Filmkritik

“Jeder hat einen Plan” von Ana Piterbarg

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© Twentieth Century Fox of Germany GmbH / Viggo Mortensen mit Soledad Villamil.

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH / Viggo Mortensen mit Soledad Villamil.

Schon 1881 schrieb und veröffentlichte der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain seine Geschichte vom Prinzen und dem Bettelknaben. Eineiige Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach der Geburt getrennt, lebt der eine am adeligen Hofe, im Königreich von Heinrich VIII., während der andere sich in den schmutzigen Gassen als armseliger Herumtreiber zu Recht finden muss. Diese Anleihe findet sich auch in dem Drama „Jeder hat einen Plan“ von der Argentinierin Ana Piterbarg. Erstaunlich gut, vielleicht auch ihrem Hauptdarsteller Viggo Mortensen zu verdanken, fühlt sich die Spielfilm-Regiedebütantin, aus dem Fernseh-Comedyfach stämmig, in die verzweifelte Situation um einen gutverdienenden Arzt und dessen im argentinischen El Tigre vagabundierenden Bruder. Neben der Zwillingsgeschichte bleibt nicht mehr so viel übrig von Mark Twains Vorlage, nicht einmal die Originalsprache. Mortensen musste für seine Doppelrolle spanisch sprechen. Dass er das kann hat er bereits 2006 in dem Historienfilm „Alatriste“ bewiesen, in dem er auch schon davon profitierte, als junger Erwachsener eine Zeit lang in Argentinien gelebt zu haben.

Viggo Mortensen

Viggo Mortensen

Hierher kehrt er nun zurück. In der Rolle des Arztes Austin, der zwar nicht schlecht verdient und eine ihn liebende Ehefrau hat, dennoch ist es in seinen Augen ein frustrierendes Leben, das er hier in Buenos Aires fristet. Hier, in der größten Stadt Argentiniens, fühlt er sich verloren. Nach dem Tod seines Zwillingsbruders Pedro entscheidet sich Austin für einen Ortswechsel. Er kehrt mit der Identität seines Bruders in das Tigre Delta zurück, ein kleiner Fleck auf der großen Karte Argentiniens. Es ist ein isoliertes Labyrinth aus kleinen Inseln mit seinen ganz eigenen Regeln. Hier ist er aufgewachsen, hier hat Austin seine Wurzeln. Die neue Identität schenkt ihm zuerst eine gewisse Freiheit, eine Loslösung von sich selbst. Doch schon bald wird ihm auch das neue Leben eine Last. Denn Pedro war kein Unschuldslamm. Ganz im Gegenteil. Diebstahl und Mord werden ihm und seinem Kumpel nachgesagt. Somit findet sich Austin auf einmal in einer kriminellen Umgebung wieder. Auf einmal muss er nicht nur gegen ein frustrierendes Leben ankämpfen, sondern sich um sein Überleben sorgen. Aber weglaufen ist keine Option mehr. Er stellt sich dieser Misere um die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen.

In dieser Gegend der Welt ist das aber gar nicht so einfach. Viggo Mortensen spielt Austin verunsichert, zugleich aber mit der nötigen Härte um zu zeigen, dass er wie sein Bruder Pedro von diesem Flecken Erde stammt. Hier zählen keine großen Emotionen, die Menschen sind auseinander gedriftet wie die inselartigen Grundstücke, die nur mit dem Boot zu erreichen sind. Die Landschaft erinnert an Benh Zeitlins Fiktionswelt des Bathtubs, die er in „Beasts of the Southern Wild“ erschuf. Was hier durch die Augen eines kleinen Mädchens gezeigt wurde, die sich mit Hilfe der Fantasie in einer rauen Welt zu Recht finden musste, wird für Viggo Mortensen zur bitteren Realität, vor der keine Traumgestalt ihn retten kann.

Viggo Mortensen

Viggo Mortensen

Heimlich macht sich das Delta Tigre zum wertvollen Mitdarsteller. Hier, wo Selbstjustiz geübt wird, prügelt ein Ladenbesitzer Austin aus seinem Geschäft, da er glaubt Pedro vor sich zu haben. Mit harten Faustschlägen treibt er ihn zurück, schlägt ihn blutig bis er am Boden kauernd in sein Boot zurück fällt. Selbst ein zu Beginn des Films fallender Schuss, der einem Menschen das Leben nimmt, wird nicht weiter beachtet, zieht keine Folgen von offizieller Seite nach sich. Die Bewohner ermitteln selbst. Hier wird nicht etwa ein Rechtsstaat untergraben. Es treten schlicht keine Polizisten in Erscheinung. Jegliche Form des organisierten Rechts glänzt durch Abstinenz.

Im Mittelpunkt bleibt aber doch Viggo Mortensen, in beiden Rollen, wie er versucht aus den Leben seiner jeweiligen Figuren auf ganz unterschiedliche Art auszubrechen. Als Austin ist er nicht mit der Familienidylle zufrieden, möchte auch kein Kind adoptieren, wie es von seiner Frau geplant ist. Er merkt schon früh, dass er sich hierzu nicht in der Lage fühlt. Seine Frau drängt ihn in die Rolle des Vaters. Die Beziehung leidet, geht daran zu Bruch. Ein neues Leben ist für Austin mehr eine Neugeburt, etwas das er dringend notwendig hat. Pedro verabschiedet sich derweil aus dem Leben. An Krebs erkrankt, spukt er schon zu Beginn des Films Blut und man erahnt, dass dieser Mann kränkelt. Es ist Krebs, dass eröffnet er seinem Bruder, bevor dieser ihn in einer aufwühlenden Sequenz von seinen Leiden erlöst. Darum wurde er gebeten, einfach fällt es ihm dennoch nicht, seinen Bruder in der eigenen Badewanne zu ertränken.

„Jeder hat einen Plan“ ist eine Geschichte vom herbeigeführten Tod und dem geklauten Leben. Das Schönste daran ist das Ambivalente Spiel von Viggo Mortensen, ein Charakterdarsteller, der sich ohne Probleme zwischen zwei Extremen bewegt und trotzdem noch eine gute Mitte dabei findet.

 


Jeder hat einen Plan_Hauptplakat

“Jeder hat einen Plan“

Originaltitel: Todos Tenemos Un Plan
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: RA / E, 2012
Länge: ca. 119 Minuten
Regie: Ana Piterbarg
Darsteller: Viggo Mortensen, Soledad Villamil, Daniel Fanego, Javier Godino, Sofía Gala, Oscar Alegra

Deutschlandstart: 23. Mai 2013
Im Netz: facebook.com/20thCenturyFoxGermany


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