Wahn oder Wirklichkeit? Stanley Kubricks 1980er Haunted House oder Haunted Hotel Film The Shining möchte uns einen brual-besessenen Jack Nicholson vorführen, der in einer erinnerungswürdigen Filmszene mit einer Axt eine Tür einschlägt und “Hier ist Johnny” in manisch-psychopathischer Großaufnahme von sich gibt. Passiert das wirklich oder entspringt es einer überspitzten Fantasie seiner Ehefrau Wendy, angestachelt durch vergangene Brutalitäten gegenüber ihrem gemeinsamen Sohn Danny?

Eigentlich beginnt alles ganz harmonisch. Jack Torrance (Nicholson) sucht das abgelegene Overlook Hotel auf, wo er über den Winter den Job als Verwalter übernehmen soll. Er holt für diese Zeit seine Frau (Shelley Duvall) und seinen Sohn (Danny Lloyd) in das Hotel, wo die Familie einige Zeit verbringen soll, während Jack hier die Ruhe finden möchte, um seinen neuen Roman zu schreiben.

Noch vor fünf Monaten war Jack Torrance dem Alkohol verfallen. Wenn er betrunken nach Hause gekommen ist, bekam vor allem der Sohn Danny das zu spüren. Aber er hat den teuflischen Getränken abgesagt und scheinbar hält die Familie wieder zusammen. Aber auch das ist nur eine Illusion. Das merken wir bereits, wenn sich Jack verloren in eine gigantische Halle vor die Schreibmaschine setzt, während sich Wendy und Sohn Danny irgendwo anders in dem riesigen Hotel einen möglichst normalen Alltag gestalten: Frühstück, Spiele, Fernsehen. Nur sieht man die Familie nie zusammen sitzen. Es sind Mutter und Kind, gänzlich abgespalten von dem entfremdeten Vater.

The Shining
Danny Lloyds trifft als Danny Torrance auf die Horror-Zwillinge

Das Hotel wird für Jack Torrence zu seiner persönlichen Fortress of Solitude in eisiger Abgeschiedenheit und abgeschnitten von jeglicher Zivilisation. Wenn dann diese lakonische Ruhe der Einsamkeit durchbrochen wird und Jack Nicholson in seiner Rolle immer mehr seinen fantastischen Psychosen erliegt, bekommen wir die gebündelte Kraft seines Schauspiels zu sehen – mit all seinen mimischen Fähigkeiten uns groteske Grimassen entgegen zu werfen.

Aber sein Sohn, gespielt von Danny Lloyd steht ihm in nichts nach. Nimmt er wirklich den Horror im Hotel wahr oder erleidet er schreckliche Kindheitsfantasien nachdem sich sein Vater brutalst gegen ihn gewendet hat. Er spricht mit knarrender Stimme als sein imaginärer Freund Tony, der laut ihm ein kleiner Junge ist, der in seinem Mund lebt. Nicht sehr vertrauenswürdig.

Und dann wäre da natürlich noch die Kamerafahrt durch die verlassenen Flure des Hauses. Danny auf seinem kleinen Dreirad, die Kamera auf seiner Höhe, hinter ihm her fahrend. Er trampelt kräftig in die Pedalen, biegt um jede Ecke um, bis er vor zwei gruseligen Zwillingen steht. Zwei Mädchen im Kleidchen, die für immer und immer mit ihm spielen wollen. Dann setzt Dannys Shining ein und beschert ihm einen scheinbaren Rückblick in die Vergangenheit. Die Mädchen mit einer Axt ermordet, blutig am Boden liegend.

Ist es nun dieses Shining, diese psychische Gabe, die es laut Autor Stephen King ermöglicht, Gedanken zu lesen und sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft zu sehen – oder aber sind es Dannys gewalttätige Erfahrungen im Elternhaus, die sich durch die immense Fantasie der Kindheit beflügelt fühlen?

The Shining
Shelley Duvall als verzweifelte Ehefrau Wendy Torrance.

Mit seiner knarrenden Tony-Stimme sagt er irgendwann zu seiner Mutter: “Danny ist nicht mehr hier, Mrs. Torrance”. Der Junge nuckelt nur noch am Daumen, hat geistig abgeschaltet durch all den durchlebten Horror.

Mutter Wendy-Darstellerin Shelley Duvall bekommt hier nicht sonderlich viel zu tun. Sie muss ihr Schicksal ertragen, darf sich minimal zur Wehr setzen, findet sich aber mehr auf schreiender Flucht wieder, als dass sie aktiv etwas gegen ihren Ehemann – oder ihre eigenen Fantasien, vielleicht durch das Verhalten Dannys angestachelt – tun könnte.

The Shining zeigt wunderbar, wie es in einem Haunted House Film gar nicht so sehr um die Geister, Dämonen und Erscheinungen gehen muss, sondern die Lebenden in den Mittelpunkt gestellt werden können. Stanley Kubrick filmt einen wahnsinnigen Jack Nicholson mit der Ruhe, mit der er schon in 2001: Odyssee im Weltraum einen psychedelischen Alptraum und die Macht der künstlichen Intelligenz auf die Menschheit prallen ließ.