© MFA / Lee Kang-Do (Jung-Jin Lee) trifft auf seine Mutter (Min-Soo Jo)

Es darf schon als Besonderheit angesehen werden, wenn ein südkoreanischer Regisseur auf dem Filmfestival in Venedig – immerhin neben Cannes und der Berlinale eines der drei großen internationalen Filmfestivals – mit der Auszeichnung für den besten Film belohnt wird. Bis vor wenigen Monaten ist dies noch nie in der Geschichte dieser Festivals geschehen, mit dieser Tradition, wenn man sie denn so nennen möchte, wurde gebrochen: „Pieta“ von Kim Ki-Duk erlangte diese Ehre, obgleich sein Film mit der für ihn typischen Brutalität, Sexualität und Abartigkeiten aufwarten kann. Das führte zumindest im Falle seines 2000er Films „The Isle“ zu einer Kontroverse in britischen Landen. Aufgrund einer Sequenz, in der ein Frosch bei lebendigem Leibe gehäutet wurde, erhielt sein Film dort bei Erscheinen keine Veröffentlichungsgenehmigung. Er habe viele Tiere in seinen Filmen gequält, sein Gewissen wird ihn auf ewig plagen, reagierte der Regisseur auf diese Situation. In „Pieta“ fordert er die Zuschauer nicht minder heraus, lässt einen kaltblütigen Geldeintreiber zu seiner Mutter zurück finden, nachdem er sie vergewaltigt und ihr sein eigenes Menschenfleisch zu Essen gegeben hat. Das wirkt ekelig, abstoßend und verstörend. Aber Kim Ki-Duk zieht ebenso Aufmerksamkeit und Interesse auf sich, schafft er es doch die zärtlich entstehende Bande zwischen Mutter und Sohn als spannenden Einblick in die menschliche Psyche zu inszenieren.

Aber beginnen tut „Pieta“ mit brachialer Gewalt, eine solche legt Lee Kang-Do (Jung-Jin Lee) an den Tag, wenn er Schulden eintreiben geht. Seine Opfer verstricken sich zumeist in ihren Schulden, können nicht mit Zinsen zurückzahlen, schaufeln sich so ihr eigenes Grab. Sie wissen, wenn Kang-Do sie besuchen kommt, werden sie von ihm zu Krüppeln gemacht, damit sie ihre Schulden durch die Unfallversicherungssumme zurückzahlen können. Dann steht auf einmal eine Frau (Min-Soo Jo) vor ihm, die behauptet, seine Mutter zu sein. Anfangs weist er diese „Crazy Bitch“ ab, ebenso brutal wie er mit seinen Schuldnern umgeht. Aber irgendwann beginnt er den Worten dieser Frau Glauben zu schenken, was einen Läuterungsprozess initiiert. Sie bemuttert ihn fürsorglich, versucht die versäumte Zeit wieder gut zu machen. Er gibt seine brutale Tätigkeit auf. Damit hat seine Mutter genau das erreicht, was sie wollte. Kang-Do ahnt nicht, dass sich diese Frau auf einem eigenen Rachefeldzug befindet.

Schuldeneintreiber Lee Kang-Do (Jung-Jin Lee)

Pieta, das heißt im italienischen so viel wie Mitleid, Barmherzigkeit und Frömmigkeit, steht zugleich aber auch als Kunstbegriff für die Skulptur der trauernden Jungfrau Maria mit dem Leichnam Christi in ihrem Schoß. Von Michelangelo Ende der 1490er Jahre erschaffen, befindet sich die Statue im Petersdom im Vatikan zu Rom, wo sich Kim Ki-Duk nach eigenen Angaben zufolge hat inspirieren lassen. Seiner Deutung nach zu Folge, steht das Werk für das Teilen des Schmerzes der gesamten Menschheit. Neben der Handlung des Films, in der eine Mutter den Schmerz ihres Sohnes bereinigt, um ihm später umso mehr Schmerz aufzuladen, hat Ki-Duk eine eindeutige Reminiszenz auf Michelangelos Skulptur durch das Plakat zu „Pieta“ erschaffen. Der Regisseur zeigt seine Geschichte in dunklen Bildern, nur in wenigen Momenten erstrahlt Helligkeit im Bild, wenn Mutter und Sohn Hand in Hand durch die Stadt spazieren, Spaß haben, die verlorene Vergangenheit aufholen. Dann lässt sich Kang-Do fallen, schön gespielt zwischen brutaler Ernsthaftigkeit und dem Rückfall in eine kindliche Unschuld, genießt es umsorgt zu werden, sein Leid zu teilen, seine Einsamkeit aufzugeben. So sehr das harmonisch anmuten mag, so verstörend inszeniert Ki-Duk das Verschwinden dieser Einsamkeit, lässt den allabendlichen Handjob von der Mutter verrichten, die sich jedweder Sorgsamkeit annimmt, ganz gleich wie abartig diese erscheint. Sie möchte die volle Verantwortung für ihren Sohn übernehmen, hat sich in jungen Jahren von ihm losgesagt, eine Tat für die sie nun Reue zeigen möchte.

Ein Motiv, welches sich durch „Pieta“ hindurch zieht. Schuld und Sühne, oftmals durch das liebe Geld hervorgerufen. Geld ist niemals die Lösung, umso öfter aber das Problem. Die Menschen, die Kang-Do aufsucht, entziehen sich ihrer Verantwortung, betteln und flehen, wollen sich noch mehr Geld leihen oder bieten unlautere Dienste an um ihre Schuld zu begleichen. Durch diese bettelnde Verantwortungslosigkeit versuchen sie allerdings, die Verantwortung für ihre Familie zu gewährleisten, meist handelt es sich um Menschen, auf die sich andere Menschen verlassen müssen, ohne die das weitere Leben nicht fortgeführt werden kann. In eine solche Situation bringt die Mutter auch ihren Sohn, er wird zu einem seiner Schuldner, wird deren Schmerzen am eigenen Leib erfahren. Manch einer wird sich aber auch umbringen, der Versuch sich vor der Verantwortung gänzlich zu drücken – es soll ein Versuch bleiben, denn Kang-Do hat auch dann noch Wege und Mittel parat, um seinen Auftraggeber zufrieden zu stellen.

Mutter Mi-Son (Min-Soo Jo)

Die Fürsorge seiner Mutter stimmt den Schuldeneintreiber aber nachdenklich, es wurde ein Gedanke in sein Hirn gepflanzt, der sich auch während der Ausübung seines Jobs manifestiert. Ein Mann, ein großer Betrag steht auf seinem Schuldenkonto, erzählt von seinem Baby, das bald geboren werden soll. Wie er bereit ist, für dieses Kind die Verantwortung zu übernehmen, koste es was es wolle. Statt nur einer Hand, die ihm für die Versicherung abgetrennt werden soll, möchte er beide Hände opfern. Somit würde eine größere Summe ausgezahlt werden, er könnte sich noch besser um das Kind kümmern. Nur ein letztes Mal noch möchte er mit seinen Händen auf seiner Gitarre spielen, dann ist er bereit dieses Opfer zu erbringen. Kang-Do steht auf und geht.

„Pieta“ ist ohne Zweifel ein verstörendes, aber auch das für den internationalen Markt geeignetste Werk des Südkoreaners Kim Ki-Duk. Die brutalen Gewaltszenen werden in kurzen Sequenzen, nicht bis zum Erbrechen vorgeführt. Manches Mal überlässt er der Imagination der Zuschauer den grausamen Restgedanken. Ein Film von der Ignoranz des Mitgefühls, vom Finden des Schuldgefühls und vom Tragen der qualvollen Konsequenz hieraus.

Denis Sasse

Koreanisches Filmposter zu “Pieta” mit Bezug auf die gleichnamige Skulptur von Michelangelo

“Pieta“

Originaltitel: Pieta
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: ROK, 2012
Länge: ca. 107 Minuten
Regie: Kim Ki-Duk
Darsteller: Min-Soo Jo, Jung-Jin Lee, Eunjin Kang, Jae-Rok Kim, Jin Yong-Ok

Deutschlandstart: 8. November 2012
Offizielle Homepage: mfa-film.de/pieta