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Interview mit Christiane Heuwinkel (Murnau-Gesellschaft) Teil 2 von 2

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Friedrich Wilhelm Murnau

filmtogo: Bleiben wir mal bei Murnaus Filmen und springen von ‚Tabu‘ noch einmal zu ‚Nosferatu‘ zurück. Ein Film, der auf dem klassischen Roman ‚Dracula‘ von Bram Stoker basiert, aber nicht unter diesem Titel veröffentlicht werden durfte.

Christiane Heuwinkel: Er musste den Titel ‚Nosferatu‘ wählen, weil er die Rechte nicht bekam um den Originaltitel von Bram Stoker zu verwenden. Das war aber eigentlich eine gute Sache, weil der Name einfach wundervoll klingt. Es ist sehr musikalisch und melodisch und gab Murnau außerdem die Freiheit, sich von Bram Stokers Vorlage zu lösen. Da ist der Film eigentlich auch mehr als eine bloße Literaturverfilmung, obwohl es natürlich nach wie vor die Geschichte der Handlung ist.

'Der letzte Mann' (1924)

filmtogo: Murnau hat sehr viele Filme für die UFA in Deutschland gedreht. Einer dieser Filme war auch ‚Der letzte Mann‘, durch den er international Aufmerksamkeit erlangen konnte. Er ist dann nach Hollywood gegangen und hat dort weiter Filme produziert. Unterscheiden sich Murnaus Hollywood Filme von denen, die in Deutschland entstanden sind?

Christiane Heuwinkel: Ja, aber ich glaube was viel wichtiger ist, ist das er von Film zu Film etwas Neues gemacht hat. Er hat in sehr kurzer Zeit so unterschiedliche Dinge gemacht. Wenn man an ‚Nosferatu‘ denkt, ist das ein Film, der eine Ästhetik des 19. Jahrhunderts zelebriert. Da sind Räume, die manchmal an die Biedermeier-Epoche erinnern, manchmal aber auch gotische Innenräume darstellen. Dann geht er auf einmal mit ‚Der letzte Mann‘ in die Aktualität der Großstadt, wo er eine ganz andere Sicht auf die Welt hat. Es ist das Neue, das Moderne, das urbane, großstädtische Berlin, mit diesen Abgründen, die er durch die Figur des letzten Mannes spiegelt. Aber auch die Kamera macht dann etwas anderes. Dieser ganz berühmte fliegende Ton einer Trompete ist eine unglaubliche Erfindung, die aber auch nur in einem solchen Raum, wie er hier gezeigt wird, passieren kann. Dann ist er nach Hollywood gegangen und musste dort mit den großen Begrenzungen klar kommen. In Berlin hatte er sich einen gewissen Ruhm erarbeitet. Er konnte zwar nicht machen was er wollte, hatte aber unglaubliche Freiheiten. Das Studiosystem in Hollywood war schon damals strenger. Um ‚Tabu‘ hat er sehr kämpfen müssen. Außerdem hat er sich mit dem berühmten Dokumentarfilmer Robert Flaherty zerstritten, mit dem zusammen er ‚Tabu‘ drehen wollte. Aber Flaherty hatte das Gefühl, dass Murnau zu sehr inszeniert. Aber Murnau ging es immer darum eine Wahrheit durch Inszenierung zu zeigen. Natürlich muss man auch überlegen, inwieweit die Filme von Flaherty inszeniert waren. Aber es war eigentlich auch gar nicht Hollywood, was Murnau als ein anderes System erlebt hat. Für ihn wäre der Tonfilm ein anderes System gewesen. Durch den tragischen Unfall ist es leider nicht zu dieser Begegnung gekommen. Es wäre sicher interessant gewesen zu sehen, wie es für jemanden ist, der es schafft Ton durch Bild auszudrücken, jetzt mit der Herausforderung des Tonfilms konfrontiert wird, an dem andere Filmregisseure durchaus gescheitert sind.

filmtogo: Kommen wir mal aus Hollywood zurück nach Bielefeld und zur Murnau-Gesellschaft. Sie kümmern sich um die Organisation des Film+Musikfestes. Aber was sind noch die Aufgaben der Murnau-Gesellschaft?

Christiane Heuwinkel: Die Murnau-Gesellschaft ist ein bürgerlicher Verein. Wir sind etwa 90 Mitglieder. Wir haben das Film+Musikfest als unseren Schwerpunkt. Das ist dass, womit wir uns über das Jahr beschäftigen. Der Vorstand, der die Planung vor allen Dingen übernimmt, sowie Jürgen Hillmer vom Lichtwerk und Ronald Herzog vom Filmhaus, sind das Team, welches wirklich aktiv arbeitet. Wir sind alle Berufstätige Menschen, darum konzentrieren wir uns auf diesen Schwerpunkt. Es gibt noch kleinere, filmwissenschaftliche Veranstaltungen, die für Mitglieder des Vereins sind. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass sich unsere Mitglieder wahnsinnig auf das Film+Musikfest freuen. Das ist für sie das Wichtigste. Wir machen aber auch diese kleinen Veranstaltungen zu Themen, die uns interessieren. Die können sich auch mal vom Stummfilm entfernen. Das kann auch mal was Aktuelles sein, es kann ein experimenteller Film sein, das kann aber auch ein angrenzendes Gebiet sein. Aber wirklich intensiv beschäftigen wir uns mit dem Film+Musikfest.

filmtogo: Es gibt in Wiesbaden noch die Murnau-Stiftung. Inwiefern unterscheidet sich die Stiftung von der Gesellschaft?

Christiane Heuwinkel: Das ist etwas völlig anderes. Die Murnau-Stiftung ist aus dem filmischen Erbe des dritten Reichs hervorgegangen. Die Filmgesellschaften wie die UFA oder Universal, die mit dem zweiten Weltkrieg endeten, wurden in eine Stiftung überführt. Das bedeutet, dass die Filmrollen sowie die Filmrechte dorthin übergeben wurden. Die Murnau-Stiftung in Wiesbaden hat sich dann natürlich den berühmtesten Namen als Leitmotiv und Motto genommen. Sie haben auch viel mehr Aufgaben. Dazu gehören die Restaurierung, Präsentation und das Verfügbar machen von Material aus dieser frühen Zeit. Es geht auch darum, immer mehr Aktuelles, aus den 50er Jahren bis heute zu sammeln und zu rekonstruieren. Die Murnau-Stiftung hat sich in den letzten Jahren aber noch einmal sehr verändert. Sehr viel von ihrem Material ist nicht sichtbar, weil es in einem Salzstollen weit unter der Erde liegt. Man muss sich das einmal vorstellen, dass da riesige Räume sind, in denen die Filmrollen bei einer bestimmten Temperatur und Luftfeuchtigkeit gelagert sind. Außerdem gibt es inzwischen auch das Murnau-Filmhaus. Das ist ein ganz neues, tolles Kino in Wiesbaden, in dem man in den letzten Jahren auch verstärkt Filmprogramme vorführt. Sowohl aktuelle Dinge, als auch aus ihrem Bestand oder Filme, an denen sie arbeiten und die sie am rekonstruieren und restaurieren sind. Die beiden letzten großen Taten waren ‚Metropolis‘ von Fritz Lang, welcher 2010 in Bielefeld gezeigt wurde und ‚Die Nibelungen‘ in der rekonstruierten und restaurierten Fassung. Die ist Anfang Oktober auf ARTE zu sehen gewesen. Zum ersten Mal für Fernsehzuschauer. Aber in Bielefeld laufen ‚Die Nibelungen‘ mit einem Live-Orchester. Es ist erst das dritte Mal, dass dieser Film in seiner neuen Fassung gezeigt wird. Das erste Mal war die Uraufführung in Berlin, die im April 2010 stattfand. Dann wird sie jetzt in Bielefeld und Braunschweig gezeigt. Das ist eine Kooperation mit dem Braunschweiger Staatstheater, die ‚Die Nibelungen‘ am 11. November zeigen. In Bielefeld laufen sie dann einen Abend danach. Da läuft auch eine sehr enge Kooperation mit der Murnau-Stiftung. Wir beziehen natürlich viele Filme von der Stiftung. Wir haben das Glück, dass wir inzwischen sehr gute Konditionen bekommen. Die Stiftung ist natürlich auch gehalten, Einnahmen zu generieren. Dafür haben sie einen eigenen Vertrieb und Verleih. Das ist die Transit Film. Das ist sozusagen der kommerzielle Arm der Stiftung. Die Stiftung restauriert und rekonstruiert. Der Verleih verleiht und sorgt für die Einnahmen.

filmtogo: Ich mag bei den ganzen Ausführungen zu ‚Die Nibelungen‘ kaum fragen, aber um noch einmal auf das Film+Musikfest zu sprechen zu kommen: Was ist ihr persönliches Highlight?

Christiane Heuwinkel: Das ist natürlich ‚Die Nibelungen‘, das kann ich nicht anders sagen. Darf ich noch ein zweites Highlight nennen?

filmtogo: Ja, gerne dann die zwei Highlights des Festivals.

'Die Nibelungen' (1924)

Christiane Heuwinkel: Also ‚Die Nibelungen‘ sind es natürlich, weil es eine so große, uns alle überfordernde Sache ist. Das haben wir noch nie gemacht. Ich bin sehr gespannt, ob da Besucher kommen, weil viele vor den fünf Stunden Laufzeit zurückschrecken. Das muss man aber durchhalten, denn wann gibt es das nochmal? So toll es ist, wenn es auf ARTE läuft, aber wer möchte das im Fernsehen sehen? Dieser Film braucht die große Leinwand. Die Rekonstruktion zeigt, dass dieser Film eine visuelle Qualität hat, die man vorher nur erahnen konnte. Es war so, dass die Schwarz/Weiß-Fassung, uns über viele Kopien überliefert war. Das heißt, dass die ganzen Schattenstufen und Grauschattierungen überhaupt nicht mehr zu sehen waren. Die Bilder haben dadurch eine Primitivität bekommen, bei der man häufig nur an Muster und eine große Metzelei dachte. Das stimmt aber überhaupt nicht. Vor allen Dingen kommen jetzt Szenen und die letzten beiden Gesänge hinzu, die vorher nicht zu sehen waren. Man kann ‚Die Nibelungen‘ also zum ersten Mal fast vollständig sehen, so wie Fritz Lang es sich damals gedacht hat. Dazu kommt, dass wir das mit einem großen Orchester machen. Da sind dann 70 Menschen auf der Bühne. Das ist auch für die Musiker eine große physische Anstrengung. Es gibt keine Orchesterpartie, die so lang ist. Das ist also wirklich eine ganz große Sache. Darauf freue ich mich, weil mir klar ist, dass ich das einmal sehen werde und dann nie wieder. Der andere Film auf den ich mich freue, weil ich ihn nicht kenne, ist ‚Lonesome‘. Wir haben uns für diese großen Veranstaltungen vorgenommen, immer bekannte Sachen zu zeigen, damit wir das Publikum, vielleicht auch zum ersten Mal, auf das Thema Stummfilm Aufmerksam machen. Aber dazu müssen es natürlich Filme sein, die eine gewisse Massentauglichkeit haben. Da wir das alles zu unserem Spaß machen, möchten wir natürlich auch Filme zeigen, die wir sehen möchten und die wir noch nicht kennen. Wir hoffen, dass wir da Trouvaillen finden. Bei ‚Lonesome‘ vermuten wir genau das. Das ist ein Tipp von Daniel Kothenschulte gewesen. Er ist Filmkritiker für die Frankfurter Rundschau und arbeitet für die Kunstzeitschrift Monopol. Das Interessante bei ihm ist, dass er ein enzyklopädisches Filmgedächtnis hat und gleichzeitig Stummfilmpianist ist. Er hat uns schon häufiger Filme empfohlen und sie dann begleitet. Das wird am 10. November 2011 wieder so sein. Dann zeigt er im Bielefelder Cinestar ‚Lonesome‘. Das Besondere ist, dass dieser Film von dem Ungarn Pál Fejös, der in den USA gearbeitet hat, sich stark auf Murnau bezieht. Deswegen bin ich da gespannt drauf. Die zeitgenössischen Filmkritiken haben diese Nähe der Bildästhetik gelobt. Das muss ein visuell ausgepichter Film sein. Er hat auch ein ganz modernes Thema: Es geht um Angestellte in New York, die sich durchs Leben schlagen. Ihre kleinbürgerliche Vergnügung erleben sie auf Coney Island. Das sind auch Schauwerte. Coney Island ist heute eher lächerlich, wenn man sich das anschaut. Aber das war damals natürlich das Vergnügungszentrum. Dass wird dann im harten Kontrast zu den Mietskasernen gezeigt, in denen das Paar wohnt, das sich eben nicht findet – oder wir wissen es nicht genau, wie es enden wird. Da glaube ich, dass das etwas ganz tolles ist. Das Interessante ist, dass das Leitmotiv in diesem Film ein musikalisches Motiv ist. Eine Melodie, die das Paar verbindet. Da bin ich sehr gespannt, wie das filmisch gelöst wurde.

Das Interview führte Denis Sasse

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