Als 1997 die Originalausgabe von ‚Harry Potter und der Stein der Weisen‘ erschien, ahnte Autorin Joanne K. Rowling sicher nicht, welche Auswirkungen ihr erschaffenes Universum mit sich bringen würde. 2007 erschien der letzte Band der siebenteiligen Reihe, bereits 2001 wurde jedoch Hollywood auf die Serie aufmerksam und es wurde Regisseur Chris Columbus engagiert um ‚Harry Potter‘ auf die Kinoleinwände zu bringen. Ihm folgte Alfonso Cuarón, der den dritten Teil inszenierte, Mike Newell für ‚Harry Potter und der Feuerkelch‘ und David Yates, der ab dem fünften Teil für jeden weiteren Film der Serie zur Verfügung stand. Er schaffte es die Filme erwachsener zu machen. Mit ‚Harry Potter und die Heiligtümer des Todes‘ ist Yates auch verantwortlich für den letzten Teil der Harry Potter Chronologie und zelebriert dies in einem möglichst detailgetreuen Zweiteiler.

Im ersten Teil übernehmen Harry, Ron und Hermine die gefährliche Aufgabe die Horkruxe aufzuspüren und zu zerstören. Sie sind der Schlüssel zu Voldemorts Unsterblichkeit. Die drei Freunde sind ohne den Rat ihrer Professoren mehr denn je aufeinander angewiesen. Doch dunkle Mächte drohen sie zu trennen. Die Welt der Zauberer ist inzwischen für alle Gegner des dunklen Lords äußerst gefährlich geworden. Der lange befürchtete Krieg hat begonnen und Voldemorts Todesser reißen die Macht im Zaubereiministerium und sogar in Hogwarts an sich. Wer sich widersetzt, wird eingeschüchtert und weggesperrt. Vor allem haben sie es auf Voldemorts Erzfeind Harry Potter abgesehen. Der Auserwählte wird zum Gejagten. Voldemorts Gefolgsleute haben den Befehl, Harry bei dem Dunklen Lord abzuliefern. Während Harry nach Anhaltspunkten forscht, wie er Voldemorts Horkruxe finden kann, stößt er auf eine uralte Geschichte. Die Legende von den Heiligtümern des Todes. Falls die Legende wahr sein sollte, könnte sie Voldemort zu jener unüberwindlichen Macht verhelfen, die er anstrebt.

David Yates hat sich an Düsternis selbst übertroffen. Nur wenige glückliche Momente erleben Harry und seine Freunde, den Rest des Filmes sind sie auf der Flucht, sind Verzweifelt, wissen nicht wohin sie gehen sollen und trauern über den Verlust von diversen Verbündeten. Es sind finstere Zeiten, die der Film auch gar nicht beschönigen möchte. Es herrscht Krieg in der Zaubererwelt. Ein Krieg der tatsächlich ein wenig an den Nationalsozialismus erinnert. Die Todesser die in das Zaubereiministerium einfallen und es übernehmen tragen Mäntel die an SS Offiziere erinnern. Ron hört permanent Radio, will wissen ob seine Familie flüchten konnte oder ob sie irgendwann gefasst wurden. Es gleicht der Judenverfolgung, wenn alle Schlammblüter vor den Anhängern Voldemords die Flucht ergreifen müssen. Hermine wird das Wort ‚Schlammblut‘ sogar in die Haut geritzt. Das alles ist weit entfernt von dem süßen, kleinen Harry Potter den man vielleicht noch aus dem ersten Teil in Erinnerung hat. Die Welt rund um Hogwarts ist nicht nur erwachsener geworden, sondern auch brutaler, schockierender und angsteinflössender. Das Siegel FSK12 darf gerne angezweifelt werden. Kinder werden in ‚Harry Potter und die Heiligtümer des Todes‘ eher einen martialischen Horrorfilm als ein Fantasyabenteuer sehen.

Ist das schlecht? Nein! Der Film weiß wahrscheinlich denjenigen zu gefallen, die seit der Erstveröffentlichung von ‚Harry Potter und der Stein der Weisen‘, sei es Buch oder Film, mit den Helden aufgewachsen sind. Jetzt wird die Zaubererwelt gelebt, nicht mehr erklärt. Ein Sammelsurium aus Charakteren, Zaubersprüchen und magischen Gegenständen der vergangenen Teile wird zum Erzählen eingesetzt. Für Einsteiger dürfte dies ein Problem darstellen, werden diese mit der Welt nichts anzufangen wissen. Für Fans jedoch wird sich hier der Kreis schließen. Alle Figuren sind wieder mit dabei, David Yates hat sich bemüht eine möglichst getreue Verfilmung des letzten Buches auf die Beine zu stellen. Aber auch zusätzliche Szenen bekommt man zu Gesicht, so werden Hermines Eltern gezeigt, die in den Büchern nur als Erklärung für Hermines Außenseiter-Dasein in der Zaubererwelt herhalten durften.

Mit der Welt von ‚Harry Potter‘ sind aber auch die Darsteller gewachsen. Emma Watson zeigt am deutlichsten mit welch Facettenreichtum sie schauspielern gelernt hat. Sie verkörpert im Film die Trauer und Hilflosigkeit. Immer schaut sie bekümmert, lässt sich auch nicht von Harry und dessen Versuch sie aufzuheitern aus den sie umgebenen Problemen herauszerren. Wenn sie in den vorherigen Episoden als die talentierteste Zauberin des Trios etabliert wurde, sie sich jetzt aber am liebsten bis zu ihrem Lebensende im Wald verstecken möchte, bekommt man die Bedrohlichkeit der Situation und Hermines Verzweiflung deutlich zu spüren.

Rupert Grint lässt Ron dieses Mal eher Aggressiv wirken. Es scheint seine Art zu sein, mit der feindlichen Umwelt fertig zu werden. Passend hierzu hat der Schauspieler auch deutlich an Muskelmasse zugelegt, wirkt fast wie ein rothaariger Hooligan aus einer düsteren Quidditch-Kneipe. Ron wird von seiner Familie getrennt, muss sich stets Sorgen um sie machen, gleichzeitig aber auch für seine Freunde da sein. Ab und zu bekommt der Zuschauer den alten, lustigen Trottel noch zu sehen, aber größtenteils ist auch er auf die Situation konzentriert und muss sich eingestehen, dass er in Zeiten lebt, in denen eine gewisse Ernsthaftigkeit notwendig ist. Er tritt aus dem Schatten von Harry Potter heraus, lehnt sich sogar gegen diesen auf, sieht sich am Ende endlich als gleichwertiger Zauberer innerhalb der Clique.

Leider ist es Hauptdarsteller Daniel Radcliffe dessen schauspielerische Leistung sich seit Anbeginn der Serie nicht weiterentwickelt zu haben scheint. Einen Streit mit Ron möchte man ihm nicht abkaufen, ein leerer Blick in die Ferne scheint seine Verzweiflung darzustellen. Während Watson und Grint ihre Mimik und Körpersprache dazu einsetzen ihre Dialogzeilen zu unterstreichen um ein perfektes Gesamtbild ihrer Figuren zu erzeugen, konzentriert sich Radcliffe auf das Aufsagen seiner auswendig gelernten Worte, wobei er das Schauspiel größtenteils vernachlässigt.

Zu den aus den vorherigen ‚Harry Potter‘ Filmen bekannten Darstellern stoßen dieses Mal Bill Nighy (‚Radio Rock Revolution‘) als Zaubereiminister Rufus Scrimgeour und Rhys Ifans (ebenfalls aus ‚Radio Rock Revolution‘ und 2011 als Echse in ‚Spider-Man‘ zu sehen) als Xenophilius Lovegood, Vater von Luna Lovegood. Hogwarts weicht derweil als Hauptschauplatz, dafür nimmt David Yates die Zuschauer mit auf eine Reise quer durch die Zaubererwelt. Schöne Landschaftsaufnahmen, triste Wälder und allen voran die Villa der Malfoys als düsteres Hauptquartier der Todesser begeistern und bieten einen qualitativ hochwertigen Ersatz für das Fehlen der altehrwürdigen Gemäuer von Hogwarts.

Der erste Teil von ‚Harry Potter und die Heiligtümer des Todes‘ bietet eine düstere Atmosphäre mit nur wenigen Momenten der Freude. Der Film ist dennoch hervorragend. Er ist eine schön gefilmte Einführung in die Geschichte um den letzten Kampf zwischen Gut und Böse. Harry Potter Fans werden zufrieden sein, auch wenn sie mit einem mulmigen Gefühl das Kino verlassen werden. Dieses wird dann bis Juli 2011 anhalten, denn dann erst werden Harry, Ron und Hermine nach Hogwarts für die finale Schlacht gegen Voldemort zurückkehren.

Denis Sasse