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007 #23 | In SKYFALL wird das MI6-Team um James Bond vergrößert

Wenn wir mit den bisherigen Daniel Craig Auftritten als James Bond dachten, dass der MI6-Agent durch die Liebesgeschichte zu Vesper Lynd (Eva Green) und seinem Rachefeldzug gegen die Quantum-Organisation mehr Persönlichkeit bekommen hat, so geht Sam Mendes mit dem 2012er Skyfall noch einen Schritt weiter. Er schickt 007 zurück in das Haus, in dem er aufgewachsen ist und lässt dort seine “Mutter” und Mentorin M (Judi Dench) aus dem Franchise ausscheiden.

Hierher flüchten sich Bond und M, nachdem sie von dem Cyber-Terroristen und Ex-MI6 Agenten Raoul Silva (Javier Bardem) aufgespürt und arg malträtiert wurden. Silva kann Bond nicht leiden, weil er der neue Liebling von M ist, die er einst selbst als seine “Mutter” gesehen hatte. Bis es zum vermeintlichen Verrat kam, bei dem sie ihren Agenten opferte, wie sie es zu Beginn von Skyfall auch mit James Bond selbst tut. Sowohl Bond als auch Silva stehen von den Toten wieder auf, nur das der seelisch geschundene Schurke erhebliche Narben im Gesicht vorzuweisen hat. Hinter seinem gepflegten Äußeren steckt ein wahrer Mr. Hyde.

Skyfall zeigt uns James Bond – auch wenn wir ihn zuvor schon haben leiden sehen – so emotional und privat, wie er in noch keinem der vorherigen 22 (!) Filme zu sehen gewesen ist. Vielleicht kratzt George Lazenby an dieser emotionalen Ebene, wenn sein James Bond in Im Geheimdienst ihrer Majestät seine frisch angetraute Ehefrau von Blofeld ermordet sieht. Das genügt aber nicht, um Daniel Craig die Stirn zu bieten, der sowohl in Casino Royale als auch in Ein Quantum Trost geliebte und befreundete Menschen verloren hat und hier mit M noch einen Schlag in die Magengrube verpasst bekommt.

Skyfall
James Bond (Daniel Craig) gelingt es, Raoul Silva (Javier Bardem) zu fangen und beim MI6 einzusperren.

So tiefgründig die Charaktere – vor allem James Bond, M und Silva – unter Sam Mendes ausgearbeitet werden, damit der emotionale Ménage-à-trois Showdown am Ende von Skyfall seine volle Wirkung entfalten kann, so sehr treibt der Film aber auch den Adrenalinspiegel in Action-Belangen in die Höhe. Man nehme nur den Beginn des Films, bei dem Bond mit einem Motorrad erst durch die engen Gassen des Großen Basars in Istanbul rast, nur um sich wenig später über den Dächern der Stadt – weiterhin auf dem rasanten Gefährt – wiederzufinden. Und nur wenige Minuten später beginnt ein Schlagabtausch auf einem fahrenden Zug, bei dem 007 einen Bagger zu Hilfe nimmt, mit dessen Schaufel er nach dem verfolgten Schurken schlägt.

Hier schon arbeitet er mit einer weiteren MI6-Agentin zusammen, die sich nach einem kleinen Fauxpas aus dem Außendienst an den Schreibtisch setzen lässt, wo Bond sie schon bald als Miss Moneypenny (Naomie Harris) kennenlernt. Und endlich trifft auch dieser James Bond auf seinen Q, ist zuerst allerdings allzu sehr über dessen Jugend amüsiert, wird er doch immerhin von Ben Whishaw – Jahrgang 1980 – verkörpert, der damit nicht dem Bild eines älteren und schusseligen Erfinders (wie Ur-Q Desmond Llewelyn) entspricht, sondern 12 Jahre jünger als Darsteller Daniel Craig ist. Er mimt den Quartiermeister des MI6 mit ein bisschen jugendlicher Überheblichkeit, mit dem Q-typischen Witz und als Computerhacker und Nerd, der über explodierende Kugelschreiber nur lachen kann – “Sowas machen wir eigentlich nicht mehr.”

In einer der beeindruckendsten Sequenzen des Films versammeln sich die Key Player (minus Q) in einem Anhörungssaal, wo sich M für ihre Entscheidungen innerhalb des Doppelnull-Programms verantworten muss. Sie erhält unerwartet Hilfe von dem scheinbar engstirnigen Mallory (Ralph Fiennes, dessen Name nicht umsonst mit einem M beginnt), muss dann aber einen Angriff durch Silva abwehren, der zuvor eine spektakuläre Flucht aus dem MI6-Hauptquartier macht, sich von Bond verfolgen lässt, sein Ziel aber nicht aus den Augen verliert. Auf einmal steht er da, vor seiner “Mutter” und schießt. Sam Mendes ist es gelungen, ein erinnerungswürdiges Stück Actionkino in Skyfall unterzubringen, das genial geplant und inszeniert, absolut spannend und packend ausgeführt wurde.

Dieses Chaos erinnert dann stark an The Dark Knight und macht Silva zu Heath Ledgers Joker, während Daniel Craig sich mit gewohnter Härte und kantiger Art als 007-Batman präsentiert, der mal charmant und mal mit fordernder Härte agiert, aber ebenso auch sein emotionales Repertoire erweitert hat – was vor allem im Zusammenspiel mit Judi Dench zu sehen ist.

Skyfall
Q (Ben Whishaw) ist weitaus jünger als Bond es sich vorgestellt hatte.

Zu sehen gibt es noch einiges mehr als nur die emotionalen und Action-Momente. Denn hinter der Kamera hat sich Sam Mendes die Dienste von Roger Deakins gesichert, dessen Name allein ausreicht, um uns einen visuellen Orgasmus erwarten zu lassen. Von No Country For Old Men über True Grit bis hin zu Blade Runner 2049 weiß dieser Mann mit der Kamera nur allzu perfekt umzugehen. Er platziert Silva mit seinem verfallenen Äußeren auf einer einsamen Insel, auf der ebenso zerfallene und leere Gebäudekomplexe den Bond-Bösewicht noch einmal zusätzlich charakterisieren. Ganz besonders tritt das Talent des Kameramanns aber hervor, wenn es um den Einsatz von natürlichen Licht geht um eine Szene zu erhellen, wenn farbenreiche und dennoch düster wirkende Umgebungen entstehen sollen oder die Handlung aus ungewöhnlichen Perspektiven gezeigt werden soll. Das alles kann man in Skyfall beobachten.

Sam Mendes baut seine eigene kleine James Bond-Welt auf, die alt und neu miteinander vereint. In einem Moment ist Q auf einmal ein junger Bursche und Miss Moneypenny eine Scharfschützin im Außendienst des MI6, im nächsten Moment sitzt 007 recht klassisch hinter dem Steuer des Aston Martin DB5, den wir das erste Mal in Goldfinger zu sehen bekommen haben.

Am Ende kann James Bond gar noch viel klassischer durch das Vorzimmer von M (dann Ralph Fiennes) marschieren, nach einem kleine Flirt an Moneypenny vorbei und sich seinen nächsten Missionsauftrag abholen. Es hätte kaum verwundert, wenn er hier den Auftrag bekommen hätte, einen gewissen Dr. No zu beschatten. Denn Sam Mendes inszeniert das Ende von Skyfall so, wie James Bond jagt Dr. No mit Sean Connery beginnt. Hier schließt sich der Kreis.

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