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007 #21 | Zurück zum Anfang mit Daniel Craig in CASINO ROYALE (2006)

“Möchten Sie Ihren Martini geschüttelt oder gerührt?” fragt ein Barmann in Martin Campbells 2006er Casino Royale. Als Antwort erhält er lediglich ein “Sehe ich so aus, als ob mich das interessieren würde?” Der von Daniel Craig verkörperte 007 ist anders. Die Filmreihe führt den MI6-Agenten zurück zu seinen Anfängen. Der erneute Darstellerwechsel wird dazu genutzt, dem Franchise ein Reboot zu verpassen. Dabei entsteht ein bisschen Prequel, ein bisschen Sequel und dazwischen irgendetwas ganz Neues.

Casino Royale wird mit einer schwarzweißen Film Noir-Szene eröffnet. Campbell erzählt uns, wie James Bond überhaupt erst zu seiner Doppelnull-Stellung innerhalb des Geheimdienstes kam, wie er seine Lizenz zum Töten verdient hat. Er macht 007 zu einem Noir-Helden, der aus den Schatten heraus auf seine Missionsziele lauert. Das wird von Kameramann Phil Meheux überaus ästhetisch abgefilmt. Er fängt diese Momente mit einer sich nur langsam bewegenden Kamera ein. Alles wirkt ruhig. Blicke werden auf Details gelenkt. Die Einstellungen wirken verwinkelt, niemals gerade nach vorne gerichtet, als befänden wir uns in einer surrealen Alternativwelt.

Wir erleben einen recht unerfahrenen, noch von Zorn und unkontrollierten Eifer getriebenen James Bond, der von M (Judi Dench) im Zaum gehalten werden muss. Dench spielt ihre Figur mehr als Mentorin, denn als Chefin des Doppelnull-Programms. Bereits in Die Welt ist nicht genug hatte sich abgezeichnet, dass M mit Dench viel mehr zu tun bekommen sollte. Sie spielt hier nun zwischen Zorn über die Dummheiten ihres besten Schülers, aber auch mit einem hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft, hier einen ungeschliffenen Diamanten in ihren Reihen zu wissen. Sie weist Bond auf seine Unzulänglichkeiten nur allzu gerne hin, da sie in all ihrer Härte auch einen Funken von fürsorglicher Liebe und Besorgnis um das Wohlergehen ihres Agenten zeigt, den sie auf die richtige Spur führen möchte.

Casino Royale
James Bond (Daniel Craig) gegen Le Chiffre (Mads Mikkelsen).

Sie setzt ihren kleinen Jungen auf Le Chiffre (Mads Mikkelsen) an. Er ist ein ungemütlicher Bankier, der sich als Finanzier von Terroristen anbietet. Bond begegnet ihm bei einem hoch dotierten Pokerspiel. Hier soll er Le Chiffre bankrott spielen, damit dieser künftig keine Geschäfte mehr abwickeln kann. Mads Mikkelsen gibt immer einen wunderbaren Schurken ab, wenn man ihm genug zu tun gibt – was in Marvels Doctor Strange leidlich nicht der Fall war. Hier aber wird er wortwörtlich an einen Tisch mit James Bond gesetzt, mit dem er sich nicht nur ein Duell im Pokerspiel liefern darf, sondern auch ein Duell der durchdringenden Blicke.

Le Chiffre ist ein an Asthma leidender Verbrecher, der aus seinem vernarbten linken Auge Blut weint. Damit steht er kontra James Bond, der mit Daniel Craig strahlend blaue Augen bekommen hat. Die beiden Männer liefern sich in all seiner spannungsgeladenen Länge ein Spiel um viel Geld, aber mit ihren jeweiligen Augenpaaren auch darum, ihr Ego über das des Gegners zu erheben.

Während seiner Mission lernt James Bond Vesper Lynd (Eva Green) kennen, in die er sich zutiefst verliebt. Dieses Gefühl wird ihn noch über viele weitere Filme hin plagen und gibt uns einen von zahlreichen Anknüpfungspunkten, die Casino Royale zu einer Fortsetzungsgeschichte werden lässt, die dennoch auch alleinstehend funktioniert.

Eva Green präsentiert sich einmal mehr als Dame Hollywoods, die eine unfassbare Ausstrahlung in die Handlung eines Films bringen kann. Bond nennt ihre Schönheit ein Problem, da man sie hierdurch nicht ernst nehmen würde. Wir nehmen Green nur allzu ernst, mit ihrer verführerischen Undurchschaubarkeit. Sie lässt sich in all ihre Handlungen ebenso wenig in die Karten schauen, wie es Bond und Le Chiffre in ihrem Pokerduell geschehen lassen wollen.

Casino Royale
James Bond (Daniel Craig) mit Vesper Lynd (Eva Green).

Sie wird Bond das Herz brechen – mit einem Verrat, aber auch mit ihrer Liebe. Sie sorgt für mehrerlei emotionale Brüche bei Bond, der seinen Charakter für die Zukunft prägen wird. Hier zeigt Casino Royale ein Bond-Girl, dass Einfluss auf die Entwicklung von 007 nimmt. Im nächsten Film – Ein Quantum Trost – wird James Bond nicht einfach wieder auf Null gestellt und darf von vorne beginnen, sondern er muss sich mit all dem, was mit ihm geschieht, weiterhin auseinandersetzen. So auch mit einem kurzen Einschub, dass Le Chiffre für eine größere Organisation tätig sei. Was in Casino Royale zuerst noch als Randnotiz erscheint, wird fast zehn Jahre später in Spectre aufgeklärt.

Nun sollten wir uns aber auch nicht dem Irrglauben hingeben, dass dieser Film lediglich daraus besteht, wie zwei Männer an einem Tisch sitzen und Poker spielen. Auch wenn Martin Campbell aus den zwei Männern am Tisch eine unglaublich spannende Begegnung gemacht hat, darf Daniel Craig natürlich auch Action-James Bond sein. Schon direkt nach der von Daniel Kleinman in Anlehnung an das Original 1953er Buchcover von Casino Royale designten Titelsequenz muss 007 eine wilde Parcours-Verfolgungsjagd über eine gigantische Baustelle in Madagascar auf sich nehmen. Am Ende steht er in einem in den Kanälen Venedigs zusammen stürzenden Gebäudekomplex.

Mit Daniel Craig als James Bond wird die Figur zu mehr erhoben als einem vor Charme triefenden, Frauen verführenden, One-Liner von sich gebenden Gentleman-Geheimagenten. In Casino Royale wird 007 zu einem Menschen, dessen Schmerzen und Verluste wird durch Craigs Spiel zu sehen bekommen, die sich ebenso auf die Figur auswirken und sich in ihm festsetzen. Wir erleben die Geschichten der Narben, die Bond zu dem Mann machen, der er ist. Ja, der von Daniel Craig gespielte James Bond ist tatsächlich anders. Regisseur Martin Campbell entzieht dem MI6-Agenten seine Superkräfte und lässt ihn durch diesen Neustart zu einem schlichten Mann werden, der sich auf seine durchaus ausgeprägten – aber rein menschlichen – Fähigkeiten verlassen muss.

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