Ein kleines Körbchen treibt auf hoher See. Ein Piratenschiff greift es auf und die 13 ziemlich identisch aussehenden wilden Piraten finden ein schwarzes Baby. Sie verkaufen es an eine Frau Mahlzahn im Kummerland, aber der Postbote bringt es fälschlicherweise ins Lummerland. Irgendwie ein bisschen Fluch der Karibik-Feeling. Aber das Baby ist natürlich kein Captain Jack Sparrow, sondern Jim Knopf, der sich auf der “Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer mit viel Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr” mit dem Lokomotivführer Lukas anfreundet. Regisseur Dennis Gansel hat nun die Kindergeschichte Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende wundervoll verfilmt.

In den 60er Jahren wurden die zwei Bücher – der zweite Teil ist unter dem Titel Jim Knopf und die Wilde 13 erschienen – in zehn Folgen, in den 70er Jahren in acht Folgen prominent von der Augsburger Puppenkiste als Fernsehreihe verfilmt. Mit Dennis Gansel nimmt sich einer der mutigsten Genre-Regisseure Deutschlands der Vorlage von Michael Ende an. Gansel treibt sich nur selten in den klassischen deutschen Genre des Historien/NS-Zeit-Dramas oder der Slapstick-Komödie herum, sondern probiert sich lieber an gesellschaftskritischen Thematiken (Die Welle), am Journalismus-Thriller (Die vierte Macht) oder gar am Fantasy-Horror (Wir sind die Nacht).

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
© 2018 Warner Bros. Ent, Ilze Kitshoff
Henning Baum als Lukas der Lokomotivführer und Solomon Gordon als Jim Knopf

Mit Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer inszeniert Gansel nun aber einen handzahmen Kinderfilm, der manches Mal an der deutschen Kinderfilm-Problematik leiden mag: Kinder nicht mit zu viel Ernsthaftigkeit konfrontieren, sondern lieber lustiges Grimassen-schneiden in den Fokus stellen. So brauchen wir nicht auf eine neue Die unendliche Geschichte hoffen, dank eines unfassbar hervorragenden Hauptdarsteller-Duos bekommen wir aber dennoch eine abenteuerliche Geschichte um eine entführte Prinzessin und fies-hinterhältigen Drachen.

Die beiden Darsteller sind Der letzte Bulle Henning Baum als Lukas der Lokomotivführer, der manches Mal wie ein Mix aus Bud Spencer und Popeye erscheint, dabei zugleich einen unfassbar liebenswerten Kuschelbär-Charme ausstrahlt sowie Solomon Gordon als Jim Knopf, der mit großen Augen, Neugier und Spaß am Spiel sein Debüt zu einer unterhaltsam anzusehenden Performance macht.

Jim wird auf Lummerland von der Ladenbesitzerin Frau Waas (Annette Frier) großgezogen, spielt dem engstirnigen Herrn Ärmel (Christoph Maria Herbst) so manchen Streich, bricht dann aber mit seinem Freund Lukas und dessen Lokomotive Emma zu einem Abenteuer auf, als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte (Uwe Ochsenknecht) Lukas vor die Entscheidung stellt, entweder Jim oder Emma solle die Insel verlassen, da einfach nicht genug Platz für beide sei.

Es verschlägt das Trio zuerst nach Ping, die Hauptstadt Mandalas, wo sie von dem Kindeskind Ping Pong (Eden Gough) von der entführten Prinzessin Li Si (Leighanne Esperanzate) erfahren. Jim, Lukas und Emma machen sich auf den Weg zur Drachenstadt, wo die böse Frau Mahlzahn die Prinzessin gefangen hält. Hierfür müssen sie allerdings das Tal der Dämmerung durchqueren, die Ende der Welt-Wüste überstehen, die Region der Schwarzen Felsen und den Mund des Todes passieren um ins Land der tausend Vulkane zu gelangen.

Matthias Müsse ist der wahre Held dieses Films. Er ist der Produktionsdesigner, der die unglaublichen Landschaften entworfen hat. Allein Mandala erinnert an einen real gewordenen Kung Fu Panda-Film, aber auch all die anderen Sets – wir fahren einmal ganz kurz mit Emma durch den Tausend-Wunder-Wald und wünschen uns, das die Gruppe hier ein wenig länger verweilen würde – sind so designed worden, dass alles, ganz gleich wo wir uns mit Jim, Lukas und Emma befinden, ein wahres Hinguck-Erlebnis wird.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
© 2018 Warner Bros. Ent, Ilze Kitshoff
Die Lokomotive Emma kommt in dem Kaiserreich Mandala an

Die Stimme von Michael Herbig als kleiner Halbdrache Nepomuk im Land der Vulkane mag ein wenig zu prägnant wirken und das Mischwesen aus Nilpferd und Drache zeigt sich auch nicht gerade als Glanzleistung der Tricktechnik – was man aber ganz schnell wieder vergisst, wenn die als Drache verkleidete Emma auf einen wirklich “echten” und ausgewachsenen Vertreter der Feuerspei-Fantasiewesen trifft, der sich nicht vor 90er Jahre Animationen à la Dragonheart zu verstecken braucht, was für Kinderaugen sicherlich erschreckend genug sein dürfte.

Hier muss man ohnehin ansetzen. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist äußerst fix erzählt. An keiner der vielen – VIELEN – Stationen machen wir lange Halt. Die Wüste wird etwas ausgedehnt betrachtet, schon allein weil hier der Scheinriese (Milan Peschel) in Erscheinung tritt. Ansonsten wird ein zügiges Erzähltempo gewählt, um die lieben Kleinen die immerhin 109 Minuten Laufzeit auch bei Laune halten zu können, was die Augsburger Puppenkiste noch auf die serielle Erzählform aufgeteilt hatte.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist ein von vorne bis hinten überaus unterhaltsamer Kinderfilm geworden, den auch die im Herzen jung gebliebenen mit manchen Wow-Effekt genießen können. Über die wenigen Schwächen darf man als Erwachsener gerne hinwegsehen, wenn man am Ende doch die “Insel mit zwei Bergen”-Melodie vor sich hinsummt.

JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER entführen uns ins Lummerland und in ein Abenteuer, das nicht nur für Kinderaugen geschaffen ist. Wir reisen mit der kleinen Lok Emma durch fantastische Landschaften.