Kinokritik

Doku als Pflichtlektüre: I AM NOT YOUR NEGRO

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Wenn eine Doku wie I Am Not Your Negro dazu imstande ist, die Zuschauer aufzurütteln, muss sie ein wertvolles Stück Film sein.


I Am Not Your Negro

I Am Not Your Negro

Die weiße Bevölkerung protestiert aus Angst vor dem Machtverlust.

Einer der stärksten – von vielen – Momenten in I Am Not Your Negro, einer Dokumentation über die Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten, lässt uns den Sprechtext eines “Hier ist einfach alles Großartig”-Werbefilms über die USA hören, während dazu Bilder und Videos von Gewalt gegen Schwarze gezeigt werden. Man möchte als Zuschauer lachen, was aber irgendwo im Halse stecken bleibt. Darüber lacht man nicht. Das ist die harte Realität. Und das macht uns diese Doku nur allzu deutlich bewusst.

Die Doku kommt von Regisseur Raoul Peck und basiert auf dem unfertigen Manuskript “Remember This House” von James Baldwin. Als Erzähler konnte Peck Samuel L. Jackson gewinnen, der mit seiner bekannt-eindringlichen Stimme eine weitere Ebene zur dokumentarischen Darstellung dieser abstrusen Abscheulichkeit des Schwarzen-Hasses beiträgt, indem der Regisseur ihn nur Dinge sagen (oder lesen) lässt, die der seit 30 Jahre tote Baldwin in seinen Manuskripten aufgeschrieben hat.

In Baldwins Skript geht es ganz stark um drei Persönlichkeiten, die sich allesamt dem Rassismus stellen mussten: Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King, Jr., allesamt Freunde von Baldwin, allesamt ermordet. Aber auch seine eigenen Erfahrungen hat er mit eingearbeitet, wodurch es zur Verknüpfung von persönlichen und historischen Beobachtungen kommt.

Nur äußerst selten gelingt es einem Dokumentar-Regisseur so objektiv und doch deutlich positioniert – was an der Sache an sich liegt – zu filmen. Peck erweist sich als Genie in der Auswahl seines Materials, wie er dieses zusammen schneidet und daraus eine Erzählung entstehen lässt.

Er stellt klare Argumente und ein besonnendes Verhalten gegen die Panik der weißen Bevölkerung vor der “großen Bedrohung des bösen schwarzen Mannes” – was allein beim Zusehen schon lächerlich wirkt. Er zeigt uns die Machtverhältnisse, die angekratzt werden könnten, wenn der schwarze Mann in die weiße Welt eindringt. Hier werden Ängste geschürt, die verboten gehören.

Hier wird der Film gar zu einer poetischen Dokumentation, wenn Bilder wiederum mit einem Gedicht über eben jene Machtgier unterlegt werden. Das trifft es auch über solche Momente hinaus äußerst gut. Mit poetischer Präzision gelingt es Peck jeden Moment von I Am Not Your Negro relevant erscheinen zu lassen. Eine Kette von Darstellungen und Worten, die untrennbar voneinander zu einem großen Ganzen zusammengeführt werden und einen Rundumschlag an Grausamkeit und Ungerechtigkeit aufzeigen.

Wir bekommen sogar James Baldwin selbst zu Gesicht – mehr als einmal. Er diskutiert in der The Dick Cavett Show zu einer Zeit, wie angemerkt wird, in der “Ideen” tatsächlich noch im Fernsehen besprochen werden. Viel schöner ist es, ihn in einer großartigen Debatte an der University of Cambridge zu erleben.

Es ist diese Kombination, die I Am Not Your Negro so unverzichtbar für die Dokumentarfilm-Welt macht: wir lernen den Autor kennen, wir sehen wie der Regisseur seinen Teil zu dieser Kollaboration beiträgt und bekommen Missstände aufgezeigt, so dass sie eindringlich auf uns einwirken und unser Denken beeinflussen werden.

In einer mediatisierten Welt muss man über I Am Not Your Negro einfach sagen, dass sich die Doku wunderbar als schulische “Lektüre” eignen würde. Und sei es einfach nur, um zumindest einen Teil unserer Menschheit verpflichtend mit diesem dokumentierten Lehrstück zu behelligen.

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