Friedrich Wilhelm Murnau

1988 hat sich in Bielefeld zum 100. Geburtstag des Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau die Murnau-Gesellschaft gegründet. Christiane Heuwinkel ist im Bereich Bildung und Kommunikation in der Kunsthalle Bielefeld tätig und ist seit Beginn in der Murnau-Gesellschaft aktiv. Als in Bielefeld, dem Geburtsort des Regisseurs, sein Geburtstag mit einer Ausstellung in der Volkshochschule gefeiert wurde, haben sich etwa zwanzig Leute zusammen gefunden und den Verein gegründet. Christiane Heuwinkel ist seit elf Jahren die Vorsitzende der Murnau-Gesellschaft – gemeinsam mit Heidi Wiese und Gisela Balzert. Hinzu kommt noch die Geschäftsführerin Sabine Ernst. Gemeinsam haben sie das Film+Musikfest übernommen, welches von Anfang an ein zentraler Punkt im Jahresprogramm der Murnau-Gesellschaft war.

filmtogo hat sich mit Christiane Heuwinkel über den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau unterhalten, zu dessen Ehren alljährlich das Film+Musikfest veranstaltet wird. Aber auch persönliche Einschätzungen und die Arbeit der Gesellschaft, sowie die Murnau-Stiftung in Wiesbaden waren ein Thema in dem Interview.

filmtogo: Haben sie einen Lieblingsfilm von Friedrich Wilhelm Murnau?

Christiane Heuwinkel: Das ist bei Murnau schwer zu sagen. Er hat so unterschiedliche Filme gemacht. Er hat so viele Genres bedient und im Grunde sogar begründet, dass es da einfach sehr viele gute Filme gibt. Das ist also eine sehr schwere Frage. Aber ich glaube, dass ich nach wie vor eine Vampiristin bin. Daher ist ‚Nosferatu‘ mein Lieblingsfilm, weil er visuell einfach der unglaublichste Film von Murnau ist.

filmtogo: Da haben sie wahrscheinlich schon eine gute Antwort für die nächste Frage geliefert. Murnau gilt als einer der größten Stummfilmregisseure. Inwiefern hebt er sich von anderen Regisseuren seiner Zeit ab? Was macht ihn zu einer solchen Größe?

'Nosferatu' (1922)

Christiane Heuwinkel: Ich glaube, dass Murnau nicht nur so viele unterschiedliche Genres begründet hat, sondern in ihnen ikonische Bilder erschaffen hat. Das ist das Besondere. Wenn sie den Vampirfilm angucken, zeigt Murnau das Grauen indirekt. Sie sehen den Schatten an der Wand hochsteigen. Das ist das Besondere. Es ist nicht die Figur des Nosferatu, sondern der Schatten, der das Grauen ist. Es ist der Biss des Vampirs, der in diesem Fall nicht den Tod bringt, sondern die Erlösung. Es ist ein sehr erotischer Moment, was bei Murnaus Interpretation des Nosferatus erst deutlich wird. Auch das Nosferatu jemand ist, mit dem man sich viel mehr identifizieren kann als mit der simpel gestrickten Figur des Hutter. Er ist der junge Mann, der so naiv in die Karpaten fährt und überhaupt nicht merkt, was sich da eigentlich abspielt. Die Einsamkeit des Vampirs, der auf Erlösung sinnt, das ist jemand mit dem wir Zuschauer uns identifizieren können. Murnau hat es geschafft ihn so ins Zentrum zu stellen, dass Nosferatu als wirklich menschliche Figur erscheint. In einer Szene kommt er mit seinem Schiff an, hat seinen Sarg auf den Schultern und tippelt durch Wismar. Dann sieht man ihn auf diesem riesigen Platz und es ist diese unglaubliche Einsamkeit, die uns mit dem Vampir mitfühlen lässt. Gleichzeitig ist der Film visuell interessant. Das beginnt schon bei den Zwischentiteln. Die sind im Stummfilm sonst nicht so wichtig. Manche Regisseure haben sie aber zu einer eigenen Kunstgattung innerhalb dieses Filmgenres gemacht – und das hat Murnau bei ‚Nosferatu‘ auch getan.

filmtogo: Weiß man bei der ganzen Visualität, ob es für Murnau irgendwo Inspirationen gab? Gab es andere Regisseure an deren Arbeiten er sich orientiert hat? Gab es Ereignisse in seinem Leben, die Einfluss auf seine Filme nahmen? Waren da Motive, die auf seine Filme einwirkten?

Christiane Heuwinkel: Es gab natürlich Motive und Bildhintergründe bei Murnau. Die kamen aber weniger aus Filmen. Er war im Grunde einer der Filmpioniere. Für ihn war Max Reinhardt eine wichtige Person. Murnau hat als junger Mann in Berlin bei Max Reinhardt gearbeitet, nachdem er zuvor Kunstgeschichte studiert hat. Das kann man wunderbar in seinen Filmen sehen. Man sieht wirklich Kunstgeschichte. Es gibt ein zweibändiges, riesiges Kompendium von Luciano Berriatúa, einem spanischen Filmwissenschaftler, der diesen Bildquellen nachgegangen ist. Es ist also vor allem die Kunstgeschichte, aber auch Max Reinhardt und sein Theater, das damals in Berlin sicher das avancierteste war. Murnau hat dort als Schauspieler gearbeitet und die Bildräume in sich aufgenommen. Das ist der Bildkosmos von Murnau.

filmtogo: Wo wir gerade bei den Anfängen des Regisseurs sind, kommen wir doch einmal auf seinen Namen zu sprechen, nach dem sich auch die Murnau-Gesellschaft benannt hat. Eigentlich heißt er mit Nachnamen Plumpe. Wo kommt der Name Murnau her?

Christiane Heuwinkel: Ich glaube es war eine gute Idee, seinen Namen zu ändern. Wenn man mit einem Namen wie Plumpe versucht Weltruhm zu erlangen, wäre es sicher etwas schwieriger geworden. Es war aber die Distanzierung von seiner Familie, die einen Hintergrund hatte, der sehr Bielefeld-typisch war. Seine Eltern waren Textilfabrikanten. Sein Vater war ein gescheiterter Textilfabrikant. Es war eine Familie, die mit Kunst, mit bildender Kunst und mit Musik nichts zu tun hatte. Von daher lag eine gewisse Abnabelung sehr nahe. Und dann wissen wir, dass er in Murnau am Staffelsee wohl seine erste große Liebe hatte. Das war Hans Ehrenbaum-Degele, ein junger expressionistischer Schriftsteller, der dann im ersten Weltkrieg als Soldat ums Leben gekommen ist. Das war wohl also auch eine Reminiszenz an diese glückliche Zeit. Für Murnau aber sicher auch so etwas wie ein Coming-Out.

filmtogo: Da haben sie schon seine Homosexualität angesprochen, was damals noch lange nicht so toleriert wurde wie heutzutage. Hat ihm das als Filmemacher Probleme bereitet?

'Tabu' (1931)

Christiane Heuwinkel: Es hat ihm menschlich zu schaffen gemacht. Er musste es nämlich verbergen. Es war nicht nur verpönt, sondern komplett verboten. Es gab den Paragraphen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Gleichzeitig war das Berlin der 20er Jahre eine Gesellschaft, in der man sehr offen lebte. Murnau hat seine Homosexualität gegenüber seiner Familie verbergen müssen. Wir wissen aber durch Aussagen von Zeitzeugen, dass er mit einer Selbstverständlichkeit gelebt hat, die auch nicht weiter hinterfragt wurde. Das durfte auch nicht passieren. In seinen Filmgeschichten gibt es natürlich auch immer wieder die Überlegung, ob da Anspielungen vorhanden sind. Es gab mal die Theorie, dass Fausts Gretchen als so unattraktiv dargestellt wird, weil Murnau keine erotische Bindung zu Frauen hatte. Das glaube ich in dem Fall aber eher nicht. Ich denke, dass es ihm um so einen Urtypus der Gretchen ging. Da spielte die Homosexualität keine Rolle. Bei seinem Film ‚Tabu‘ ist es da schon etwas anders. Der wurde auch später gedreht. Es ist sein letzter Film, der in der Südsee entstanden ist. Da sieht man, wie das Pärchen – natürlich ein heterosexuelles Paar – ihre Liebe nicht ausleben darf, weil das junge Mädchen für den jungen Mann tabu ist. Da ist dieser Konflikt zwischen der Gesellschaft und dem privaten Glück. Dieser grundsätzliche Konflikt, der auch Murnaus Leben begleitet hat, ist da aus distanzierter Sichtweise, übertragen auf ein heterosexuelles Paar, zum Thema gemacht worden.