Filmkritik

“Katakomben” von John Erick Dowdle

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Archäologin Scarlett (Perdita Weeks) ist dem Stein der Weisen auf der Spur

Archäologin Scarlett (Perdita Weeks) und Freund George (Ben Feldman) sind dem Stein der Weisen auf der Spur.

Der Stein der Weisen ist nicht nur eine Erfindung von Joanne K. Rowling, die ihren magiebegabten Zauberschüler Harry Potter auf die Suche nach diesem alchemistischen Artefakt schickte, sondern ein Mythos, der auch außerhalb der Literatur seit der Spätantike existiert. Dieser Stein soll unedle Metalle in Gold verwandeln, noch viel besser: er soll über heilende Kräfte verfügen, die jede körperliche Wunde verschwinden lassen können. Schon vor Harry Potter begab sich der Archäologieprofessor Indiana Jones in einem Roman von Max McCoy auf die Suche nach diesem Wunderwerk und auch Videospiel-Kollegin Lara Croft aus der Tomb Raider-Reihe widmete sich dem Stein.

Und nun gesellt sich eine weitere Archäologin zur Stein der Weisen-Suche. Und sie steht – und das ist die Überraschung – ihren beiden prominenten Vorgängern in Nichts nach. Die aus Wales stammende Perdita Weeks spielt in John Erick Dowdles Katakomben Scarlett Marlowe, die vom Aussehen her irgendwo in den Mit-20ern stecken dürfte, aber bereits ihren Master und zwei Doktortitel vorzuweisen hat. Das mag strengste Disziplin und Durchhaltekraft erfordern, aber die wird sie auch später noch beweisen, wenn sie blutverschmiert durch das Pariser Höhlensystem rennt, eine Kamera in der Hand, mit der sie die lebenden Toten mal eben vor den Kopf stößt. Das erinnert schon fast an eine weitere Kult-Figur der Filmgeschichte: Bruce Campbells Ash aus der Tanz der Teufel-Trilogie gehört sicherlich auch zu den charakterlichen Ausprägungen dieser starken Frauenfigur.

Scarlett und George gehen durch die buchstäbliche Hölle.

Scarlett und George gehen durch die buchstäbliche Hölle.

Scarlett bleibt nicht allein auf ihrem Abenteuer. Sie hat Kameramann Benji zur Seite, der eine Dokumentation über die Suche nach dem Stein der Weisen dreht, ihren besten Freund George, der sich nur sehr wiederwillig der Gruppe anschließt, die durch den Katakomben-Kenner Papillon und seinen Begleitern Souxie und Zed komplettiert wird. Aber auch Papillon fühlt sich etwas überfordert, als Gänge und Türen auf einmal dort auftauchen, wo sie eigentlich niemals waren. Dann stehen sie vor einem Loch in der Wand, über dem geschrieben steht: „Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ – den Worten über dem Zugang zur Hölle.

Im englischen Original heißt der Film As Above, So Below und trifft es damit sehr gut. Ab dem Moment, in dem Scarlett & Co. diesen Zugang passieren, finden sie sich in einer spiegelverkehrten Welt wieder. So wie oben, so auch unten. Nur in böse, in gemein, die Hölle eben, in ihrer schlimmsten Ausprägung. Hier durchlebt jeder Einzelne Höllenqualen, da er oder sie mit vergangenen Schrecken und Lastern konfrontiert wird.

Zugegebenermaßen ist das Format „Found Footage“ nicht die beste Lösung für Filmemacher, da sich immer irgendwo ein Fehler einschleicht. Wer filmt die oder die Situation eigentlich gerade? Wer stellt am Ende das Material zusammen, das laut Genrebetitelung ja nun einmal gefunden werden muss. Katakomben ist nicht frei von der Problematik des gerade gefilmten, noch weniger um die Idiotie, dass man selber manches Mal die Kamera gerne fallen lassen würde, um sich einfach aus einer abstrusen Situation zu befreien. So selbstdarstellerisch kann niemand sein, dass er selbst noch in der Hölle nicht auf die Kamera verzichten könnte, um diesem Schreckensort zu entkommen.

Kameramann Benji (Edwin Hodge) muss allerhand Körpereinsatz beweisen.

Kameramann Benji (Edwin Hodge) muss allerhand Körpereinsatz beweisen.

Darüber sei hier nun aber einmal hinweg gesehen. Denn was Regisseur John Erick Dowdle – der das Drehbuch zusammen mit seinem Bruder Drew geschrieben hat – hier abliefert, ist der wohl beste Found Footage seit dessen Ursprung im Blair Witch Project. Das allerdings liegt hier nun eben nicht im Format, sondern in der Story begründet. Durchgehend unterhaltsam, abwechslungsreich, ab einem gewissen Punkt abgedreht und erschreckend. Schon vor dem Tor zur Hölle spielt man mit der Enge und Finsternis, wie sie schon im Horror The Descent eingesetzt wurde, nachdem dann das Reich der Toten betreten wurde, geht für die Entdecker-Gruppe der Überlebenskampf so richtig los.

In The Descent bleibt das Horror-Höhlensystem, was es ist. Der Schauplatz erfährt keine große Veränderung. Das ist in Katakomben gänzlich anders. Hier sind es schmale Schächte, Höhlen, aber auch große Säle, Schatzkammern und eben diese höllische Unterwelt. Es werden versteckte Mechanismen entdeckt, Rätsel entschlüsselt, Hieroglyphen gelesen. Ein Rätselraten zum Stein der Weisen, mit Irrweg durch die Unterwelt. Das Design und die in ihm eingepflegten Ideen machen einen großen Teil davon aus, dass sich der Film niemals langweilig anfühlt, da er mit jeder Szene etwas Neues von den Katakomben preisgibt.

Der Film versteht es, nicht nur Schockmomente aneinander zu reihen, sondern interessante Figuren abzuliefern, eine abwechslungsreiche Story zu entwickeln und auch Psychoterror auf die fünf Darsteller auszuüben, wodurch Katakomben besser funktioniert, als fast alle seiner Genrekollegen.

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