Selten verlässt man sich so arg auf eine Schauspiel-Debütantin. Auch wenn Elizabeth Olsen inzwischen im Marvel Cinematic Universe ihre Mainstream-Qualitäten bewiesen hat, so war sie noch 2011 ein absoluter Neuling. Dennoch wurde sie von den Regisseuren Chris Kentis und Laura Lau für das US Remake des uruguayischen La Casa Muda, Silent House verpflichtet – ein Film der eine durchgehende Kamera ohne Schnitt suggeriert, die gesamte Zeit auf seine Hauptdarstellerin gerichtet, die einen höllisch guten Job abliefert.

Olsen spielt Sarah, die gemeinsam mit ihrem Vater (Adam Trese) und Onkel (Eric Sheffer Stevens) ein heruntergekommenes Haus irgendwo im Nirgendwo aufmöbelt um es verkaufen zu können. Ein Streit von Vater und Onkel führt dazu, dass der Bruder des Vaters erst einmal abhaut, nicht ohne sich noch über die inzwischen erwachsende und äußerst hübsche Nichte zu wundern, sie mit einer Taschenlampe unheimlich gruselig ins Rampenlicht seiner Gelüste zu stellen.

Silent House
Sarah (Elizabeth Olsen) zwischen ihrem Vater (rechts) und Onkel (links)

Später trifft Sarah noch auf Sophia (Julia Taylor Ross), eine alte Freundin aus Kindheitstagen, an die sie sich jedoch nicht erinnern kann. Die beiden wollen sich mal wieder treffen, Sarah bleibt allerdings skeptisch. Schon bald wird sie aber durch merkwürdige Geräusche im Haus hiervon abgelenkt. Sie sieht einen Schatten, findet ihren Vater bewusstlos auf und bei der Flucht aus dem Haus stellt sie fest, dass alle Ausgänge verschlossen sind.

Der gesamte Film ist auf Misstrauen aufgebaut. So sehr man sich anfangs über Eric Sheffer Stevens Onkel Peter aufregen möchte, weil er einfach von Beginn an eine creepy Verhaltensweise an den Tag legt, so gut ist doch der Aufbau dieser Figur gemacht um einen späteren Twist funktionieren zu lassen. Er ist es auch, der uns als erster auf Löcher in der Hauswand aufmerksam macht. Hier spinnt die Geschichte eine gute Struktur zusammen, um nicht nur die Baufälligkeit dieses Gemäuers aufzuzeigen, sondern uns nach und nach mit Indizien zu versorgen, was in diesem Haunted House wirklich vor sich geht – und es ist nichts Übernatürliches.

Wie schon in Jennifer Kents hervorragendem The Babadook steht der Horror hier sinnbildlich für ganz andere reale Probleme, was Silent House nur umso besser macht. Wenn dann die alte Freundin Sophia auftaucht, nicht minder creepy als der Onkel, Sarahs Haare anhimmelt, in Erinnerungen von gemeinsamen Spiel-Nachmittagen schwärmt und unbedingt die Zeit mit ihr auffrischen möchte, dann wächst unsere Skepsis gegenüber dieser Geschichte nur umso mehr.

Den Regisseuren gelingt es dabei wunderbar – und das ist auch nötig – uns in der ersten halben Stunde dieses Misstrauen entwickeln zu lassen, um dann mit Sarah in diesem Haus eingeschlossen zu werden. Der Blick der Kamera ist immer auf sie gerichtet, manches Mal sehen wir nicht mehr als die Protagonistin selbst, was den unheimlichen Horror dieser Inszenierung ausmacht. Irgendwo in diesem Haus ist ein Mann, der das “Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?”-Spielchen zu spielen scheint, während die Angst hierüber in Elizabeth Olsens Gesicht geschrieben steht, das mehr als einmal in absolute Panik verfällt.

Silent House
Elizabeth Olsen spielt großartig in SILENT HOUSE

Wenn sie rückwärts von einer Tür weggeht, bleibt die Kamera auf ihren Rücken gerichtet, so dass wir mit ihr rückwärts gehen, Blick auf die Tür, nicht wirklich wissend was hinter ihrem Rücken – hinter unserem Rücke – passieren mag. Die Kamera ist immer ganz dicht bei Sarah, oftmals bekommen wir nicht mehr als ihr Gesicht in Großaufnahme zu sehen. Silent House holt uns damit ebenso tief in die Handlung hinein und lässt uns die enorme Hilflosigkeit spüren, die Sarah in ihrer misslichen Lage fühlt.

Olsen schwankt dabei zwischen den Gefühlslagen einer Panik. Mal kann sie sich gerade so zusammen reißen, weiß genau dass sie ruhig sein muss, während ihr die Tränen aus den Augen kullern vor Angst. Hier spüren wir ihre innere Unruhe, wie es brodelt, wie sie gerne laut aufschreien würde es aber unterdrücken muss. In anderen Momenten bricht diese Panik wie ein Vulkan aus ihr heraus. Olsen zeigt in ihrem Schauspieldebüt, dass sie dieselben Emotionen in unterschiedlichsten Variationen darstellen kann.

Manchmal driftet der Film allerdings ab und gibt uns zu offensichtliche Hinweise auf eine mögliche Lösung des großen Silent House-Geheimnisses. Wenn Vater und Onkel mysteriöse Fotos zu verstecken versuchen, verhalten sie sich wie Elefanten im Porzellanladen. Dann wissen wir ganz genau, dass diese Fotos ganz sicher irgendeine Bedeutung haben werden.

Sobald sich das Puzzle zusammensetzt wird Silent House aber noch besser. Dann merkt man erst, dass es nicht nur eine Home Invasion / Haunted House-Story ist, sondern viel mehr dahinter steckt. Der Film zeigt eine äußerst gut konstruierte Geschichte, die vor allem durch Elizabeth Olsens Performance mitzieht, technisch wunderbar umgesetzt wurde und einen gut funktionierenden Horrorfilm-Twist präsentiert, ohne jemals auf große Schockmomente setzen zu müssen.