Filmkritik

“I Declare War” von Jason Lapeyre & Robert Wilson

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Michael Friend als Jamie (links), in seiner Gewalt Siam Yu als Paul.

Michael Friend als Jamie (links), in seiner Gewalt Siam Yu als Paul.

Dass Kinder keine Unschuldslämmer sind ist spätestens seit 1954 bekannt, als der britische Schriftsteller William Golding seinen Roman Lord of the Flies (Herr der Fliegen) veröffentlichte. Eine Gruppe von Kindern strandet auf einer einsamen Insel, organisiert sich selbst und manövriert sich dabei in einen Krieg, der es in sich hat. Als ein bedenklicher Beitrag zum Wesen der menschlichen Natur, scheuen sich die Kinder nicht einmal vor Mord, stecken einen ganzen Urwald in Brand. Heutzutage haben solcherlei Dinge schon fast an Normalität gewonnen. Hit-Girl geht auf Verbrecherjagd, zeigt fernab von ausgefeilten Kampftechniken auch ein Mundwerk, dass mehr als ein Stück Seife nötig hätte – der kleine Carl Grimes aus der Fernsehserie The Walking Dead (Chandler Riggs) hantiert mit gefährlichen Waffen, geht mit stoischer Hartnäckigkeit gegen Zombies vor, als habe er jegliche kindliche Distanz zu Brutalität und Gewalt bereits verloren.

Einer ähnlichen Thematik widmet sich I Declare War. Eine Gruppe von Kindern spielt in einem Waldstück Krieg, scheinbar mit realen Waffen treten zwei Teams gegeneinander an und massakrieren sich um an eine Flagge im gegnerischen Lager zu gelangen – “Capture the Flag” in seiner realsten Form. Erst ein wenig später und immer nur in kurzen Sequenzen machen die Regisseure Jason Lapeyre und Robert Wilson deutlich, dass sich diese Realität nur in der Fantasie der Kinder abspielt. Die Gewehre sind eigentlich nur Äste, ein dicker Baumstamm wird zur Panzerfaust, Wasserballons zu Granaten.

I_Declare_War_Bild_01Das Drehbuch stammt ebenfalls von Lapeyre und hält manche herrliche Zeile parat. “Was hast du nach dem Krieg vor?” fragt einer der Jungen, die Antwort kommt nach kurzer Denkpause: “Du kommst rüber, wir essen Pizza und schauen einen Film”. Die realen Bilder des Krieges mögen hier verharmlost werden, aber ein gewisser Witz steckt dennoch dahinter. Mag man über solche Momente noch kurz schmunzeln, bleibt einem das Lachen dann aber doch in der Kehle stecken, je mehr man begreift, dass hier Fantasie und Realität immer weiter verschwimmen. Die Grenzen werden immer unklarer. Zwar wird mit falschen Waffen geschossen, die Granaten produzieren allenfalls Farbflecken auf der Kleidung der Kinder, die mit dem Todesstatus nach Hause geschickt werden, aber Schläge, Tritte, Entführungen und Erpressungen, psychische Terrorspiele entspringen der puren Verzweiflung der Kinder, vor allem der des ultimativen Außenseiters (Jamie gespielt Michael Friend), der sich unbedingt den “bester Freund”-Status zurück erkämpfen möchte.

Hierfür scheut er sich nicht die Regeln des Krieges zu brechen. Ja, die Kinder haben sich Regeln auferlegt: Regel 1. Die Generäle suchen Teams und Basis aus. Du kannst deine Basis nicht verlegen. Regel 2. Wenn du erschossen wirst, bist du gelähmt, bis zu zehn Dampfschiffe abgezählt hast. Regel 3. Wenn du von einer Granate getroffen wurdest, bist du tot. Geh nach Hause. Regel 4. Du gewinnst, wenn der General die Flagge des anderen Teams einnimmt. Diese Regeln werden eingangs als schön bebilderte, bunte Animationen dargelegt, als käme hier gleich tatsächlich ein unterhaltsamer Zeichentrickfilm für Kinder.

Aidan Gouveia als Quinn

Aidan Gouveia als Quinn

Aber schon bald geht es gar nicht mehr um diese Regeln. Denn schnell haben auch die Kinder, zumindest Jamie, entdeckt, dass das unfaire Spiel weitaus mehr Vorteile einbringt. Offenbar, so der gesellschaftskritische Unterton, ebenfalls einer dieser Dinge, die in der menschlichen Natur begraben liegen. Ebenso wie die Wortwahl, wo auch immer diese Kinder Begriffe wie Bitch, Leck mich und fick dich herhaben, die Verrohung und viel zu schnelle Berührung mit der Erwachsenenwelt, der Verlust des Kindseins durch die Nachahmung der “großen” Welt führt zu manch erschreckender Entwicklung. Wie Veteranen unterhalten sich die Kinder über den “ersten Krieg”, ernennen denjenigen zum Kriegshelden, der bereits die meisten Fahnen als General eingeholt hat.

I Declare War holt die Innere Fantasie der Kinder nach Außen, führt einer Erwachsenenwelt vor, was es eigentlich heißt, mit der Vorstellungskraft ausgestattet, Krieg zu “spielen”. Die Kinder machen das vor der Kamera überzeugend gut, bringen aber größtenteils auch allesamt schauspielerische Vorerfahrungen aus Fernsehfilmen und -serien mit. Manchmal mag eine Unterhaltung etwas redundant wirken – “Kann ich mir dir reden?” – “Wir reden doch.” – “Ich weiß, kann ich dir etwas sagen?” – und an mancher Stelle fehlt sicherlich die sichtbare Motivation der Figuren, weiter an diesem martialischen Spiel teilzunehmen. Aber trotzdem bewegt sich der Film auf einer ansprechend sehenswerten Ebene, die vor allem aus der Verschmelzung von Realität und Fantasie hervor geht.


I Declare War“I Declare War”

Originaltitel: I Declare War
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: Kanada, 2012
Länge: ca. 94 Minuten
Regie: Jason Lapeyre & Robert Wilson
Darsteller: Siam Yu, Gage Munroe, Michael Friend, Aidan Gouveia, Mackenzie Munro, Alex Cardillo

Heimmedienstart: 29. Januar 2014
Im Netz: ofdb.de/i-declare-war


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