Filmkritik

“Le Passé – Das Vergangene” von Ashgar Farhadi

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Bérénice Bejo in der Mitte von Tahar Rahim (links) und  Ali Mosaffa (rechts) in Ashgar Farhadis "Le Passé"

Bérénice Bejo in der Mitte von Tahar Rahim (links) und Ali Mosaffa (rechts) in Ashgar Farhadis “Le Passé”

“Ich bevorzuge es über die Gegenwart zu reden, die Vergangenheit ist fort” sagt Samir zu der Frau, von der er ein Kind erwartet. Doch in Asghar Farhadis Le Passé – Das Vergangene ist die Vergangenheit noch lange nicht vorüber. Der im Iran geborene Regisseur konnte für sein letztes Werk Nader und Simin – Eine Trennung den Oscar für den besten fremdsprachigen Film mit in seine Heimat nehmen, jetzt entfaltet er einen neuen Lebenskrimi, ebenso reich an Erzählkunst, wie sein renommiertes Vorgängerwerk.

Die Eingangsszene erinnert dann aber auch noch an einen weiteren Oscar-Gewinner, ob nun Absicht oder nicht. Wenn die Noch-Ehefrau Marie ihren Noch-Ehemann Ahmad zwecks Unterschreibung der Scheidungspapiere vom Flughafen abholt und sie zuerst von einer schalldichten Sicherheitsscheibe getrennt nur gestikulierend miteinander kommunizieren können, dann wird Haupt- und Marie-Darstellerin Bérénice Bejo kurzzeitig in The Artist zurückversetzt. Eine Reminiszent an die Rolle die sie für ein internationales Publikum bekannt machte, schön eingeflochten in den Beginn dieser Familiengeschichte.

Bérénice Bejo mit Ali Mosaffa

Bérénice Bejo mit Ali Mosaffa

Nur spielt Bejo hier nicht das verzweifelte Mädchen in schwarz/weiß, dass unbedingt Fuß fassen möchte in der Welt der Talkies, sondern glänzt mit ihrer natürlichen Schönheit und ihrem durchdringenden Spiel, ist hart im Umgang mit ihrem Ex-Mann, vielleicht etwas verzweifelt mit den eigenwilligen Kindern die ihr Haus bevölkern, aus mehreren Ehen und dem aktuellen Freund Samir zusammen gewürfelt. Sie erscheint wie eine schon vor langer Zeit gebrochene Person, die nur noch die Stärke mit letzter Not aufrecht erhalten kann. Es ist Bejo zu verdanken, dass Marie dennoch so realitätsnah wirkt, nicht gänzlich wie ein seelisches Wrack, sondern wie eine Frau inmitten eines katastrophal in die Brüche gegangenen Lebens – aufgrund dieser einen Sache, die viele Menschen unter ihrem Dach in Mitleidenschaft gezogen hat und auch noch wird.

Darin ist Farhadi ein Meister, das hat er bereits mit Nader und Simin unter Beweis gestellt. Er zeigt den Alltag, lässt ihn eskalieren, spinnt seine Geschichte um eine Kleinigkeit, die mit immer mehr Enthüllungen, alle Familienmitglieder umspannend, zu einem ausgewachsenen Skandal heranreift. Wäre es ein Verbrechen wie Mord und Totschlag, käme noch ein Schuss Suspense hinzu, dürfte sich der Regisseur als Hitchcock des Irans bezeichnen – obgleich er mit einem versuchten Selbstmord, wie ihn hier die Frau Samirs hinter sich, seitdem in einem wohl endlosen Koma verweilend, schon sehr nahe dran ist an dieser Hitchcock-Welt, die sich nach und nach entfaltet, immer mehr aufdeckt wie die Figuren in diesem Spiel miteinander zusammen hängen.

Ali Mosaffa mit den Kindern Elyes Aguis (links) und Jeanne Jestin (rechts)

Ali Mosaffa mit den Kindern Elyes Aguis (links) und Jeanne Jestin (rechts)

Während es hier nun also unter der Oberfläche brodelt, Marie und ihre älteste Tochter Luci werden zu Hauptakteuren der Tragödie, bleibt auch auf familiärer, vordergründiger Basis die Handlung angespannt. Mutter und Tochter kommen nicht sonderlich gut miteinander aus, Luci nächtigt nur im Haus der Mutter, weil sie keinen anderen Ort zum schlafen findet. Ahmad, der Ex, soll so lange bei Marie leben, bis er die Scheidungspapiere unterzeichnet hat, zeitgleich hat sich aber auch Samir mit seinem Sohn Fouad bereits häuslich eingerichtet. Das hier auch ganz ohne tiefer greifende Geschichte gleich mehrere Konflikte entstehen, zeigt nur wie gerissen die Geschichte funktioniert, die von Farhadi in Gemeinschaftsarbeit mit Massoumeh Lahidji geschrieben wurde.

Der Stil von Asghar Farhadi lässt sich unverkennbar beobachten. Ein Thriller in den häuslichen vier Wänden, eine Familienträgodie mit fortschreitenden Entwicklungen, wie man sie nicht kommen sieht. Das reizt der Filmemacher bis zum Ende aus, bleibt spannend, selbst wenn das Bild dann irgendwann schwarz wird, kann man sich immer noch nicht Luft holend bequem zurücklehnen. Hier gibt es kaum Erleichterung, nur Wahrheiten. Der Film beginnt wie er endet: angespannte Gefühle, zornige Gemüter. Das Leben hält nicht immer ein Happy End parat.


Le Passe_Poster“Le Passé – Das Vergangene“

Originaltitel: Le Passé
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: F, 2013
Länge: ca. 130 Minuten
Regie: Ashgar Farhadi
Darsteller: Bérénice Bejo, Tahar Rahim, Ali Mosaffa, Pauline Burlet, Elyes Aguis, Jeanne Jestin, Sabrina Ouazani

Kinostart: 30. Januar 2014
Im Netz: facebook.com/lepasse.derfilm


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