Filmkritik

“Zero Dark Thirty” von Kathryn Bigelow

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© Universal Pictures International Germany GmbH / US-Soldaten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf der Jagd nach Osama Bin Laden in Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty"

© Universal Pictures International Germany GmbH / US-Soldaten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf der Jagd nach Osama Bin Laden in Kathryn Bigelows “Zero Dark Thirty”

Ammar, dargestellt von dem französischen Schauspieler Reda Kateb („Ein Prophet“), befindet sich in den ersten Minuten von „Zero Dark Thirty“, der filmischen Aufbereitung der Jagd nach dem Terroristen Osama Bin Laden, in einer Folterkammer der CIA. Wenn man, gemeinsam mit der Hauptprotagonistin Maya (Jessica Chastain) später den Präsidenten Barack Obama im Fernsehen beobachten wird, wie dieser jegliche Foltermaßnahmen des Landes abweist, so etwas würde es in seinem Politikverständnis nicht geben, ist es still im Raum. Die Blicke fixieren gebannt das Oberhaupt des Landes, das vermutlich nichts von ihrer tatkräftigen Investigation weiß. Der Film schreckt nicht davor zurück, die immens menschenfeindlichen Verhörmaßnahmen aufzuzeigen, die vom CIA praktiziert werden, lässt niemals das Gefühl von Patriotismus übernehmen. Ammar erträgt das Waterboarding, ihm wird ein Tuch über Mund und Nase gehalten, das mit Wasser übergossen das Ertränken simulieren soll. Noch bleibt er still, aber „in the end everybody breaks. It’s biology“, weiß sein Peiniger. Laute Heavy Metal-Musik hindert den Gefangenen am Einschlafen, während er dort sowieso schon in höchst ungemütlicher Stellung an Ketten gefesselt auf einem Hocker sitzt. Wie ein Hund wird er an einer Leine geführt, dann in einen kleinen Kasten gesperrt. Die Folter bildet das zentrale Bild, dass sich in der ersten halben Stunde von „Zero Dark Thirty“ auf den Zuschauern ausbreitet. Legitimiert durch ein zuvor gezeigtes schwarzes Bild, zu hören sind die Notruftelefonate während des 11. Septembers 2001, der Tag an dem der Terroranschlag auf das World Trade Center stattfand. Der Tag an dem der „War on Terror“ begann.

Noch vor vier Jahren inszenierte Regisseurin Kathryn Bigelow mit „The Hurt Locker“ den Oscar-Gewinner des Jahres 2008, konnte sich sogar gegen Ex-Ehemann James Camerons 3D-Auslösespektakel „Avatar“ durchsetzen. Eine Frau im Militärbusiness, zumindest auf der filmischen Ebene, fast undenkbar, dass hier nicht Francis Ford Coppola oder Oliver Stone am Werke waren. Der Erfolg gibt dieser Frau recht und es ermutigte sie vermutlich sich mit der Thematik von „Zero Dark Thirty“, eine militärische Begrifflichkeit für „dreißig Minuten nach Mitternacht“, auseinanderzusetzen. Die Regisseurin zeigt die Jagd auf Osama Bin Laden aus der Sicht der CIA-Agentin Maya, die sich sowohl in den bürokratischen Untiefen des Krieges, wie auch an der Front wiederfindet. Sie folgt kompromisslos ihrer Spur, arbeitet sich akribisch von Hinweis zu Hinweis. Die CIA schreckt vor keiner Möglichkeit zurück um an notwendige Informationen zu gelangen. Obgleich es heißt, dass es darum geht Osama Bin Laden tot oder lebendig zu fassen, steht für Maya fest, dass sie den Terroristen-Anführer tot sehen will.

Jessica Chastain als CIA-Agentin Maya

Jessica Chastain als CIA-Agentin Maya

Dazu dürfte sie auch Grund genug haben, werden ihm doch allerlei Schandtaten zugesprochen, nicht etwa fiktionale Begebenheiten, wie sie viele Drehbücher – gut oder schlecht – hervor spinnen, sondern wahre Terroranschläge. Immer wieder erinnert Kathryn Bigelow in ihrer aktuellen Regiearbeit an Taten, die in seinem Namen von Gefolgsmännern ausgeführt wurden. Ein explodierender Bus in London in 2005, der Anschlag auf das pakistanische Marriott Hotel in 2008, der Versuch eine Bombe auf dem New Yorker Times Square hochgehen zu lassen in 2010. Immer wieder werden diese Ereignisse aufgegriffen, Bigelow inszeniert die Anschläge, lässt die danach folgenden Ausschnitte aus Nachrichtensendungen für sich sprechen. Hierdurch führt sie nicht nur die Geschichte von Maya und ihrem Bestreben Osama Bin Laden zu fassen fort, sondern behält auch immer einen Blick auf das parallel hiermit verbundene Weltgeschehen.

Bigelow versteht es zudem immer die Spannung aufrecht zu erhalten. Hier wird keine Verschnaufpause gemacht. Wirkt es einmal so, als wäre Ruhe eingekehrt, folgt doch wieder ein Sturm, irgendwo wird in den nächsten Sekunden eine Bombe in die Luft gehen. Die Bedrohlichkeit hat sie gut eingefangen, niemand ist sicher. Ein Bus, ein Hotel – in dem sich auch noch Maya selbst befindet – alles wird zum Ziel gemacht, womit die vielen Jahre der Jagd, die vielen Jahre der Angst, effektiv auf die Filmlaufzeit zusammengekürzt wurde. „Zero Dark Thirty“, in einzelne Kapitel gegliedert, entwickelt immer aufs Neue eine bedrohliche Anspannung, sei es da neue Erkenntnisse, neue Hinweise gefunden wurden oder weil der jüngste Anschlag das CIA gewaltig mies dastehen lässt. In „Human Error“, einer dieser Episoden, müssen Darsteller Kyle Chandler und Harold Perrineau gemeinsam mit Jessica Chastain am CIA-Tisch sitzen und sich von Mark Strong, der einen ihnen vorgesetzten CIA-Bürokraten verkörpert, zu Recht weisen lassen. Selbst hier bleibt die Anspannung erhalten, wenn dieser über gemachte Fehler spricht, sich über die verschwendeten Milliarden von Dollar aufregt und nicht zu verstehen vermag, warum man von zwanzig bekannten Namen der Terrororganisation erst vier Männer in Gewahrsam genommen habe? „Bring me people to kill“ ist sein Schlusssatz.

Die Soldaten warten auf ihren Einsatz

Die Soldaten warten auf ihren Einsatz

Die größte Leistung ist allerdings nicht die Regiearbeit selbst. So gut Kathryn Bigelow ihr Handwerk auch unter Kontrolle hat, wird selbst sie von ihrer Hauptakteurin in den Schatten gestellt. Jessica Chastain, ein ambivalentes Frauenwesen zwischen Unsicherheiten und manischer Obsession. Ihr Blick wandert anfangs noch zur Seite, wenn sie bei ihrer ersten Folterung dabei sein darf. Aber schon hier hält sie den Wassereimer bereit, um auszuhelfen. Sie selbst legt niemals Hand an, bleibt ganz zärtlich besaitetes Frauengeschöpf. Die eigentliche Folter übernehmen starke Männer, die sich später zurück an den Schreibtisch nach Washington D.C. schicken lassen, da sie eine Auszeit benötigen. Aber auch sonst verkörpert Chastain eine pure Theoretikerin über die nur gesagt wird, dass sich hinter dieser Frau eine wahre Killerin verbirgt, womit ihr taktisches Geschick, ihre Intelligenz gemeint ist, mit der sie im Geiste auf Terroristenjagd geht. Diese Fähigkeit hat sie viel gekostet. Kein Privatleben ist auszumachen, sie denkt noch nicht einmal über ein Tête-à-tête mit ihrem Kollegen nach, ihre Aufmerksamkeit hat nur Osama Bin Laden. Irgendwann ist auch sie soweit, dann hört man auch sie sagen „I want Bin Laden dead“.

Die letzte halbe Stunde von „Zero Dark Thirty“ gehört dann ganz den Soldaten, die in das Versteck Bin Ladens eindringen, ohne wirklich zu wissen wen sie dort vorfinden werden. Eine bloße Vermutung von Maya, unterstützt von ihren CIA-Mitstreitern, bekommen die Verfolger diese „Hausdurchsuchung“ bewilligt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, pünktlich um dreißig Minuten nach Mitternacht (Zero Dark Thirty), rückt die auserwählte Einheit aus, einer von ihnen feuert den tödlichen Schuss ab, der Bin Laden zu Boden streckt. Hier nimmt Bigelow die Sicht von Maya weg, die sich im CIA-Quartier verschanzt, weicht der Perspektive durch die Nachtsichtgeräte der Soldaten, taucht das Bild in ein gespenstisches grün. Man verteilt sich in dem Unterschlupf, immer wieder werden Gewehre abgefeuert, Männer gehen zu Boden, Frauen schreien, Kinder weinen, bis der lang gesuchte Terrorvater erledigt ist. Dann, wenn Maya nach Hause geflogen wird, nimmt diese sich nun auch endlich einmal die Zeit um Tränen fließen zu lassen: Ob aus erfolgreicher Erleichterung oder der perspektivlosen Erfüllung ihrer Lebensaufgabe, womit sie wohl selbst nicht mehr gerechnet hatte, bleibt am Ende von „Zero Dark Thirty“ Interpretationssache.

Denis Sasse

Zero Dark Thirty_Hauptplakat

“Zero Dark Thirty“

Originaltitel: Zero Dark Thirty
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 157 Minuten
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, Reda Kateb, Kyle Chandler, Harold Perrineau, Scott Adkins, Mark Strong, Édgar Ramírez, Mark Duplass, James Gandolfini, Joel Edgerton, Chris Pratt

Deutschlandstart: 31. Januar 2013
Offizielle Homepage: zerodarkthirty-movie.com

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