Filmkritik

“Lawless” von John Hillcoat

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© Koch Media GmbH / Shia LaBeouf im Kugelhagel in "Lawless" von John Hillcoat

© Koch Media GmbH / Shia LaBeouf im Kugelhagel in “Lawless” von John Hillcoat

Seine eigene Familie schmuggelte Alkohol zu Zeiten der amerikanischen Prohibition, die von 1919 bis 1933 anhaltende Periode, in der der 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten regelte, dass der Verkauf, die Herstellung und der Transport von Alkohol landesweit untersagt sei. US-Autor Matt Bondurants Großvater Jack und seine Großonkel Forrest und Howard waren nur drei von einer ganzen Schar von Menschen, die sich zu dieser Zeit mit dem Gesetz anlegten. Über die Geschichte seiner Vorfahren schrieb Bondurant in 2008 seinen historischen Roman „The Wettest County in the World“. Nun war es an Regisseur John Hillcoat („The Road“) und Drehbuchautor Nick Cave, beide arbeiteten bereits bei „The Proposition“ zusammen, diese Erzählung auf die Kinoleinwände zu bringen. Dabei interessierte sie vor allem die Tatsache, dass die Alkoholschmuggler in diesem Fall erfolgreich waren, nicht von dem Gesetz eingeholt werden konnten. Was auf den Filmfestspielen in Cannes 2012 für Standing Ovations sorgte und in den US-Kinos etwas mehr als zehn Millionen US Dollar Gewinn einspielte, erscheint hierzulande lediglich für den Heimvideomarkt.

Das nennt sich dann „Lawless“ und ist ein der Historie entsprechender Prohibitionskrimi, zugleich die wahre Geschichte der Bondurant-Brüder: Der impulsive Jack (Shia LaBeouf), der Karriere im Business machen möchte, sein loyaler aber rücksichtsloser großer Bruder Howard (Jason Clarke) und Forrest (Tom Hardy), der den Familienbetrieb als ruhiger und entschlossener Mann leitet. Da ihr illegales Geschäft mit dem Alkohol floriert, ruft das allerdings nicht nur die großen Fische wie Gangster Floyd Banner (Gary Oldman) auf den Plan, sondern auch besessene Gesetzeshüter wie Special Deputy Charlie Rakes (Guy Pearce), der dem Treiben der Brüder mit allen Mitteln ein Ende setzen will.

Tom Hardy als ältester Bondurant-Bruder Forrest

Tom Hardy als ältester Bondurant-Bruder Forrest

Und hier ist John Hillcoat ein – man mag es so nennen – Geniestreich gelungen, hat er mit Guy Pearce doch genau den richtigen Mann gefunden um diesen doch sehr gewöhnungsbedürftigen Sadisten Rakes darzustellen. Man fühlt sich unweigerlich an Peter Jacksons „The Frighteners“ erinnert, wo Darsteller Jeffrey Combs in der Rolle eines pedantischen FBI Agenten für skurrile Momente sorgte. Pearce spielt eine ähnliche Figur, nur weitaus ernster, bietet „Lawless“ aber auch einige kleine Lacheinlagen. Rakes ist ebenso pedantisch veranlagt, wandelt als kleinkarierter Gefolgsmann des Gesetzes durch die Landen, legt alles daran sauber und korrekt seinen Job zu erledigen. Die kleine Fliege an seinem gut sitzenden Anzug symbolisiert die gesittete Überwachung Chicagos, die Großstadt aus der dieser Mann entstammt. Natürlich fühlt er sich hier auf dem Lande, in Franklin irgendwo inmitten Virginias reichlich deplatziert, möchte möglichst schnell seinen Job erledigen um zurück in die Zivilisation zu können. Dabei beweist er aber auch grausame Verbissenheit, agiert fast ähnlich einem Gangster wenn er den kleinen Jack Bondurant brutal zusammenschlägt. Er streift durchs Land, erwischt jeden, bearbeitet die Gesetzesbrecher mit martialischen Methoden. Ein Mann wird geteert und gefedert, den Bondurants als drohende Mahnung vor die Tür gesetzt. Man sehnt sich nach dem erhobenen Zeigefinger, aber dieser wird allenfalls dazu genutzt, die Pistole abzufeuern.

Doch irgendwie scheint das Gesetz hier fehl am Platz zu sein, in einer Zeit, wo die Bondurant Brüder selbst dem örtlichen Sheriff von ihren Spirituosen verkaufen können. In Chicago mögen Gangster wie Al Capone ihr Unwesen treiben, hier wäre Polizeikraft von Nöten, doch in Franklin, Virginia hat auch Forrest Bondurant nur ein müdes Lächeln für das Gesetz übrig. Tom Hardy zeigt einmal mehr eine herausragende Leistung, spielt den besonnenen Muskelmann, der allenfalls Auge in Auge mit einer Schönheit aus Chicago (Jessica Chastain) in Unsicherheiten verfällt. Aber keine Panik, die Liebschaften, auch Shia LaBeoufs Anbandelungen mit Mia Wasikowska, geschehen nur am äußersten Rande, die Handlung führt den Film immer wieder zu brutalen Schlägereien zurück, so dass schnell deutlich wird, dass man um das Verbrechen zu dieser Zeit nur schwer herum kommt. Aber Tom Hardys Forrest und seine zwei Brüder sind Überlebenskünstler: „We’re survivors. We control the fear. Without the fear, we’re all as good as dead“. Das trifft dann besonders auf Forrest zu. Bis zum bitteren Ende hält er durch, lässt sich die Kehle durchschneiden, sinkt im Kugelhagel zu Boden und bricht in einen See mit Eiswasser ein. Eine unerschütterliche Kraft, auch wenn er irgendwann das Zepter weiterreichen muss, sein Körper diese Strapazen nicht mehr durchsteht. Dann darf Shia LaBeouf wieder ran, als jüngster Spross das Business übernehmen.

Die Gangster regieren die Straßen. So auch Floyd Banner (Gary  Oldman)

Die Gangster regieren die Straßen. So auch Floyd Banner (Gary Oldman)

Regisseur Hillcoat hat Tom Hardy die Vaterfigur gegeben, Shia LaBeouf ist derweil der lernende Sohn – eine Konstellation die zuletzt auch in „The Road“ zum Tragen kam. Dort musste Kodi Smit-McPhee sich am Ende alleine durchschlagen, die Reise seines Vaters fortsetzen. Nun ist es ein ähnliches Bild, übertragen auf die Vergangenheit, nicht auf die dystopische Zukunft der Cormack McCarthy Romanverfilmung. Eine weitere Ähnlichkeit entsteht durch die Bilder, immer sind es große, weite Aufnahmen, in die die Figuren hinein gesetzt wirken. Die Landschaft ist immer ein starker Teil der Filme von John Hillcoat, die Menschen ergeben sich der Atmosphäre, passen sich ihr aber auch an. Jedes düstere Bild bringt düstere Momente mit sich, graue Wolken erzählen von tristen Momenten, Sonnenschein bekommt man nur selten zu sehen.

„Lawless“ ist ein mit konsequent gezeigter Härte gedrehter Thriller, der das Treiben einer Bruder-Gang zeigt, die sich gegen alle äußerlichen Probleme zur Wehr setzt und dabei erfolgreich bleibt. Sie durchstehen die Prohibitionszeit, wenn auch mit Opfern, um sich schlussendlich als Familie zur Ruhe zu setzen. Hillcoat erweist sich als Meister in der Erzeugung stimmiger Atmosphären, so dass die Darsteller hier wahrlich in den dreckigen 1930er Jahren zu agieren scheinen. Und gerade bei Tom Hardy macht es Spaß ihm in diesem Dreck zuzusehen.

Denis Sasse

Lawless_Hauptplakat

“Lawless – Die Gesetzlosen“

Originaltitel: Lawless
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 116 Minuten
Regie: John Hillcoat
Darsteller: Shia LaBeouf, Tom Hardy, Jason Clarke, Guy Pearce, Jessica Chastain, Mia Wasikowska, Dane DeHaan, Gary Oldman

DVD/BluRay-Start: 22. März 2013
Offizielle Homepage: lawless-film.com

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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