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Horror Anthologien #4 | “XX” (2017)

Die Horror-Anthologie XX ist eigentlich eine ziemlich gute Idee. Vier Regisseurinnen inszenieren vier Kurzfilme, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen. Gerade im von Männern beherrschten Hollywood möchte man sich über so eine Initiative freuen. Vor allem das Horror-Genre ist doch mit wenigen Ausnahmen eine ziemlich männliche Domäne. Leider kommt keiner der Kurzfilme auch nur Ansatzweise an die Qualitäten von Filmen wie The Babadook (Jennifer Kent), Carrie (Kimberly Peirce) oder A Girl Walks Home Alone At Night (Ana Lily Amirpour) heran.

Die Anthologie besteht aus Filmen von Roxanne Benjamin (Southbound), Karyn Kusama (Jennifer’s Body), “St. Vincent” Anne Clark (Regiedebüt) und Jovanka Vuckovic (Spielfilm Regiedebüt).

Die verschiedenen Kurzfilme sind gerahmt durch Stop-Animation-Segmente, die wiederum in keinerlei Zusammenhang mit den Filmen stehen. Aber die durch Regisseurin Sofia Carrillo inszenierten Zwischensegmente sind das eigentliche Highlight von XX. Unheimliche Hände krabbeln in einem Puppenhaus umher, Augäpfel blinzeln furchterregend und Motten fliegen bedrohlich umher. Damit gelingt es Carrillo von allen Beteiligten am besten, eine düstere, gespenstische Horrorfilm-Atmosphäre zu erzeugen.

XX
In “The Birthday Party” von der Musikerin St. Vincent gibt eine Mutter alles dafür, die Party ihrer Tochter zu schmeißen.

Jovanka Vuckovic eröffnet XX mit ihrem Kurzfilm The Box, der auf einer Kurzgeschichte von Jack Ketchum basiert und den klassischen “What’s in the Box?” folgt – ein Geheimnis das wir nicht erfahren werden, das aber ausreichen soll, um uns in Schrecken zu versetzen. Daran scheitert die Regisseurin allerdings. Es geht um einen kleinen Jungen, der in der U-Bahn einen Blick in die Box eines mysteriösen Mannes wirft und daraufhin aufhört zu essen. Die Familie sorgt sich. Der Junge erzählt seiner Schwester von seinem Geheimnis. Dann seinem Vater. Alle verändern sich, nur die Mutter bleibt außen vor. Dabei entsteht nie ein Horror-Gefühl, es gibt ebenso wenig eine Auflösung, nur ein verstörendes Endbild der Familie.

In The Birthday Party von der Musikerin St. Vincent – hier unter ihrem richtigen Namen Annie Clark – versucht eine Mutter eine Geburtstagsfeier für ihre Tochter Lucy zu veranstalten, wenn sie ihren Mann tot in seinem Bürostuhl vorfindet. Neben einer merkwürdig-unheimlich herum schnüffelnden Haushälterin, besteht der Film aus dem Versuch der Mutter, die Leiche des Ehemanns versteckt zu halten, um die Party dennoch stattfinden zu lassen. Clark – kaum verwunderlich – versucht Atmosphäre durch Musik zu schaffen, die sich aber so sehr in den Vordergrund drängt, dass die Handlung fast unsäglich unwichtig bleibt. Da wurde der falsche Fokus gesetzt.

Roxanne Benjamin schafft mit Don’t Fall den sehenswertesten dieser Kurzfilm-Sammlung. Vier Freunde begeben sich auf einen Ausflug in die Wildnis, bei dem die beiden Männer eine Menge Mansplaining gegenüber den Frauen raushängen lassen. Eine der Damen zeigt sich äußerst ängstlich gegenüber allem, wird dann aber von einem Fluch befallen und verwandelt sich in ein mordendes Monster. Es ist vermutlich die klassischste Variante des Horrors, aber Benjamin gelingt es, durch ihre Bilder die den anderen Filmen fehlende Horror-Atmosphäre zu erzeugen. Mit der richtigen Idee traut man es dieser Regisseurin am ehesten zu, einen Langfilm zu inszenieren, der ähnlich düster-gruselig funktioniert.

XX
Regisseurin Karyn Kusama dreht mit “Her Only Living Son” einen Film von einer Mutter und ihrem teuflischen Sohn.

Und das, obwohl sich auch Karyn Kusama mit ihrem Her Only Living Son in der Riege der Regisseurinnen von XX befindet, die schon mit Jennifer’s Body oder Aeon Flux Ausflüge in die abendfüllende Spielfilm-Welt gemacht hat (über die Qualitäten der jeweiligen Filme lässt sich vermutlich streiten). Auch sie hält starke Bilder parat, wenn sie von einem Jungen erzählt, der seinen Vater nicht kennt, was die Mutter scheinbar nicht ohne Grund verschweigt. Denn der Teufel höchstpersönlich könnte in bester Rosemary’s Baby-manier hinter der Vaterschaft stecken. Zwar ist das Ende stark, bis es soweit ist, verliert sich Kusama aber in gähnender Aufbau-Arbeit.

Eine Mutter, die sich von ihrer Familie entfremdet fühlt. Eine Mutter, die alles für den Geburtstag ihrer Tochter aufopfert. Eine Frau, die durch Mansplaining zum Monster-Dasein getrieben wird. Und eine Mutter, die ihrem Sohn den teuflischen Vater vorenthält. Auch wenn immerhin einer dieser Kurzfilme sehenswert ist, fehlt es dem Gesamtkonzept doch an der Kraft und Stärke, an der Aussagekraft eines The Babadook. Hier wird unausgeglichen und langweilig erzählt, was eine Schande für ein Projekt wie XX darstellt.

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