Den schlimmsten Fehler den wir mit It Comes At Night begehen könnten, ist es, den Film in die Horror-Schublade zu stecken. Das Marketing zum zweiten Film von Regisseur und Drehbuchautor Trey Edward Shults – nach dem 2015er Krisha – ist sicherlich darauf ausgelegt, die unheimliche Atmosphäre in den Mittelpunkt zu stellen. Aber hier versteckt sich weder ein klassischer Horror mit Monstern, noch ein Film, der wie bei M. Night Shyamalan einen verstörenden Twist am Ende bereit hält. It Comes At Night ist eine Charakterstudie, die zwar atmosphärisch dicht, aber am Ende mit vielen offenen Fragen inszeniert wurde.

Wenn wir in die Welt von It Comes At Night geworfen werden, ist eine Familie gerade dabei, den Großvater zu töten. Er hat sich mit dem Virus infiziert, das die ganze Welt dahinrafft. Die Augen werden in ein tiefes Schwarz getaucht. Blut spucken gehört ebenso zu den Begleiterscheinungen wie der Tod nach 48 Stunden. Alle tragen Gasmasken. Ein merkwürdiges und verstörendes Bild. Wir sollten keine Erklärungen für diesen Outbreak erwarten. Darum geht es in dem Film nicht, der alles offen lässt, was uns interessieren könnte.

It Comes At Night
Die Familie hat sich um eine Laterne am Tisch versammelt.

Paul (Joel Edgerton), der Vater der Familie, hat in dieser Umgebung sehr strikte Regeln aufgestellt, die von seinem Sohn Travis (Kelvin Harrison Jr.) und Ehefrau Sarah (Carmen Ejogo) befolgt werden müssen. Sie leben abgeschieden in einer Hütte im Wald. Jedes Fenster ist verbarrikadiert. Wenn sie einmal vor die Tür müssen, gehen sie nur zu zweit, niemals alleine und schon gar nicht wenn es Nacht ist.

Irgendwie gelingt es einem Fremden namens Will (Christopher Abbott) ins Haus zu gelangen. Er muss selbst eine Familie versorgen. Deshalb versucht er hier Wasser für seine Frau Kim (Riley Keough) und seinen Sohn Andrew (Griffin Robert Faulkner) zu finden, die in einem 50 Meilen entfernten Haus auf seine Rückkehr warten. Sie haben Essen, das sie im Tausch anbieten können. Sie sind noch nicht infiziert, aber trotzdem traut Paul ihnen nicht über den Weg.

Am ehesten lässt sich It Comes At Night mit The Witch von Robert Eggers vergleichen. Ähnlich war hier das Erlebnis, wenn man auf einen Horrorfilm hoffte, aber nur ein seicht-atmosphärisches Familiendrama zu sehen bekam. Auch Shults’ Film zielt auf das Miteinander der Menschen ab. Sein Horror – wenn wir es als solches bezeichnen wollen – sind die menschlichen Emotionen, die unter einer Endzeitstimmung hervorgerufen werden können.

Auch wenn sein Film immer wieder suggeriert, dass dort draußen im Wald Monster lauern könnten, findet sich die wahre Bedrohung viel eher im Inneren ihres Hauses wieder. Hier können wir das Böse benennen: Verlust, Trauer, Schmerz, Angst und Misstrauen. Das macht aus It Comes At Night eine Sozialstudie über Menschen in Extrembedingungen. Wie gehen wir mit Anspannung, mit einer ungesehenen Bedrohung um? Oder viel mehr: Wie gehen wir miteinander um, wenn eine solche Bedrohung uns erwischt?

Da es nur um diese Gefühlswelten geht, bekommen wir wenig Handlung und wenig Charaktere zu sehen. Die Figuren sind Stereotype: der strenge Vater, die verständnisvolle Mutter, der interessante Fremde oder die gutaussehende neue Frau, die gewisse Fantasien hervorruft.

It Comes At Night
Will (Christopher Abbott) wird beim Einbruch erwischt.

Dem Spiel von Joel Edgerton, Christopher Abbott und Kelvin Harrison Jr. kann man eine Menge abgewinnen. Sie versuchen ihren Figuren zumindest etwas Leben einzuhauchen. Der wahre Star des Films ist allerdings Kameramann Drew Daniels. Er ist für die Atmosphäre verantwortlich, die sich ganz stark aus den minimalen und außergewöhnlichen Lichtverhältnissen aufbaut. Er nutzt das schwache Licht einer Laterne, die vor der Familie auf dem Tisch steht um nur wage die schemenhaften Gestalten und ihre Gesichter erkennen zu lassen. Oder aber einige Sonnenstrahlen erhellen als natürliches Licht ein Fleckchen Wald, kämpfen sich durch die Baumspitzen, so dass sie nicht übermäßig viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber doch dazu beitragen, die Szene so wunderschön aussehen zu lassen und zugleich eine bedrohliche Stimmung zu entfachen.

Genau darauf können wir It Comes At Night am Ende reduzieren. Der Film möchte uns mit seiner Atmosphäre einlullen. Wenn wir uns aber hiervon nicht unter Hypnose versetzen lassen, erkennen wir die schwache Handlung, die banalen Figuren und die pure Belanglosigkeit der Inszenierung, die uns am Ende regelrecht im Walde stehen lässt.