Filmkritik

“17 Mädchen” von Delphine Coulin & Muriel Coulin

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„17 Mädchen“ erzählt die Geschichte von ebenso vielen Gymnasiastinnen, die sich dazu entschließen sich mit voller Absicht schwängern zu lassen. Die Frage nach den Beweggründen der Schülerinnen, hält eine ganze Schule in Atmen. Nicht nur Lehrer und Eltern kommen ins Grübeln und versuchen der Lage Herr zu werden, sondern auch immer mehr Schülerinnen lassen sich von dieser Aktion mitreißen.

Im Mittelpunkt dieser Bewegung steht Camille, die als erste – und eigentlich ungewollt – schwanger wird. Doch sie entscheidet sich für das Kind und hat schnell auch die Begeisterung ihrer Freundinnen entfacht. Aus Camilles Sicht verspricht ein Kind die Aussicht auf ein erfüllteres Leben, auf jemanden, der einen bedingungslos liebt, auf einen Sinn, im sonst so aussichtlosen Alltag. Von dieser Art der Weltanschauung sind auch schnell Freundinnen und Mitschülerinnen begeistert und sechzehn weitere Mädchen lassen sich bewusst schwängern um einer besseren Zukunft entgegenzuarbeiten und eine eigene Utopie zu leben. Sie alle malen sich aus, wie es wäre, zusammen ihre Kinder groß zu ziehen. In einer großen WG, ohne Eltern oder Vormund. Sie erträumen Putz-Schichten und eine gemeinsame Betreuung der Kinder. Sie nehmen sich fest vor, nie wie ihre Eltern zu werden, denn sechzehn Jahre Altersunterschied versprechen ein geschwisterliches-harmonisches Verhältnis, und keine prüde Mutter-Kind-Beziehung. Doch dass die Realität die Träume der jungen Mütter einholt, scheint vorprogrammiert.

Clémentine (Yara Pilartz), Flavie (Esther Garrel), Camille (Louise Grinberg) und Julia (Juliette Darche)

Schon zu Beginn der Schwangerschafts-Welle erhält man Einblick in die Zimmer der ins-Grübeln-geratenen Mädchen und sieht kleine Kammern voller Eintönigkeit, Tristesse und Langeweile. Genauso wie die Zimmer gestaltet sich auch der Alltag der Mädchen. Sie wohnen mitten in der Einöde, in einem rauen Küsten-Ort, die Eltern haben genauso wenig Liebe zu verschenken, wie sie Zeit für ihre Kinder haben. So verwundert es wenig, dass die dann auf eine Idee von der Zukunft kommen, die Loyalität, Liebe und Fürsorge verspricht. Bis zu diesem Punkt ist man noch voll bei den Mädchen. Klischee-Vorstellungen vom gelangweilten Mädchen aus der Provinz, das nur aus Langeweile Mutter wird, werden gekonnt umgangen. Doch ab dann tun sich einige Ungereimtheiten auf. Obwohl die Mädchen so innbrünstig von ihrer Zukunft träumen, haben sie offenbar noch nie etwas davon gehört, dass man während der Schwangerschaft nicht unbedingt rauchen und trinken sollte. Und dass, obwohl es sich bei ihnen doch um Mädchen handelt, die kurz vor dem Abitur stehen und auch über ein Studium schon nachgedacht haben. Da kann man diesen werdenden Müttern doch ein gewisses Maß an Bildung und Verantwortungsbewusstsein unterstellen. Da kann auch die mangelnde Erziehung der Eltern nicht allein für hinhalten.

Auch die Jungs im Film scheinen nicht die Intelligenz durchschnittlicher Gymnasiasten zu besitzen. Obwohl ihnen doch nach dem Verlauf der Geschehnisse längst schwanen müsste, dass sie nur ihrer Spermien wegen ausgenutzt werden, geben sie sich bereitwillig jedem mutterwünsche-hegenden Mädchen hin. Ohne je einen Gedanken an die Vaterschaft zu verschwenden. Und natürlich hat auch keines der Mädchen Probleme schwanger zu werden, mit 17 Jahren scheinen sie auf dem Höhepunkt ihrer Fruchtbarkeit zu sein und so schaffen es alle, innerhalb weniger Sommermonate schwanger zu werden. Gut, irgendwie muss die Geschichte dieser ungewöhnlichen Mädchen-Bande ja erzählt werden, und sicherlich ist passenderweise auch in den jugendlichen Gedanken- und Emotionsmustern der Protagonistinnen nicht alles völlig durchdacht und logisch.

Florence (Roxane Duran, mitte) unterhält sich mit Mathilde (Solène Rigot) und Camille (Louise Grinberg). Links: Flavie (Esther Garrel) und Julia (Juliette Darche).

Irgendwie scheint es so oder so ähnlich ja auch passiert zu sein, denn der Film „17 Mädchen“ beruht auf den wahren Ereignissen an einer US-Schule. Zum Glück spielt dieser Film hier aber in einem französischen Provinz-Küsten-Ort, denn diese landschaftliche Einbettung trägt wunderbar zur Stimmung des Films bei. Raue Küstenwinde, lange, leere Strände und Perspektivenlosigkeit spiegeln gut die inneren Gefühlswelten der Mädchen wieder. Und wenn man sich nicht so sehr von der Unreife der Mädchen irritieren lässt bekommt man einen durchaus tragenden Film serviert, der zumindest eines deutlich macht: „Nichts auf der Welt hält ein Mädchen auf, das träumt.“

Sarah Peters

“17 Mädchen“

Originaltitel: 17 Filles
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: F / B, 2011
Länge: ca. 90 Minuten
Regie: Delphine Coulin & Muriel Coulin
Darsteller: Louise Grinberg, Juliette Darche, Roxane Duran, Esther Garrel, Yara Pilartz, Soléne Rigot, Philippine Raude Toulliou, Sharleen Le Mero Pietruszka, Charlotte Alonso, Julia Ballester, Manon Denis, Clémence Thibault, Violaine Hayano, Eva Kermorvant, Jeanne Pellan, Pauline Gibert

Deutschlandstart: 14. Juni 2012
Offizielle Homepage: 17-maedchen.de

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