Ben Stiller hatte schon in Gefühlt Mitte Zwanzig von Noah Baumbach seine Probleme damit, älter zu werden. Der lustige Typ aus den Schwiegereltern-Filmen, der in seiner Jugend noch Verrückt nach Mary war, durchlebt eine filmische Midlife Crisis, bei der er sich immer wieder fragt, was er in seinem Leben eigentlich erreicht hat. So bricht er auch in Das erstaunliche Leben des Walter Mitty aus seinem tristen Alltag aus, weil er mehr Abenteuer in seinem normalen Leben erwartet hatte. Ähnlich ergeht es ihm in Mike Whites Brad’s Status – Im Zweifel Glücklich, nur dieses Mal ohne Charme und dafür m it mehr eingebildeter Hochnäsigkeit.

Brad (Stiller) ist nicht sonderlich glücklich über sein Leben. Er schaut neidisch auf die Erfolge seiner damaligen Schulkameraden, die allesamt einen besseren Weg als er selbst gewählt zu haben scheinen. Er lebt mit seiner Frau Melanie (Jenna Fischer) und Sohn Troy (Austin Abrams) ein nettes Leben in Sacramento und leitet eine gemeinnützige Non-Profit Organisation.

Das ist ihm allerdings nicht gut genug. Als er mit seinem Sohn eine College-Besichtigungstour macht wird ihm schnell klar, dass seinem Sprössling mit Möglichkeiten in Harvard, Yale oder Tufts ebenso ein besseres Leben bevorsteht. Statt Stolz oder Begeisterung fühlt sich Brad emotional zerstört. Er fühlt Neid auf seine ehemaligen Schulfreunde aus der Vergangenheit und Neid auf seinen eigenen Sohn und dessen strahlende Zukunft, während er in seiner eigenen Wahrnehmung eine Gegenwart der verlorenen Chancen und Möglichkeiten lebt.

Im Zweifel Glücklich
©2017 Amazon Studios LLC and Kimmel Distribution LLC
Brad (Ben Stiller) liegt nachts wach, was seine Ehefrau Melanie (Jenna Fischer) nervt.

Mike White hat in Im Zweifel Glücklich einen komplett falschen Fokus gelegt. Er gibt uns mit Ben Stillers Brad den Grumpy Old Man, der nicht witzig daherkommt, sondern einen Groll auf die gesamte Welt hat, wie er sie sich vorstellt – aus einer Denke heraus, die wir nicht nachvollziehen können oder erklärt bekommen. Es erscheint immer so, als würden Regisseur und Hauptdarsteller alte Werte von Geld, Prestige und Ansehen hochhalten wollen, können aber nie vermitteln, dass es eigentlich um andere Dinge gehen sollte.

Dafür sind die jungen Darsteller da. Diese dürfen nur am Rande auftreten, aber umso stärkere Aussagen hinterlassen. Dabei kämpft Austin Abrams in seiner Rolle gegen ein Drehbuch an, dass ihn zu einem kaum aufmüpfigen Sohn werden lässt, während wir Shazi Rajas Ananya abfeiern können. Sie spielt eine College-Studentin, die sich einen Abend lang das Gejammere von Brad anhören muss, ihm dann aber die Paroli bietet, die wir ihm gerne bereits nach den ersten fünf Minuten des Films schon an den Kopf geworfen hätten.

Sie sitzt in einer Bar vor ihm, ihre Kommilitonen haben die Szenerie bereits verlassen, ihr Blick ist leicht genervt auf den Mann ihr gegenüber gerichtet, der nicht so alt aussieht, wie der Film ihn erscheinen lassen will. “Warum musst du dich überhaupt vergleichen, mit wem konkurrierst du bitte?” fragt sie ihn direkt ins Gesicht. Ein kleiner Kommentar, der sofort den Film an sich reißt und einen Blick auf eine Welt wirft, in der jeder in seinem Gegenüber einen Konkurrenten zu sehen scheint, als dass er oder sie mit dem glücklich sein könnte, was mit eigener Hand und Willen erreicht worden ist.

Es geht noch weiter. Sie wirft ihm vor, dass sich sein Geplärre nach weißen, männlichen Mittelschicht-Geheule anhört. Er hat einen Job, er hat ein Haus, er hat eine Familie, er hat genug im Leben. Er sollte glücklich sein. Er strebt aber nach mehr. Er will eine Karriere in Hollywood (wie sein Schulfreund Nick, gespielt von Regisseur Mike White), er will zwei Freundinnen und mit 40 in den Ruhestand gegangen sein (wie sein Schulfreund Billy, gespielt von Jemaine Clement), er will eine große Firma leiten und seinen eigenen Privatjet haben (wie sein Schulfreund Jason, gespielt von Luke Wilson) oder eine Karriere als Autor und immer wieder im Fernsehen auftretender Polit-Berater haben (wie sein Schulfreund Craig, gespielt von Michael Sheen).

Im Zweifel Glücklich
©2017 Amazon Studios LLC and Kimmel Distribution LLC
Brad bekommt von Shazi Rajas Ananya die Meinung gesagt.

Brads Problem ist, dass er von einer realen Welt spricht, die sich lediglich in seinem Kopf abspielt, so wie wir seinen Gedanken aus dem Off folgen, in denen er davon erzählt, wie er in den sozialen Medien wieder von diesem und jenem gehört habe. Basierend hierauf flüchtet er sich in tagträumerische Fantasien über die Leben von Nick, Billy, Jason und Craig, während ihn sein eigenes Leben jede Nacht wach liegen lässt.

Je mehr Zeit Im Zweifel Glücklich Brad und seiner Gedankenwelt widmet, desto mehr wollen wir diesen Menschen von der Erde verbannen – mit seinen alten Vorstellungen vom Leben. Vielleicht ist es aber auch nur ein Problem der Betrachtungsweise, dass es tatsächlich noch Individuen gibt, die diese vergleichende, konkurrierende Sicht verfolgen. Sollte man sich zu dieser Gattung Mensch zählen, hält der Film vielleicht noch den einen oder anderen Gedankenblitz bereit.

Derweil dürfen wir Brad binnen kürzester Zeit richtig unsympathisch finden, uns nicht mit ihm und seiner Reise identifizieren, zumal diese ins gedankliche Nichts führt. Der neue Idealismus scheint ihn zu überfordern, als dass er eine Lebenserkenntnis haben könnte. Brad verhält sich in seiner Midlife Crisis überaus unreif, selbstsüchtig und schlicht wie ein belangloser Charakter in dieser Story, bei der wir uns wünschen, dass diese Figur in Im Zweifel Glücklich nur eine Randnotiz gewesen wäre.

IM ZWEIFEL GLÜCKLICH zeigt den wohl unsympathischsten Ben Stiller überhaupt. Seine Figur fühlt sich wie nicht aus dieser Zeit an, ist ein Abbild einer Generation von weißen Mittelklasse-Männern, die nur auf…