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Propaganda um Dunkirk in IHRE BESTE STUNDE

Es dürfte kein einfaches Unterfangen gewesen sein, als Regisseurin Lone Scherfig sich überlegt hat, mit Ihre beste Stunde eine historische Komödie zu drehen, die vor dem Hintergrund des Dramas um Dunkirk – oder Dünkirchen – im Zweiten Weltkrieg nicht immer nur lustig sein kann. Wo Christopher Nolan seinen Kriegsfilm an der Front angesiedelt hat, bleibt Scherfigs Film bei den Daheimgebliebenen, die auf ihre eigene Art und Weise dem Kriegstreiben entgegen wirken wollen.

Im London der 1940er Jahre schreibt Catrin Cole (Gemma Arterton) im britischen Propagandaministerium Texte für kleine Informationsfilme, während ihr Ehemann Ellis (Jack Huston) als Künstler nur wenig Geld in die Hauskasse bringen kann. Nachdem sich Catrin mit dem Schauspieler Ambrose Hilliard (Bill Nighy) zofft, schickt ihr Arbeitgeber sie auf eine Recherche-Reise zu den Zwillingen Lily und Rose Starling (Francesca & Lily Knight), die ihres Vaters Schiff zur Dunkirk-Evakuierung segeln wollten, deren Schiffsmotor aber vorzeitig den Geist aufgegeben hat.

Das möchte Catrin allerdings verschweigen und schlägt dem Ministerium vor, die vermeintlich heldenhafte Geschichte dieser beiden Frauen zu verfilmen, während der Kriegsminister (Jeremy Irons) einen amerikanischen Schauspieler in das Projekt einschleusen möchte, um so die Film-vernarrten Vereinigten Staaten für ihre Seite gewinnen zu können.

Ihre beste Stunde
Catrin Cole (Gemma Arterton) mit Schauspieler Ambrose Hilliard (Bill Nighy).

Erneut gibt sich Scherfig einer historischen Epoche hin. Dieses Mal nicht den 60er Jahren und einem in ihnen lebenden Schulmädchen (An Education), sondern den 30ern und einer Drehbuchautorin, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt, während sie sich Gedanken darüber machen muss, wie sie während des Krieges ihre Miete bezahlt bekommt. Jack Huston spielt einen wunderbar-überflüssigen Ehemann, der aufgrund einer Verletzung zu nichts mehr taugt – oder zumindest sich so verkauft, während Bill Nighy, charmant wie eh und je, deutlich macht, dass die Alten und die Frauen nur eine Chance haben, weil all die jungen Männer sich im Krieg befinden.

Bill Nighy kann niemals uncharmant sein. Seine Rollen strahlen nur so vor Ausdruckskraft. Ob verrückt-versoffen in Tatsächlich…Liebe, ob alt und weise in Best Exotic Marigold Hotel oder in Franchises wie Underworld, Fluch der Karibik und Harry Potter – immer ein wenig unter dem Radar, aber ein absolut immer unterhaltsamer Darsteller, der uns mit einem romantischen Lied zu Tränen rühren kann, nur um im nächsten Moment einen grantigen Schmollmund zu machen, sich als Grumpy Old Man über etwas zu beschweren und uns so zum Lachen zu bringen.

Die Regisseurin hat derweil selbst nur Frauen um sich versammelt, um diese Geschichte einer Frau unter Männern zu verfilmen. Scherfig arbeitet nach einem Drehbuch von Gaby Chiappe, das wiederum auf einem Roman der Schriftstellerin Lissa Evans basiert: “Their Finest Hour and a Half” aus 2009.

Es gebührt ihren gemeinschaftlichen Bemühungen, dass aus Gemma Arterton diese starke Performance herausgeholt wird. Obwohl ihre Catrin Cole mit Sam Claflins Tom Buckley noch einen Drehbuchautoren zur Seite gestellt bekommt, der zumindest anfangs davon ausgeht, dass Frauen keine Helden sein wollen, sondern sie die Helden am Ende eines Abenteuers haben wollen (Uff!), gelingt es ihr, ihre Ellbogen auszufahren und sich durchzubeißen – wenn auch mit etwas wenig Witz, was ihrer Figur hier und da durchaus gut getan hätte.

Ihre beste Stunde
Catrin muss sich immer wieder gegen ihren Kollegen Tom Buckley (Sam Claflin) durchsetzen.

Derweil bietet Ihre beste Stunde einen großartigen Einblick in die Maschinerie des Filmemachens – auch über Hollywood hinaus. Während Catrin Cole ihre Geschichte so dicht wie möglich an der Realität erzählen möchte (minus dem veränderten Ablauf um die Frauen als Heldinnen zu zeigen), drehen ihr die Studiobosse die Handlung sofort in Richtung Dramatik, Theatralik und Inszenierung um, denken dabei natürlich immer nur an das potenzielle Standard-Publikum: Alt, Weiß, Mann, Unterhaltungssüchtig.

Aber Ihre beste Stunde ist eben auch ein Film von einer Frau, über eine Frau, die ihre Perspektive erzählen möchte. Frauen im Film, Frauen hinter der Kamera, in welchem Bereich des Filmemachens auch immer, ist gerade heute, besonders in Hollywood ein großes Thema. Es ist eine neue Emanzipations-Bewegung für gleiche Rechte, gleiches Geld und gleiche Rollen vor der Kamera, wenn es ums Filmemachen geht.

Lone Scherfig schaut auf die starken Frauen im Hintergrund, aber auch auf ihre eigene Arbeit als Regisseurin. Dabei hebt sie immer wieder schön die visuellen Ebenen zwischen ihrer Filmrealität und dem Film-im-Film ab, die sich irgendwann aber auch miteinander vermischen. Es mag zum großen Teil Make-Believe sein, aber in Ihre beste Stunde steckt allerhand Wahrheit drin. Ob nun zu Zeiten der Dunkirk-Evakuierung oder heute – dieser Film stärkt das Image der Damen, die ebenso und vor allem gleichberechtigt ihren Platz im Filmbusiness verdient haben.

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