Filmkritik

“Labor Day” von Jason Reitman

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Kate Winslet (links) als Adele, Gattlin Griffith (mitte) als Henry und Josh Brolin (rechts) als Frank in Jason Reitmans "Labor Day"

Kate Winslet (links) als Adele, Gattlin Griffith (mitte) als Henry und Josh Brolin (rechts) als Frank in Jason Reitmans “Labor Day”

Jason Reitman hat bisher immer traurige Schicksale in leicht bekömmliche Komödien verpackt. Ellen Page stellte sich in Juno einer nicht einfachen Teenagerschwangerschaft, George Clooney war in Up in the Air gänzlich von der Welt unter ihm isoliert, Charlize Theron wollte in Young Adult niemals ihre High School Zeit hinter sich lassen. Und doch hat man all diese Filme nicht als harte Dramen, sondern als leichte Kost in Erinnerung behalten. Mit Labor Day, dem neuesten Film von Reitman, ändert sich der Stil des Regisseurs und Drehbuchautors, der nach dem gleichnamigen Roman von Joyce Maynard gearbeitet hat. Auf den unterschwelligen oder gar klar sichtbaren Humor, auf die sonst so präsente Leichtigkeit verzichtet Reitman dieses Mal gänzlich. Dieses Experiment funktioniert überraschend gut, nicht zuletzt durch das angespannte Miteinander der Hauptdarsteller Kate Winslet und Josh Brolin, die der Geschichte entsprechend auch in den noch so vertrautesten Momenten nicht diese notwendige Anspannung verlieren.

Kate Winslet spielt Adele Wheeler, die seit der Trennung von ihrem Mann mit ihrem Sohn Henry (Gattlin Griffith) zurückgezogen in einem Haus lebt, das sie nur selten und höchst ungern verlässt. Winslet spielt dieses Unwohlsein mit wiederkehrenden verstohlenen Blicken in alle Himmelsrichtungen. In einem Supermarkt huscht sie nur durch die Gänge, versucht diesen öffentlichen Einkauf so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Jason Reitman filmt Winslets Gefühlswelt so dicht am Zuschauer, dass wir unweigerlich in diese bedrückende, einengende Stimmung eintauchen. Wir fühlen das Unbehagen, dass auch Kate Winslet in ihrer Rolle spüren soll – übertragen durch die Bilder, als auch durch die Musik (von Rolfe Kent), die in diesen Szenen nur als ein wummerndes, eintöniges Pochen wahrgenommen werden kann, als konzentriere sich Adele nur auf ihren eigenen Herzschlag.

Frank hält Adele fest im Griff, während Henry einen Nachbarn abwimmelt

Frank hält Adele fest im Griff, während Henry einen Nachbarn abwimmelt

Bei diesem Ausflug in den Supermarkt, der vor dem Labor Day-Wochenende stattfindet, wird Henry von einem Fremden angesprochen. Josh Brolins Frank umgibt eine Aura des Unfassbaren. Wir wissen nie, wie dieser Mann wirklich tickt. Daraus ergibt sich eine immerzu anhaltende Spannung, die Reitman nicht auflösen möchte. Brolins Frank hat eine Schusswunde und er ist auf der Flucht vor der Polizei. Mit einem harten Griff in Henrys Nacken gibt er Adele unmissverständlich zu verstehen, dass seine Bitte um Hilfe rein rhetorischer Natur ist. So nistet sich der körperlich angeschlagene Häftling bei der seelisch zermürbten Frau ein. Brolin und Winslet entwickeln in ihren Rollen zwar eine Zuneigung zueinander, doch Reitman konfrontiert uns mit Rückblicken aus beider Vergangenheit (mit Tom Lipinski als eine unglaublich ähnliche Jungversion Josh Brolins), die immer die Frage offen lassen, ob Adele sich vielleicht nicht nur in die Geborgenheit flüchtet oder Frank hier ein Spielchen spielt, um den familiären Schutz zu seinen eigenen Zwecken zu missbrauchen.

Henry kommentiert diese Geschehnisse aus dem Off, Reitman inszeniert die Geschichte von Adele und Frank als Erinnerung aus der Gegenwart heraus. Später werden wir Tobey Maguire als Henry zu sehen bekommen, auf einem Bett sitzend, wie er sich an diesen Labor Day mit dem ungewöhnlichen Gast im Hause seiner Mutter zurück erinnert. Als er noch ein Kind war, hat er sich eine solche Veränderung im Leben der Mutter noch gewünscht. Er selbst hatte zuvor die Rolle des Mannes im Haus übernommen, der Mutter gar Geschenke gemacht, wie einen „Husband for a Day“-Gutschein. Mit Frank kommt ein Mann ins Haus, der sich seiner Mutter annimmt. Er füllt die ganz deutlich zu sehende Lücke in ihrem Leben aus. Er übernimmt nicht nur zahlreiche handwerkliche Reparaturen an Haus und Auto, er repariert auch das seelische Wohlbefinden Adeles.

Adele und Frank kommen sich näher

Adele und Frank kommen sich näher

Aus der Sicht von Henry wird dann auch klar, was Jason Reitman an Labor Day so fasziniert haben dürfte. Er kann seiner Linie treu bleiben und von ungewöhnlichen Geschichten des Aufwachsens erzählen. Henry starrt im Supermarkt auf die Frauen, die diverse Magazin-Coverbilder verzieren. Er sucht immer wieder die Nähe eines Mädchens (Maika Monroe), das gerade aus Chicago in seine Nachbarschaft gezogen ist und ihn darüber aufklärt, dass seine Mutter ihn nur mit Besorgungsaufgaben aus dem Haus schickt, damit sie Sex haben kann. Irgendwann beginnt Henry „Was willst du mit mir machen“-Phantasien von diesem Mädchen zu haben, die zugleich aber auch immer wieder seine Angst schürt, die Mutter nun an Frank zu verlieren. Und damit fügt sich Henry dann in die Liste ein: Ellen Pages Juno mit ihrer Schwangerschaft, George Clooneys Ryan Bingham mit seinem Unwillen, in eine Familie hinein zu wachsen und die von Charlize Theron dargestellt Mavis Gary, die sich auch mit über dreissig Jahren noch wie zu ihrer High School Zeit sieht und verhält. Hinzu kommt nun Henry, der am Ende seine meiste Inspiration zum Aufwachsen aus dem Verhalten eines gesuchten Flüchtlings nimmt.

Reitman beweist sein Gespür für ein ernstes emotionales Miteinander, verliert aber niemals den Jungen aus den Augen, dessen Geschichte hier der eigentliche Mittelpunkt wird. Trotzdem sind die erinnerungswürdigsten Momente zwischen Josh Brolin und Kate Winslet. Wenn Adele von Frank an einen Stuhl gefesselt wird und Brolin sanft Winslets Fuß berührt, ihn fast streichelt und an die richtige Position versetzt, um das Strick möglichst schonend zu verschnüren. Er bekocht und füttert die Frau, die ihm ihr ganzes Vertrauen entgegen bringt. Gleichzeitig hält Reitman dann aber das Gefühl Aufrecht, dass dieser Supermann etwas verbirgt, gar nicht der ist, der er vorgibt zu sein. Für einen Flüchtling ist Frank einfach viel zu nett, viel zu gut für diese Familie. Aber Reitman hat kein aufwühlendes Ende im Sinn. Labor Day ist eine ruhige Charakterstudie von zwei Menschen, die einander helfen und dabei von einem in diesem Umfeld aufwachsenden Jungen beobachtet werden.


Labor Day_Plakat”Labor Day„

Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 111 Minuten
Regie: Jason Reitman
Darsteller: Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin Griffith, Tobey Maguire, Maika Monroe, Clark Gregg, James Van Der Beek, J. K. Simmons, Tom Lipinski

Kinostart: 8. Mai 2014
Im Netz: laborday-film.de

Bilder © Paramount Pictures Germany GmbH   


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