Filmkritik

“Immer Ärger mit 40” von Judd Apatow

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© Universal Pictures International Germany GmbH / Paul Rudd, Aimee Mann und Maude & Iris Apatow in "Immer Ärger mit 40"

© Universal Pictures International Germany GmbH / Paul Rudd, Aimee Mann und Maude & Iris Apatow in “Immer Ärger mit 40”

Komödien in Überlänge. Da vergeht einem als Zuschauer zumeist das Lachen vor dem Horror unzähliger nicht zündender Witze. Die Laufzeit jenseits der 120 Minuten bleibt daher oftmals noch biographischen Filmausflügen à la Steven Spielbergs „Lincoln“ vorbehalten oder aber dem guten Popcorn-Blockbuster-Kino im Science-Fiction, Fantasy oder Superheldengenre. Dann aber gibt es da diesen Drehbuchschreiber, Regisseur und Produzenten, dessen Name inzwischen nicht nur zum Synonym für das Genre der Komödie geworden ist, sondern eben auch für überlanges und exzessives herum trampeln auf gängigen Klischees, gepaart mit Furz-, Fäkal- und Genitalhumor. Aber selten hat das Anspruchslose so gut funktioniert wie bei Judd Apatow. Selbst Adam Sandler, nicht zu Unrecht 2012 mit allen zur Verfügung stehenden Goldenen Himbeeren, dem Negativ-Oscar, ausgezeichnet, entlockte er in „Wie das Leben so spielt“ 150 Minuten lang eine ansehnliche Performance.

Mit seinem neuesten Film „Immer Ärger mit 40“ bedient er sich jetzt bei sich selbst, befördert zwei Randfiguren aus seiner 2007er Komödie „Wie beim ersten Mal“ zu Hauptakteuren in den Wirren ihres ehelichen Alltags jenseits der Zahl 40. Dabei sind Paul Rudd und Apatow-Ehefrau Aimee Mann, ein auf der Leinwand wahnsinnig gut miteinander harmonierendes Pärchen, das das Ping-Pong-Spiel im Witze-reißen sichtlich beherrscht. Sie machen aus „This is 40“, so der Originaltitel, die Quasi-Verfilmung der allseits gefürchteten Midlife-Crisis. Sie spielen das auf ihren 40. Geburtstag zusteuernde Ehepaar Debbie und Pete, die neben dem seelischen Druck des vierten Jahrzehnts auch noch mit dem Wahnsinn in Form ihrer Familie zu Recht kommen müssen. Auch vor Schwierigkeiten im Job und dem allgemeinen Unwohlsein beim Älterwerden sind sie nicht sicher. Sie finden sich in einem Alter wieder, von dem sie niemals geglaubt hatten, dass sie es erreichen würden.

Aimee Mann mit Megan Fox

Aimee Mann mit Megan Fox

Besonders die Chemie zwischen Rudd und Mann muss hierbei als Zündstoff für die ewig selben Scherze Apatows gesehen werden. Was zuvor schon Steve Carell in „Jungfrau (40), männlich, sucht…“ abgeliefert hat und von Adam Sandler und Seth Rogen, anderen männlichen Hauptdarstellern, die sich in Apatow-Filmen des Erwachsenwerdens weigerten, fortgeführt wurde, weiß Paul Rudd in Zusammenarbeit mit Aimee Mann zu perfektionieren. Fast möchte man schon sagen, dass sie zum ersten Mal überhaupt funktionieren, diese Witze unter der Gürtellinie. Es ist ein Spaß den beiden Hauptdarstellern zuzusehen wie sie sich auf der Leinwand kebbeln, in immer wieder nichtig erscheinende Streitereien verfallen und sich so langsam und auf humorvolle Weise auseinander leben. Da kann es schon zu Ausrastern führen wenn Debbie mal wieder heimlich eine Zigarette raucht oder Pete einen Cupcake verdrückt. Auch wenn Debbie mit den Kindern – von Aimee Manns eigenen Sprösslingen Maude und Iris Apatow gespielt – zu schlechter, aber immerhin fröhlich machender Musik tänzelt, während der Musiklabelchef Pete darauf nur mit Kopfschütteln reagieren kann, macht sich Anspannung im Familienleben breit. Diesem alltäglichen Wahnsinn entflieht Pete regelmäßig, verbringt schon einmal eine halbe Stunde auf dem Klo, nur hier scheint er seine Ruhe zu finden, wenn er auf seinem iPad eine Runde Scrabble spielt. Währenddessen flüchtet Debbie vor ihrem Alter, zelebriert Jahr für Jahr ihren 38. Geburtstag, traut sich noch nicht einmal eine Ziffer an die 40 heran.

Die Alterseskapaden belässt Apatow natürlich nicht im Kreise der Familie, zumindest nicht der Vater, Mutter und zwei Kinder-Konstellation. Hierfür kann der Filmemacher auf viel zu viele Darsteller zurückgreifen, die sich inzwischen in seinem festen Repertoire befinden und deren Auftritte oftmals wie ein freundschaftlicher Gefallen wirken. So darf Jason Segel hier den hormongelenkten Fitnesstrainer spielen, der sich später mit Chris O’Dowd, ein Auftritt mit wuscheligen Oberlippenbart, um die stets als Sexbombe engagierte Megan Fox streiten darf. Hinzu kommt noch Melissa McCarthy, seit „Brautalarm“ als weiblicher Komödiennachwuchs par excellence gefeiert, hier als vulgäre Übermutter, die sich vor der örtlichen Schuldirektorin mit Rudd und Mann in die Haare bekommt. Und auch Apatows neueste Errungenschaft, Lena Dunham, deren Serie „Girls“ von Apatow Productions produziert wird, hat ihren Weg in das Filmuniversum dieses Mannes gefunden.

Paul Rudd mit Chris O'Dowd und Lena Dunham

Paul Rudd mit Chris O’Dowd und Lena Dunham

Die Länge macht sich derweil nicht bemerkbar, da Apatow es versteht, seinen Humor wohl proportioniert in Episoden darzulegen. So dürfen Debbie und Pete ihre Eskapismus-Gedanken auch einmal ausleben, in den Urlaub fahren und ein harmonisches Wochenende miteinander erleben, an dem sie sich von oben bis unten mit Kuchen vollschmieren. Das macht den beiden Spaß und zeugt von einer Verspieltheit, die sie Zuhause nicht mehr erleben. Dort liefern sie sich Anschrei-Duelle mit den Kindern, spüren nichts vom Spaß den sie in trauter Zweisamkeit miteinander haben. Und wie das Leben so spielt, um einen Apatow-Film zu zitieren, muss Debbie dann irgendwann auch noch einmal schwanger werden, was den Alltag endgültig zum Zusammenbruch bringt, ebenso wie das langsam aber sichere Aus für Petes Musiklabel, das stets die falschen Musiker verpflichtet. Hier schleicht sich das Drama in den Film hinein, die Komödie wird für kurze Zeit fallen gelassen und sowohl Paul Rudd wie auch Aimee Mann zeigen, dass sie über Fähigkeiten über den Apatow-Witz hinaus verfügen. Es gelingt den Ton einmal umzudrehen ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Auf einmal ist alles ganz ruhig, es gibt kein kindliches Gezeter, aber auch keine elterliche Streitereien mehr. In Anbetracht des vorher herrschenden Chaos macht sich hierüber nun auch beim Zuschauer ein gewisses Unbehagen breit. Die Angst, dass dieses Paar tatsächlich nicht mehr zueinander findet, erscheint als näher und realistischer als gewollt.

Da ist dann der Kern verborgen, der „Immer Ärger mit 40“ zu mehr macht als einer 08/15-Komödie. So überspitzt manche Episode erscheinen mag, so viel Wahrheit liegt auch in ihr Verborgen. Damit spricht Apatow nicht etwa nur die Generation 40+ an, sondern vermutlich auch die sich bereits mit 30 Jahren zu alt fühlende Generation. Es ist eben das ewige davonlaufen vorm Erwachsenwerden.

 


Immer Ärger mit 40_Hauptplakat

“Immer Ärger mit 40“

Originaltitel: This is 40
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 133 Minuten
Regie: Judd Apatow
Darsteller: Paul Rudd, Leslie Mann, Maude Apatow, Iris Apatow, Jason Segel, Megan Fox, Lena Dunham, Chris O‘Dowd, Albert Brooks, John Lithgow

Deutschlandstart: 14. März 2013
Offizielle Homepage: immeraergermit40.at


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