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Interview mit Aylin Tezel zu “Am Himmel der Tag”

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© Anja Joos Management / Aylin Tezel ist ab dem 29. November 2012 in “Am Himmel der Tag” zu sehen.

Schon 2011 hatte filmtogo.net die Möglichkeit sich mit der Schauspielerin Aylin Tezel zu treffen und mit ihr über ihren damaligen Film „Almanya“ zu sprechen. Das Interview findet ihr [an dieser Stelle]. Nun ist die „Tatort“-Kommissarin für Dortmund als schwangere Architektur-Studentin in ihrem neuen Film „Am Himmel der Tag“ zu sehen. Diesen präsentiert sie derzeit auf einer Kinotour, ist u.a. am Mittwoch, den 28. November 2012 in ihrer Heimat Bielefeld zu Gast, wo sie den Film von Regisseurin Pola Beck im Lichtwerk im Ravensberger Park vorstellen wird. Bereits im Vorfeld konnte sich filmtogo.net erneut mit Aylin Tezel unterhalten.

filmtogo.net: Lara ist in dem Film eine ziemliche Herumtreiberin, in dem Sinne, dass sie nicht so wirklich weiß, wo ihr Platz im Leben ist. Aber mit ihrer Schwangerschaft hat sie auf einmal ein Ziel vor Augen. Gab es bei ihnen auch schon einmal einen solchen Moment, wo sie nicht wussten wohin es gehen soll? Oder war ihnen ihr Ziel immer vor Augen?

Aylin Tezel: Ich war 15 als ich beschlossen habe Schauspielerin zu werden. Natürlich wusste ich damals nicht, ob es klappt, aber ich war mir sicher dass ich es zumindest versuchen müsse. Durch meinen Bielefelder Tanzlehrer habe ich schon im Teenageralter eine Ausbildung für die Bühne genossen und konnte die Erfahrung die ich im Tanzen gesammelt habe auch für meine Schauspielarbeit nutzen. Aber die Angst vor eigenem Versagen und davor dass es doch alles nicht so läuft wie man es sich erhofft verliert man wohl nie. Ich bin aber davon überzeugt dass es sich lohnt trotz dieser Angst den Schritt ins Ungewisse zu wagen. Lara aus „Am Himmel der tag“ weicht diesem Schritt aus. Sie weiß dass sie den Beruf auf den ihr Studium abzielt nicht ausüben möchte, aber schreckt davor zurück sich für ihre eigentlichen Träume einzusetzen. Sie lässt sich treiben, reagiert auf die Wünsche ihres Umfelds anstatt sich wirklich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Erst die Schwangerschaft bietet ihr ein Zukunftsbild, das sie mag. Allerdings ist auch das ein Ereignis, das ihr passiert, für das sie sich im Vorfeld nicht bewusst entschieden hat.

filmtogo.net: Da gibt es diese vielschichtige Liebesgeschichte, bei der ich das Gefühl hatte, dass Lara gar nicht so sehr auf ihre Freundin Nora eifersüchtig ist, sondern eher auf den Dozenten, der mehr Nora bekommt als sie. Der Film beginnt ja auch mit homoerotischen Szenen. Der Film macht da keine klare Aussage, aber wurde vielleicht hinter den Kulissen klar definiert, wie Lara wirklich zu Nora steht? Bloße Freundschaft oder mehr?

Aylin Tezel: Der Drehbuchautor Burkhardt Wunderlich und auch die Regisseurin Pola Beck haben sich dazu entschieden, viele Fragen offen zu lassen. So erfährt der Zuschauer nicht eindeutig, ob zwischen den beiden jungen Frauen mehr ist als nur Freundschaft. Ich finde es schön, dass der Film da Lücken lässt, über die man sich im Nachhinein noch Gedanken machen kann. Ich für meinen Teil habe klar definiert in wen Lara verliebt ist, aber ich lasse dem Zuschauer gerne den Raum für eine eigene Interpretation.

filmtogo.net: Da gibt es in dem Film diese große Wende, wo Laras Lebensweg sich schon wieder in eine andere Richtung dreht. Sie verliert ihr Baby. Wie fühlt man sich als Schauspielerin in so eine seelische Situation ein?

Aylin Tezel: Laras Verlust darzustellen ist natürlich eine große schauspielerische Herausforderung und erfordert dass man sich mit dem Schmerz der Figur sehr genau auseinandersetzt. Ich habe in meiner Vorbereitung die Möglichkeit gehabt mit einem jungen Paar zu sprechen die ihre Erfahrungen in einem Dokumentarfilm verarbeitet haben. „Stille Geburt- Vater, Mutter und (k)ein Kind“ von Melanie und Axel Endler begleitet Frauen und Paare die ihre Kinder verloren haben und sie „still“ gebären mussten. Es ist ein wichtiges Thema, dem ein gewisses Tabu anhaftet. Für das Umfeld der Betroffenen ist es schwer eine Trauer um einen Menschen mitzutragen, den sie nicht gesehen und kennengelernt haben, weil seine Lebenszeit bereits im Mutterleib endete. Für die Eltern aber denen dieses Schicksal widerfährt ist es der Verlust ihres geliebten Kindes und für sie hat es bereits mit ihnen gelebt.

filmtogo.net: Nimmt man diese Traurigkeit und Verzweiflung nach dem Dreh auch mit nach Hause, kann man die vielleicht erst wieder mit Beendigung des Films ablegen oder kann man sowas relativ einfach wieder von sich abstreifen? Wie sehr ist man also emotional involviert?

Aylin Tezel: Man ist immer emotional involviert. Bei jeder Rolle. Man ist ja keine Maschine die man an und ausstellen kann. Die Themen und Gedanken deiner Figur musst du als Schauspieler bewusst an dich ranlassen. Sonst kannst du ja kein Gefühl für die Situation deiner Rolle entwickeln. Man beschäftigt sich immer auch als Mensch mit den Thematiken die einen Filmstoff behandeln. Bei Lara habe ich einfach große Dankbarkeit empfunden, sowohl dafür dass ich selbst nicht in ihrer Situation war, als auch dafür dass mir diese Rolle ermöglicht hat mich diesem Thema zu nähern. Und auch dem Ehepaar Endler war ich sehr dankbar dafür dass sie sich mir mit ihrer Geschichte geöffnet haben.

filmtogo.net: Das ist der Abschlussfilm der Regisseurin Pola Beck an der Hochschule Film und Fernsehen. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Aylin Tezel: Pola und ich haben uns gegenseitig vertraut und wussten dass wir uns aufeinander verlassen können. Ich halte die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Schauspieler für immens wichtig und wenn sie gut funktioniert kann es für beide Seiten ein großes Geschenk sein. Pola ist noch sehr jung und hat mit „Am Himmel der Tag“ ihre erste Regiearbeit für einen Langfilm vorgelegt. Sie ist eine starke Frau, sehr klar in ihren Vorstellungen. Sie war an stressigen Drehtagen mein Fels in der Brandung, hat immer die Ruhe bewahrt und nie ihr Ziel aus den Augen verloren. Das ist eine große Leistung, denn der Beruf des Regisseurs erfordert meiner Meinung nach viele Talente. Eine künstlerische Vision entwickeln und vertreten, ein Team führen und motivieren, Schauspieler lenken und zum Erblühen bringen, Produzenten einbinden und mit auf die Reise nehmen. Es ist eine große Aufgabe.

filmtogo.net: Nun sind sie „Tatort“-Kommissarin und übernehmen Haupt- und Nebenrollen in Spielfilmen. Wie lebt es sich mit so jungen Jahren mit einem wahrscheinlich recht gut gefüllten Terminkalender? Hat man da auch mal Angst, Dinge zu verpassen?

Aylin Tezel: Ich bin sehr demütig was meinen Beruf angeht, weil ich ihn wirklich mag und weil ich weiß wie schnell sich Situationen auch wieder ändern können. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass ich die Chance bekomme in einem Film wie „Am Himmel der Tag“ zu spielen. Natürlich haben wir Schauspieler und Filmemacher einen anderen Arbeitsrhythmus als es in vielen anderen Berufen der Fall ist. Und natürlich stellt man sein Leben darauf ein, das passiert ja ganz automatisch. Aber die Dinge die einem neben dem Beruf wichtig sind, um die muss man sich einfach kümmern. Ich glaube es ist nicht gesund dem Gedanken etwas zu verpassen zu viel Raum zu geben. Jeder Mensch entscheidet sich für einen Lebensweg und man kann nun mal nicht viele Leben auf einmal leben. In unserer heutigen Zeit wird einem doch sowieso ständig suggeriert man würde so viel verpassen. Diese Allzeit- Erreichbarkeit und Informationsflut durch Smartphones, facebook, Twitter und Co lassen uns manchmal vergessen wie schön es ist einfach nur im Moment zu sein. Keine Angst zu haben Dinge zu verpassen, sondern im Hier und Jetzt zu sein. Ich versuche mich mindestens einmal am Tag daran zu erinnern.

filmtogo.net bedankt sich für die Interview-Möglichkeit bei Aylin Tezel. Das Interview führte Denis Sasse. Der Film „Am Himmel der Tag“ von Regisseurin Pola Beck startet am 29. November 2012 in den deutschen Kinos.

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