Filmkritik

“In Your Eyes” von Brin Hill

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Zoe Kasdan als Rebecca in Brin Hills "In Your Eyes" nach einem Drehbuch von Joss Whedon

Zoe Kasdan als Rebecca in Brin Hills “In Your Eyes” nach einem Drehbuch von Joss Whedon

Ein Junge fällt von seinem Stuhl. Er saß vorher inmitten seiner Schulklasse und starrte wie benommen in die Leere. Verkrampft hält er sich an den beiden vorderen Kanten seines Tischs fest, als würde er gerade Achterbahn fahren. An einem gänzlich anderen Ort liegt ein kleines Mädchen auf ihrem Schlitten, die Abfahrt von einem hohen Berg steht kurz bevor. Sie klammert sich an ihrem Gefährt fest, gibt sich einen letzten Stoß und braust davon. Sie verliert die Kontrolle, der Schlitten wird immer schneller und schneller. Der Junge krallt sich immer tiefer in seinen Tisch. Das Mädchen rast auf einen Baum zu. Ihre Augen werden größer. Die Pupillen des Jungen weiten sich. Der Schlitten kollidiert mit dem Baum, der Junge wird von seinem Stuhl gerissen.

Wenn man den Titel In Your Eyes deuten möchte, so sieht Dylan mit den Augen von Rebecca und wie wir später erfahren, wenn sich beide im jungen Erwachsenenalter befinden, funktioniert diese geistige Übertragungsform auch andersherum. Dylan, dann gespielt von Michael Stahl-David, wird in einer Kneipe überraschend von hinten nieder geschlagen, daraus resultiert, dass Rebecca (Zoe Kazan) beim familiären Beisammensein vom Sofa geschleudert wird. Es ist verwirrend wie beängstigend, aber es ist die Prämisse von In Your Eyes, bei dem sich das Band zwischen diesen beiden Menschen immer weiter entfaltet, sie irgendwann sogar über die weite Entfernung von New Mexiko bis hin nach New Hampshire miteinander reden können, ohne dass sich einer der beiden in Anwesenheit des anderen befinden würde.

Michael Stahl-David als Dylan

Michael Stahl-David als Dylan

Auch der Zuschauer muss sich nicht mehr im Kino befinden um In Your Eyes zu Gesicht zu bekommen, auch DVD und Blu-ray sind nicht nötig – wohl auch noch gar nicht zu haben. Neue Distributionswege ermöglichen eben auch neue Formen Filme sehen zu können. Joss Whedon, seines Zeichens Regisseur des The Avengers-Blockbusters und derzeit mit den Dreharbeiten zur entsprechenden Fortsetzung beschäftigt, hat seine Freizeit mal wieder dazu genutzt, einem kleineren Projekt einen Stupser zu geben. Am Abend des 20. Aprils feierte der Film In Your Eyes auf dem Tribeca Filmfestival seine Premiere, jetzt schon wird der Film, dessen Drehbuch Whedon geschrieben hat, über die offizielle Homepage und den Kooperationspartner VIMEO als Stream angeboten. Produziert wurde In Your Eyes von Bellwether Pictures, von Whedon und Kai Cole gegründet, unter deren Banner bereits Whedons Ferienprojekt Much Ado About Nothing entstanden ist. Nun möchte man damit beginnen, sich mit alternativen Veröffentlichungsmöglichkeiten auseinander zu setzen. Gerade einmal fünf Dollar kostet das Filmvergnügen, erhältlich in englischer Originalsprache mit wahlweise Untertiteln in Spanisch, Deutsch, Portugiesisch, Französisch oder Japanisch. Während Whedon selbst mal eben nur das Drehbuch anfertigen konnte, sitzt Brin Hill auf dem Regiestuhl, von wo aus er seine Darsteller Zoe Kazan, Michael Stahl-David, Nikki Reed, Mark Feuerstein, Jennifer Grey und Steve Howey durch diese etwas andere romantische Liebesgeschichte dirigiert.

Gerade Zoe Kazan scheint dabei ein Faible für merkwürdige Beziehungsgeschichten zu haben. Noch in Ruby Sparks spielte sie die literarische Erfindung eines Autors, zum Leben erweckt durch dessen Kraft der puren Verzweiflung. Dort wie hier strahlt Kazan eine charmante Quirligkeit aus, zeigt sich als ein Typ Mensch, der so normal daherkommt und doch etwas Besonderes an sich hat, dass kaum zu fassen ist. Hier leidet sie nun unter einer laufenden Ehe – die aber schon ohne das unsichtbare Band zu Dylan zu hinterfragen ist – und erfreut sich jedes Moments der übernatürlichen Unterhaltung mit ihrer meilenweit entfernten Bekanntschaft. Natürlich sorgt das für reichlich Wirbel im Umfeld beider Menschen, die sich auf einmal überaus oft laut und intensiv mit sich selbst unterhalten.

Anfangs ist es gar nicht so einfach zu glauben, dass da noch wer ist, obwohl eigentlich niemand da ist.

Anfangs ist es gar nicht so einfach zu glauben, dass da noch wer ist, obwohl eigentlich niemand da ist.

Nach Spike Jonzes Her ist In Your Eyes nun ein weiterer Film, der eine Romanze in Abwesenheit des Liebespartners erzählt. Was sich bei Her in einem körperlich niemals vorhandenen Operating System manifestierte, ist hier immerhin nur eine örtliche (und durch verschiedenen Zeitzonen auch zeitliche) Trennung voneinander, obwohl man doch gemeinsam dieselben Momente durchlebt. Die Idee nennt sich Seelenverwandtschaft, wird hier filmisch durchgespielt, als gäbe es sie in ihrer pursten und reinsten Form. Wenn Dylan und Rebecca sich miteinander unterhalten, dann erzählen sie sich von Erinnerungen des anderen. Sie waren schon immer füreinander da. Vom Gefängnisaufenthalt Dylans bis zum Tod von Rebeccas Mutter und dem Gefühl, dass jemand bei ihm und ihr war um sich Halt zu geben.

Klever geschrieben, gut inszeniert, wunderbar gespielt. Mit In Your Eyes bekommt man eine ganz andere Sicht auf den Ausdruck „Ich werde immer bei dir sein“. Gut ausgewogen wird dabei deutlich, dass eine solche Seelenverwandtschaft Fluch und Segen zugleich sein kann.


In Your Eyes_Plakat”In Your Eyes„

Altersfreigabe: nicht bekannt
Produktionsland, Jahr: USA, 2014
Länge: ca. 106 Minuten
Regie: Brin Hill
Darsteller: Zoe Kazan, Michael Stahl-David, Nikki Reed, Mark Feuerstein, Steve Harris, Jennifer Grey

VoD-Start: 21. April 2014
Im Netz: inyoureyesmovie.com

Bilder © Bellwether Pictures


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