Valentin Thurn ist seit fünfzehn Jahren Filmemacher fürs Fernsehen. Als gelernter Geograf und Journalist macht er seit dem 8. September 2011 seinen ersten Ausflug in die Kinolandschaft und präsentiert dort seine Dokumentation ‚Taste The Waste‘, die sich mit der weltweiten Verschwendung von Lebensmitteln beschäftigt. Unsere Kritik zur Doku findet ihr an dieser Stelle. filmtogo hatte aber auch die Möglichkeit zum Kinostart im Kamera Filmkunsttheater in Bielefeld mit dem Filmemacher über ‚Taste The Waste‘ zu sprechen.

filmtogo: Wie kam es dazu, dass sie sich mit dem Thema der Lebensmittelverschwendung beschäftigt haben?

Valentin Thurn: Das Projekt hat mit einem Fernsehfilm angefangen. Wir haben sogenannte Mülltaucher begleitet. Das waren junge Menschen, die sich aus den Supermarkt-Containern essbare Dinge herausgefischt haben. Und das hat mir die Augen geöffnet. Das war die Initialzündung. Da habe ich gedacht, dass das nicht wahr sein kann, das da noch so viele Lebensmittel in perfekter Qualität drin sind. Da habe ich mir die Frage gestellt, warum Unternehmen das machen. Warum sie so viel Warenwert vernichten. Da haben wir dann angefangen zu recherchieren.

filmtogo: Ihre Fernsehdokumentation mit den Mülltauchern hat ja ein großes Echo nach sich gezogen. Was hat sich zwischen dieser Dokumentation fürs Fernsehen und jetzt ‚Taste The Waste‘ getan?

Valentin Thurn: Unser Vorläuferfilm ‚Frisch auf dem Müll‘ lief im Oktober letzten Jahres in der ARD und hat tatsächlich Wellen geschlagen. Das wir so viel wegwerfen, war ein Thema, das man vielleicht ansatzweise geahnt hat. Aber nicht die Dimensionen, wie viel Essen wirklich auf dem Müll landet. Es werden fünfzig Prozent der Ernte, die für Menschen angebaut wird, vernichtet. Das hat wirklich kaum jemand geahnt. Das Eigenartige ist, dass diese Debatte in Österreich und England bereits seit fünf Jahren tobt und sie nicht rüber geschwappt ist. Wir haben das Thema vielen Ministern, Behörden und Fachleuten aus Verbänden zum ersten Mal nahegebracht. Nach anfänglicher Skepsis haben die dann alle gesagt, dass das schon ein riesen Ding sei. Wir haben innerhalb von fünf Tagen direkt Reaktionen aus der Politik bekommen. Der Verbraucherminister aus Düsseldorf, Johannes Remmel, hatte angekündigt einen Runden Tisch zwischen Bauern und Handel abzuhalten. Das hat er inzwischen auch verwirklicht. Damit die sich einmal über Alternativen zu diesen wahnsinnig strengen Normen unterhalten konnten, die Bauern dazu zwingen, so viele Erträge von ihren Feldern wegzuwerfen.

filmtogo: Normen ist ein gutes Stichwort. Im Film sieht man eine Bananenplantage in Kamerun, wo die Sprache von einer Norm ist wie viele Bananen an einer Staude sein dürfen. Wo kommen diese Normen her? Ich als Endverbraucher interessiere mich doch nicht dafür, ob meine Banane von einer Staude mit einer bestimmten Anzahl von Bananen stammt.

Valentin Thurn: Das ist richtig. Dem Verbraucher ist es egal. Der Handel will aber die Normen. Der bestellt die Ware von weit her und will genau wissen, was da kommt. Wir hatten eine Premiere des Filmes vor ein paar Tagen in Köln. Dort war der Staatssekretär aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium anwesend. Der hat das mit den Bananen so begründet, dass da sogar der Grad der Krümmung vorgeschrieben ist, weil das wichtig für den Transport wäre. Wenn die Bananen unterschiedlich gekrümmt wären, würde sie Druckstellen bekommen. Da wäre dann noch mehr kaputt. Das halte ich für eine Schutzbehauptung. Die Krümmung ist auch trotz der Normen nicht perfekt. Es ist immer noch ein Naturprodukt. Es hat eher etwas mit den Wünschen der Kunden zu tun. Und natürlich dem Wunsch und dem Bestreben des Handels möglichst viel Umsatz zu machen. Das ist eine psychologische Sache. Wenn etwas schön aussieht, kaufen wir es eher. Und in diesem Wettbewerb, in dem der Handel sich nun einmal befindet, wollen sie möglichst perfekt aussehende Produkte haben.

filmtogo: Woher kommt beim Kunden diese Gleichgültigkeit? Jeder von uns dürfte das kennen, dass man Essen erst einmal auf Vorrat kauft und im Kühlschrank bunkert um es dort dann im schlimmsten Fall schlecht werden zu lassen. Und dann muss erst ein Film wie ‚Taste The Waste‘ kommen um uns auf dieses verschwenderische Verhalten Aufmerksam zu machen.

Valentin Thurn: Ich glaube wir haben alle noch so ein bisschen die Erziehung unserer Eltern im Gedächtnis, die uns beigebracht haben, dass man Essen nicht wegwirft. Trotzdem macht es jeder und hat dabei ein schlechtes Gewissen. Es ist etwas, was wir nicht machen sollten. Das führt zum Verdrängen. Man will es nicht wahr haben. Das ist ein psychologischer Prozess. Was aber der tatsächliche Grund dafür ist, dass wir immer zu viel einkaufen, das hat uns ein Marktpsychologe schön erklärt. Doch ist hoch interessant. Der wird eigentlich von der Industrie dafür bezahlt, neue Produkte in diesen saturierten Markt reinzudrücken. Also aufzuzeigen, welches Produkt nur verkauft werden kann, wenn beim Kunden ein bestimmtes Bedürfnis geweckt wird. Dieser Marktpsychologe hat uns erklärt, dass wir eigentlich Optionen einkaufen. Wir kaufen zum Beispiel etwas ein, was uns beruhigen soll. Dann wollen wir etwas für Momente mit Freunden haben oder etwas, was uns im Beruf fit macht. Diese Produkte sollen dann bestimmte emotionale Situationen transportieren. Wir kaufen also nicht, was wir eigentlich brauchen, sondern was wir eigentlich gerne leben würden. Das passt dann aber nicht in unsere enge Woche. Wir haben ja nur eine beschränkte Zeit zur Verfügung. Am Ende der Woche ist dann da noch etwas im Kühlschrank. Da kommt dann das Mindesthaltbarkeitsdatum gerade recht. Wenn das abgelaufen ist, kann man die Lebensmittel, im Dienste der Gesundheit, wegwerfen. Für uns ist das eine tolle Ausrede.

filmtogo: Der Film zeigt aber auch Alternativen auf. Man könnte die Essensreste als Tierfutter verwerten oder es Essenstafeln spenden. Aber es werden stattdessen von den Supermärkten Zäune errichtet, so dass man an ihre Abfällt nicht mehr herankommt. Gab es da Statements von solchen Supermärkten, warum sie solche Maßnahmen ergreifen?

Valentin Thurn: Also die Märkte erklären das mit ganz abstrusen Behauptungen. Wenn da jetzt jemand in so einen Container geht und sich etwas herausholt, könnte er sich den Magen verrenken und anschließend die Supermarktkette verklagen. Das ist ungefähr so, als ob jemand in ein Haus einbricht, vom Geländer fällt und hinterher den Eigentümer des Hauses verklagen könnte. Das ist ja ziemlicher Quatsch. Der Hauptgrund ist, dass sie sich da nicht reinschauen lassen wollen. Die Öffentlichkeit soll nicht mitbekommen, was sie wegwerfen. Deswegen lügen sie so dreist, das muss ich leider sagen. Supermärkte sprechen dieses Thema nicht offen an. Manche sind engagiert. Sie geben viele ihrer Essensreste an Tafeln weiter. Das finde ich super. Aber das machen leider nicht alle. Das wäre aber auch sinnlos, denn so viele Bedürftige gibt es in Deutschland auch gar nicht, wie Essensreste vorhanden sind. Ein Supermarkt, der behauptet, er gäbe alle Reste den Tafeln und werfe nichts weg, der lügt. Und das tun viele.

filmtogo: Sie reden gerade von Supermärkten in Deutschland. Der Film zeigt diese Problematik im internationalen Vergleich. Haben sie da irgendwelche Unterschiede bemerkt oder ist es überall dasselbe Problem?

Valentin Thurn: Es ist überall dasselbe. Wir sind deswegen ins Ausland ausgewichen, weil uns deutsche Supermärkte nicht drehen lassen wollten, wie sie ihre Lebensmittel in den Müll werfen. Im Ausland haben wir dann auch lange suchen müssen. Wir hatten dann das Glück, dass wir einen sehr engagierten Supermarkt-Chef in Frankreich gefunden haben. Die Franzosen sind sogar noch ein wenig verrückter als die Deutschen. In Deutschland werden Milchprodukte zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert. In Frankreich sind es sechs Tage. Aber auch in Deutschland gibt es inzwischen einen Discounter, der damit wirbt, dass er die Produkte sechs Tage vorher aus den Regalen nimmt. Der wirbt auch noch damit.

filmtogo: Aber um auch einmal auf die Alternativen zu sprechen zu kommen. Als Beispiel seien die Szenen aus New York genannt. Die Rooftop Gardens oder die Bienenzucht auf den Dächern der Großstadt. Dort funktioniert es. Ist es denkbar, dass sich solche Projekte ausbreiten?

Valentin Thurn: Das verbreitet sich ja jetzt schon. Urban Gardening verbreitet sich schon in Deutschland. Gerade für Städte die schrumpfen, wo also zwischen den Häusern Plätze entstehen, ist das eine interessante Alternative. In Detroit gibt es hierzu ein riesiges Projekt, das könnte vielleicht auch für Ostdeutschland interessant sein. Ich glaube, in den meisten anderen Städten ist es eher im psychologischen Bereich zu sehen. Man kann keine ganze Stadt mit solchen Gärten ernähren. Es hilft natürlich viele frische Produkte, die schnell verderben, wie Salat oder Kräuter, direkt beim Verbraucher zu haben. Das ist wunderbar. Aber man wird auch weiterhin vom Land einkaufen müssen. Aber wenn man selber erntet, wenn ich selber weiß, wie unterschiedlich die Produkte auf dem Feld wachsen, dann sehe ich sie mit ganz anderen Augen. Dann entwickele ich eine Wertschätzung für mein Essen. Ich habe dann auch ein Wissen darüber, was gut ist und was schlecht ist. Dann kaufe ich auch ganz anders ein.

filmtogo: Hat sich in ihrem eigenen Konsumverhalten bei Lebensmitteln etwas verändert?

Valentin Thurn: Ja schon. Eigentlich bei allen aus dem Filmteam. Ich ahnte schon immer, dass das mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum nur so ein Anhaltspunkt ist und nichts mit Gesundheitsgefährdung zu tun hat. Jetzt weiß ich es aber wissenschaftlich geprüft. Das haben wir gut recherchiert. Ich weiß jetzt sicher, dass es okay ist, wenn ich den Joghurt vier Wochen später öffne und er noch gut riecht, ich ihn auch noch essen kann. Wir haben aber tatsächlich unsere Methoden verfeinert, wie wir mit Resten umgehen. Wir haben drei Kinder. Die Essen schon mal wie die Scheunendrescher. Dann essen sie aber auch mal weniger. Sowas zu planen ist schwer. Also Nudeln würde ich jetzt ungern einfrieren. Die werden matschig. Aber Reis und Gemüse kann man wunderbar einfrieren und was Neues daraus zaubern.

filmtogo: Ihre Kino-Tour mit ‚Taste The Waste‘ dauert nun ja schon ein wenig an. Haben sie bereits mitbekommen, wie das Publikum größtenteils auf den Film reagiert? Werden die direkt nach dem Film geläutert, sind sie überrascht oder gab es sogar Menschen, die das alles eventuell für Humbug hielten?

Valentin Thurn: Nein, das Menschen sagen, dass wäre Humbug, haben wir gar nicht erlebt. Es gab aber schon ein paar Nachfragen, ob das wirklich alles so stimmt. Einer hat es mal auf den Punkt gebracht. Ich fand, es war eine schöne Formulierung wie er meinte, dass man sich ertappt fühle. Wenn ich das Gefühl auslösen konnte, dann freut mich das. Wir sind in einem System der Verschwendung. Wir stecken da mittendrin. Wir können uns da auch nicht so leicht heraus stehlen und sagen wer der Bösewicht ist. Ich will allerdings die Politik und die Wirtschaft nicht aus der Verpflichtung entlassen. Auch die haben ihren Anteil und müssen etwas tun.

filmtogo: Warum haben sie sich entschieden ‚Taste The Waste‘ in die Kinos zu bringen? Der Trend besteht seit einiger Zeit, dass immer mehr Dokumentationen auch in die Kinos kommen. Denken sie, dass man die Menschen eher im Kino erreicht als im Fernsehen?

Valentin Thurn: Im Fernsehen kann man Menschen schon schocken und erreichen. Aber es ist bei vielen Menschen eben noch ein Nebenher-Medium. Es wird nebenbei gebügelt oder sonst etwas getan. Es wird weggezappt und nur ein Teil des Filmes angeschaut. Im Kino sind viel weniger Zuschauer als im Fernsehen, zumindest wenn man die großen Sender betrachtet. Aber man erreicht die Menschen im Kino ganz anders. Ich habe oft von Menschen gehört, dass sie nach einem Kinofilm politisiert waren. Ich habe von Leuten ein ganz großes Lob gehört, die ein Gartenbau und Selbst-Ernte-Projekt vor den Toren von Köln eröffnet haben. Sie meinten, sie hätten ‚We Feed The World‘ gesehen und hätten danach etwas anders machen wollen. Wenn ein Kinofilm so etwas auslösen kann, ist das schön.

filmtogo: Und was würden sie sich wünschen, was ‚Taste The Waste‘ bewirken soll?

Valentin Thurn: Jeder wird selbst herausfinden müssen, was ihm zusagt. Der Eine wird sich um seltenes Gemüse oder Obstsorten kümmern. Der Nächste wird vielleicht sagen, dass er etwas gegen Klimawandel oder Welthunger tun möchte. Der Übernächste wird vielleicht im privaten Bereich besser einkaufen. Das sind alles Dinge, die man für sich selbst entscheiden muss. Aber mein Ziel wäre, dass die Menschen zu mehr Wertschätzung für die Lebensmittel zurückfinden.

Das Interview führte Denis Sasse