hierfür dem französischen Filmemacher, der irgendwie überall seine Finger im Spiel hat, wenn man an die Filmwelt Frankreichs denkt: Luc Besson. In „Taken“, in Deutschland umbetitelt zu „96 Hours“, wurde Neeson zum Ex-Agenten der US-Regierung und schlagkräftigen Papa, der seine Tochter aus der Gewalt einer albanischen Kidnapper-Bande befreien musste. Und nun fängt das ganze Spiel von vorne an. Der inzwischen 60 Jahre alte Neeson ist bei „96 Hours – Taken 2“ (dieses Mal konnte man sich wohl nicht entscheiden, welcher Titel gewählt werden sollte) wieder Über-Vater Bryan Mills, nur Erstlings-Regisseur Pierre Morel ist der Produktion abhanden gekommen und wurde durch Olivier Megaton ersetzt, Action-Erfahren durch „Colombiana“ und „Transporter 3“.

Im wahren Leben, vor der Kinoleinwand sind nun vier Jahre vergangen seit „96 Hours“, auf der Leinwand waren es nur eineinhalb Jahre, seit der pensionierte CIA-Agent Bryan Mills seine Tochter Kim (Maggie Grace) aus den Fängen brutaler albanischer Mädchenhändler gerettet hat. Inzwischen vertreibt er sich die Zeit damit, seiner Tochter Fahrstunden zu geben und nur noch harmlose Aufträge als Leibwächter anzunehmen, so auch für einen Scheich in Istanbul. Als er dort Besuch von seiner Ex-Frau Lenore (Famke Janssen) und seiner Tochter bekommt, kommt es erneut zu einer Entführung. Dieses Mal werden Bryan selbst und seine Frau die Opfer, die von einem Vater eines damals von Mills ermordeten Albaners gekidnapped werden, der nun nach Rache und Vergeltung sinnt.

Maggie Grace über den Dächern Istanbuls

Sowohl Luc Besson, als auch Liam Neeson haben schon mehrere Pleiten produziert oder in ihnen mitgewirkt, je nach Berufsstand in der Filmwelt, auch „96 Hours – Taken 2“ findet sich in der Kategorie „Unnötig“ wieder. Hat man 2008 durch Regisseur Morel noch einen anständigen, Non-Stop-Actionstreifen bekommen, der durch seine ungewohnte Härte und dem Ein-Mann-Zerstörungskommando Liam Neeson noch von vorne bis hinten zu unterhalten wusste, schleicht sich in der Fortsetzung viel zu sehr eine Familiengeschichte ein, die immer wieder in die Actionelemente transferiert wird: aus der Tochter, die nicht nur ihre Eltern, sondern die gesamte Familie wieder zusammen bringen möchte wird die Entführung – erst ihrer Eltern, dann nur der Ehefrau, so dass Bryan Mills seine Verflossene und natürlich auch Zukünftige erst einmal retten muss, bevor es zum Familienglück kommen kann. Die Fahrstunden der Tochter werden in Istanbul abgeleistet, wenn der Papa auf dem Beifahrersitz hektisch mit der Pistole ein verfolgendes Auto im Visier hat, während Töchterchen auf seine Anweisungen hört und dabei eine ganze Horde von Polizeiwagen austrickst. Für eine Fahranfängerin ohne Führerschein besonders eindrucksvoll. Aber es sind eben diese immer wieder erwähnten „besonderen Fähigkeiten“ von Bryan Mills, der mit seinen Gedankengängen einem MacGyver nahe kommt, nur eben etwas zorniger, etwas skrupelloser, etwas schieß- und schlagwütiger.

Der zerstörten Familienidylle kann man dementsprechend wenig abgewinnen, die anfängliche Überwachungsmanie von Mills ist noch amüsant thematisiert, die Tochter mit ihrem Lover, dass kann der sich sorgende Vater nicht einfach hinnehmen. Einen Lacher später ist man allerdings schon wieder beschämt über die Dialoge, die hier abgeliefert werden. Nun erwartet man von einem Actionfilm wie diesem sicherlich keine Wortspielereien die das Gehirn anregen, aber hier gerät doch arg der Kitsch in den Vordergrund, man mag fast vermuten Luc Besson und sein Drehbuch-Komplize Robert Mark Kamen hätten aus einer Familien-Sitcom geklaut, wo sich alle ganz doll lieb haben – dementsprechend wird nach überstandenen Abenteuer auch gemeinsam am Tisch gesessen, zusammen werden Milchshakes getrunken, der Freund von Kim darf sich hinzugesellen – „Aber ihn bitte nicht auch erschießen“, Gelächter, die witzig, komische Pointe am Ende – verstörend, deplatziert, gänzlich uninspiriert.

Liam Neesons Bryan Mills versucht Famke Janssens Lenore zu retten

Wie auch der Film selbst, der nichts Neues zu bieten hat, nur ein wenig mehr Verwirrung stiftet: Da wird erst das Elternpaar entführt, damit Mills flüchten kann, die Tochter gerät erneut ins Visier, schließt sich der Flucht des Vaters an, wird in Sicherheit gebracht, damit Mills seine Ex auch noch retten kann. Ein Hin- und Her, ohne Konzept, einfach ein wenig Action hätte hier ausgereicht, aber man versucht sich an einer tiefgründigen Geschichte, scheitert sowohl an der Durchführung, verliert immer wieder den roten Faden und liefert zudem nichts von dem, wo der Film durchaus Potential aufzeigt. Da ist Rade Serbedzija als „Böser“-Vater Murad Krasniqi, er trifft auf den „Guten“-Vater Bryan Mills, so einfach sieht das bei Regisseur Olivier Megaton aus. Aber es hätte vielschichtiger sein können, denn Mills hat nun einmal wirklich dessen Sohn getötet, darüber hinaus noch viele Menschen mehr, ohne dabei über deren Familien nachzudenken. Auf der anderen Seite ein Mann, der verzweifelt den Tod seines Sohnes zu verstehen versucht, sich an dessen Mörder rächen möchte. Beide Männer haben nachvollziehbare Argumente, die allerdings so oberflächlich bleiben, dass die jeweiligen Figuren mitsamt ihrer Beweggründe der Langeweile verfallen. Die Zuschauerschaft wird es wenig kümmern, was immer sie dort zu bereden haben, dieser großgewachsene Ire, der auch mit 60 Jahren noch besser ausschaut und zuschlagen kann als ein jeder Expendable und der kroatische Schauspieler Serbedzija, der den Araber spielt, der eigentlich nur wenig in Erscheinung tritt, die Konfrontation mit Neeson zum Ende des Films bleibt vorhersehbar.

Wenn dann doch nur wenigstens die Action passen würde, aber auch hier zieht sich „Taken 2“ hinter seinen Vorgänger zurück. Olivier Megaton setzt auf verwackelte Bilder, hektische Kameraeinstellungen, nichts ist wirklich zu sehen, wenn denn überhaupt mal etwas zu sehen ist. Vielmehr wird dieses Mal verfolgt, weggelaufen, davongefahren. Mills‘ abschließender Rettungsakt, der im ersten Teil noch einen erhöhten Body-Count mit sich zog, ist dieses Mal eher klein gehalten, eine handfeste Auseinandersetzung, ein Kampf der langweilt – wie der ganze Film – dann die Schlusskonfrontation und Ende, leider noch mit der Information, dass der Peiniger noch zwei Söhne hat, die würden kommen und sich auch für den Tod des Vaters gerne noch rächen. Mills schwankt, soll er dass nun auch noch auf sich nehmen oder lieber nicht.

Aus der Sicht des Publikums sollten die Söhne bleiben wo auch immer sie sich aufhalten und Mills in Ruhe lassen, ein weiterer Rachefeldzug würde auch der Karriere von Liam Neeson, Jedi-Ritter und Juden-Schützer hin oder her, nicht sonderlich gut tun.

Denis Sasse

“96 Hours – Taken 2“

Originaltitel: Taken 2
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: F, 2012
Länge: ca. 92 Minuten
Regie: Olivier Megaton
Darsteller: Liam Neeson, Maggie Grace, Famke Janssen Leland Orser, Jon Gries, D. B. Sweeney, Luke Grimes, Rade Serbedzija

Deutschlandstart: 11. Oktober 2012
Offizielle Homepage: 96hours-taken2.de

Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Login/Sign up