Bild Copyright Koch Media GmbH

Der letzte von Orson Welles in Hollywood gedrehte Film „Im Zeichen des Bösen“ eröffnet mit einer großartigen Kamerafahrt. Schon damals zeigte sich hierdurch, dass der Filmemacher Welles seiner Zeit weit, sehr weit voraus war. In dieser Sequenz wird eine Bombe in einem Auto platziert, dem die Kamera daraufhin dreieinhalb Minuten lang folgt, ohne einen Schnitt zu machen.

Das Auto fährt langsam eine Straße entlang, nebenbei werden die beiden Hauptfiguren, gespielt von Charlton Heston und Janet Leigh, auf dem Bürgersteig spazierend in die Handlung eingeführt. Es wird eine Horde von Schafen auf die Straße gesetzt, ein Hindernis, das den explosiven Zeitplan des Bombenlegers vielleicht durcheinanderbringen könnte. Auf der Straße herrscht ein Tohuwabohu, ein beeindruckendes Überall-passiert-etwas Geplänkel, dass Orson Welles sowohl beherrscht als auch dazu nutzt, der Situation diese Bombenspannung zu verpassen.

Die umfangreiche Plansequenz wird dann durch die Explosion des Autos beendet, ausgerechnet an der Grenze von Mexiko zu den USA, wo Hestons Figur des Miguel Vargas, ein Mitarbeiter der mexikanischen Drogenbehörde, und seine Frau Susie dem Ereignis in Sichtweise beiwohnen. Vargas beginnt mit den Ermittlungen, bekommt aber Konkurrenz durch den schleimig-verschwitzten Polizisten Hank Quinlan, in dessen Rolle der Regisseur Orson Welles selbst schlüpft. Dieser will ebenso die Ermittlungen in diesem Fall führen, doch Vargas vermutet, dass Quinlan nicht immer ganz legal bei seinen Fällen vorgeht und selbst Beweisstücke so platziert, dass schnell ein Täter gefunden wird, auch wenn dieser gänzlich unschuldig ist.

Charlton Heston wandelt hier in bester Tradition zu Humphrey Bogart als Film Noir-Held, bevor er ganze zehn Jahre später erst seine großartige Performance in dem Sci-Fi Film „Planet der Affen“ folgen lässt. Er wird aber auch von so vielen weiteren Darsteller*innen umspielt, Janet Leigh und Orson Welles an vorderster Front, dass man sich kaum darauf konzentrieren kann, wie gut Heston hier funktioniert, weil das Komplettpaket so überzeugend daherkommt.

Orson Welles besticht dabei durch seine Widerwärtigkeit als Polizist, der sich behäbig-langsam fortbewegt, wie eine schleimige Schnecke aus einem Auto gestiegen kommt und eine pure Verkörperung von Abartigkeit darstellt. Hinter sich zieht er eine korrupte Schleimspur her, die ihn immer wieder in das Bordell seiner alten Freundin Tanya (Marlene Dietrich) oder in einen Strip Club (von Zsa Zsa Gabor geleitet) führt. Welles zeigt als Regisseur ein Händchen für starke Frauenfiguren, immerhin gelingt es ihm in „Im Zeichen des Bösen“ Marlene Dietrich, Zsa Zsa Gabor und Janet Leigh nebeneinander zu positionieren und keine der drei Frauen hinten rüber fallen zu lassen.

Natürlich spielt Janet Leigh die weibliche Hauptrolle und darf dementsprechend stark spielen, wo die anderen beiden Damen lediglich kleine Momente in Nebenrollen erhalten. Leigh wiederum zeigt sich anfangs wortgewandt, witzig und vorlaut. Sie ist eine Frau, die zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit schwankt und dabei überraschend sympathisch, vor allem auch verletzlich bleibt, was sich später in einer Massen-Vergewaltigungsszene zeigt, die Orson Welles gekonnt nur mit der Kamera anzudeuten versteht.

Die Kamera, von Russell Metty geführt, bringt ohnehin ganz viel Atmosphäre in „Im Zeichen des Bösen“. In jedes Setting lässt er eine Film Noir-Ästhetik einfließen, die aus leicht gekippten und beunruhigenden Einstellungen besteht, als auch durch einen starken Fokus auf Schatten. Er zeigt, dass er die vollen Möglichkeiten seines kreativen Schaffens als Kameramann auszuschöpfen weiß.

„Im Zeichen des Bösen“, basierend auf dem Roman „Badge of Evil“ von Whit Masterson, ist ein wunderbar düsteres Beispiel bester Filmerzählung und -technik. Und das Orson Welles dies beherrscht, hat er schon 1941 mit „Citizen Kane“ unter Beweis stellen können, seinem All-Time-Klassiker um das Leben eines Medienmoguls. Aber hiermit wiederum liefert er dafür einen starken Beitrag zum Film Noir ab.