Filmkritik

“Festung” von Kirsi Marie Liimatainen

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© farbfilm/24 Bilder / Die Mutter (Ursina Lardi) leidet unter der Aggressivität des Vaters (Peter Lohmeyer)

Die finnische Filmemacherin Kirsi Marie Liimatainen widmet sich oft und gerne dem Leben junger Frauen, die es nicht unbedingt leicht haben. In ihrem 2002er Kurzfilm „Frühlingshymne“ erzählt sie von einem neun Jahre alten Mädchen, das den Gedanken hegt, zu einem Mann heranzuwachsen. Vier Jahre später lässt sie sich zwei Teenagerinnen in „Sonja“ ineinander verlieben. Alles keine leicht umgänglichen Situationen, in diesem Alter, in konventionell denkenden Umwelten. Nun hat sie mit Drehbuchautorin Nicole Armbruster eine „Festung“ errichtet, die eine nicht minder gefährliche Konfrontation heraufbeschwört. Hier wird die familiäre Idylle gebrochen, der Haussegen hängt mächtig schief, aber die Familie der Protagonistin in Liimatainens neuem Film hält alle Geheimnisse bei sich, die sich hinter den Mauern des Schweigens und Verdrängens befinden.

Robert ist der Vater von Johanna und Moni, zwei Schwestern die noch zuhause leben, ihre ältere Leidensgenossin Claudia ist bereits ausgezogen. So müssen nur diese beiden Kinder, dreizehn und sechs Jahre alt, mit ansehen, wie der frisch aus der Therapie nach Hause kommende Vater nicht etwa für eine intakte Familie sorgt, sondern seine Aggressionen gegenüber der Mutter deutlich auslebt. Die jüngste Tochter versucht das Geschehen zu ignorieren, vergräbt sich tief in ihrem Zorn. Claudia klagt an, provoziert den Vater und Johanna schweigt, verheimlicht und lügt – belügt sich vielleicht sogar selbst. Aber sie alle halten aus Scham und Angst davor, die Familie zu trennen, das Geheimnis bei sich. Nur die erste Liebe von Johanna zu Christian, einem Schulkameraden, scheint diese Mauer durchbrechen zu können. Auf einmal steht das Mädchen vor der Wahl zwischen Liebe und Hass, zwischen dem Gefühl des Vertrauens und der familiären Pflicht.

Karoline Herfurth

Damit hat es Johanna nicht einfach, wird sie doch sowieso schon von Beginn an als Außenseiterin inszeniert, sowohl Zuhause, wo sie sich in ihrem Zimmer einschließt, die Musik laut dreht, wenn ihr Vater gegenüber der Mutter wieder einmal handgreiflich wird, wie auch auf dem Schulhof, wo sie sich gar nicht erst einschließen muss, wird sie doch von den Mitschülern ausgeschlossen. So werden diese beiden Lebensumgebungen miteinander verknüpft, ihr Verhalten in der Schule ist bedingt durch die gewalttätige Situation, in der sie sich Zuhause befindet, eine Wechselwirkung, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Geborgenheit ist ihr fremd, nicht einmal die Schwestern, die dasselbe Leid ertragen oder ertragen haben stehen ihr wirklich nahe. Wenn der Zuschauer in die Filmhandlung eingeführt wird, ist die älter Schwester Claudia, gespielt von Karoline Herfurth, bereits aus den heimischen vier Wänden entflohen, führt ihr eigenes Leben, will bei allen Hilfeschreien die Johanna ihr gegenüber verlauten lässt, auf keinen Fall zurück kommen. Und die kleine Schwester scheint mehr von den Kraftausdrücken des Vaters geprägt worden zu sein als dass sie eine emotionale Hilfe darstellen würde.

Dennoch übernimmt Johanna die Aufpasser-Rolle für Moni, hat sie immer an der Hand, ganz gleich ob sie auf einer Feier mit Schulbekannten sitzt oder bei ihrem bald neu gefundenen Freund. Bei all den abgeschotteten Emotionen halten die drei Schwestern doch irgendwo zusammen, so sehr das eben geht. Außerhalb des elterlichen Hauses funktioniert das ganz gut, nur dort wo der Horror sie alltäglich heimsucht, ist es mit dem Zusammenhalt schwer, zu stark hat der Vater hier die Kontrolle übernommen. Ihre große Schwester ist hierüber emotional verkümmert, Johanna nennt es „hart geworden“. Das hält sie dennoch nicht davon ab, in einer aufwühlenden Szene ihr Auto gegen den Wagen des Vaters zu fahren, unter Tränen auszusteigen, zusammenzubrechen. Stark von Karoline Herfurth gespielt, entfaltet sich hier der innere, sich aufgestaute Hass auf den Vater, auf die Umstände unter denen sie aufwachsen musste. Es besteht kein Zweifel daran, dass auch Johanna und ihre kleine Schwester dieses Seelenleben teilen, später ebenso einen Psychiater aufsuchen werden müssen wie ihre große Schwester, die zu ihrem eigenen Verdruss nicht in der Lage ist ihren Schwestern zu helfen, beizustehen, ihnen zur Flucht zu verhelfen. Denn das müssen sie schon alleine schaffen.

Johanna (Elisa Essig) mit ihrer ersten Liebe Christian (Ansgar Göbel)

Wo die Kinder das seelische Leid wiederfahren, ist es die Mutter die auch körperlich zu leiden hat, wird immer wieder von ihrem Mann geschlagen, der auf ihrem ganzen Körper blaue Flecken hinterlässt. Mal sieht es gar nicht so schlimm aus – dann redet die gepeinigte Frau sich die Situation selbst schön – dann aber gibt es auch Tage, an denen sie blau/lila angelaufen auf dem Bett liegt, Tränen die Wangen herunter kullern und sie sich keinen Meter vom Fleck bewegen kann. Immer wieder bricht diese Frau ein, sieht die Tragödie vor ihren Augen, schimpft und spottet über die Frauen, die sich solche Situationen bieten lassen, ist selbst aber weit davon entfernt Herr ihrer Lage zu werden. Dann wäre da noch die Oma, am Rande tritt sie einige Male auf, auf Johannas Geburtstag wird es deutlich, dass sie sich der Problematik in der Familie ebenso bewusst ist, aber stillschweigend die Würde der Familie aufrecht erhalten möchte. Nichts soll nach außen dringen, ganz gleich wie sehr die Situation auch aus dem Ruder zu laufen droht. Der schöne Schein soll gewahrt werden.

Erst durch ihren Freund wird eine mögliche Flucht für Johanna in Aussicht gestellt, auch wenn ihre letztendliche Entscheidung in einem offenen Ende den Zuschauern überlassen wird, ist er ihr Fluchtpunkt. Er erfährt von ihrem Geheimnis, soll es – der Oma wäre es so sicherlich lieb – für sich behalten, erzählt es aber seinem Vater, Sportlehrer an der Schule und der Ball kommt ins Rollen. Wie eine Erlösung wirkt das dann trotzdem nicht, zu sehr ist die Protagonistin schon von ihrem bisherigen Leben geprägt worden. Selbst wenn sie sich für die Flucht entscheiden würde, hätte sie noch eine Menge Aufarbeitung vor sich.

„Festung“ ist dann aber doch nicht mehr als eine Inszenierung auf Fernsehfilm-Niveau, die ihren Weg in die Kinosäle gefunden hat. Die Spannung entsteht durch die Abstinenz von physischer Gewalt, der Film setzt auf die Psyche, auf die Vorstellungskraft der Zuschauer – und tut auch gut damit, würde er sonst all seinen Reiz verlieren. Der Mensch, das lehren uns Dutzende Doku-Soaps im Vorabendprogramm, beobachtet gerne andere Menschen, andere Familien, mit all ihren Problemen, ganz gleich wie real oder inszeniert das ausschaut. So wird man sich erklären können, warum man dann auch hier so schlecht wegsehen kann.

Denis Sasse

“Festung“

Originaltitel: Festung
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: D, 2012
Länge: ca. 87 Minuten
Regie: Kirsi Marie Liimatainen
Darsteller: Elisa Essig, Antonia T. Pankow, Karoline Herfurth, Peter Lohmeyer, Ursina Lardi, Ansgar Göbel, Monika Lennartz, Bernd Michael Lade

Deutschlandstart: 29. November 2012
Offizielle Homepage: farbfilm-verleih.de/festung

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